Donnerstag, 25.04.2019
 
Seit 02:10 Uhr Zur Diskussion
StartseiteInformationen am MorgenLinke gedenken sozialistischer Vordenker14.01.2019

100. Todestag von Rosa Luxemburg und Karl LiebknechtLinke gedenken sozialistischer Vordenker

Am 15. Januar 1919 ermordeten rechtsgerichtete Freicorps-Soldaten die Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Zum 100. Jahrestag häufen sich die roten Nelken an der Gedenkstätte der Sozialisten. Aber auch am kleinen Stein für die Opfer des Stalinismus verharren viele.

Von Claudia van Laak

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
13.01.2019, Berlin: Auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde wird der 1919 ermordeten Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gedacht.  (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)
Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)
Mehr zum Thema

Rosa Luxemburgs geistiges Erbe „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“

100. Todestag von Luxemburg und Liebknecht Gysi: Sie wären Rechtsextremen nie entgegengekommen

Eine Lange Nacht über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „Ein scharfer Wind bläst durch die Lande“

Das Berliner Schalmeienorchester "Fritz Weineck" trotzt dem strömenden Regen. Am Stand gegenüber präsentiert sich der Freundeskreis Ernst Thälmann, daneben verkaufen sie Regenschirme für 4,50 Euro und Erbsensuppe mit Bockwurst. Tausende Demonstrantinnen und Demonstranten mit roten Nelken in der Hand haben zuvor der vietnamesischen Blumenhändlerin am S-Bahnhof Lichtenberg zu einem Rekordumsatz verholfen.

Der Redner der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands sieht die Bundesrepublik kurz vor einer Revolution.

"Und wir müssen diesmal die revolutionären Kräfte rechtzeitig gebündelt haben und deswegen steht die MLPD mit Wort und Tat zur Seite. Vielen Dank."

Andere kommen zum Gegengedenken

Neben der MLPD hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung Platz, auch Rote Hilfe, Kommunistische Arbeiterzeitung, DKP und KPD dürfen nicht fehlen. Nicht zu vergessen ein Verein namens ISOR – ein Zusammenschluss ehemaliger Angehöriger von Stasi, NVA und DDR-Grenztruppen.

"Wenn man sich den Mummenschanz hier vor dem Friedhof anschaut, denkt man, man ist wirklich mitten in der tiefsten DDR", sagt Mario Röllig. Der 51-Jährige – zu DDR-Zeiten von der Stasi drangsaliert - hat wie jedes Jahr zu einer Art Gegen-Gedenken aufgerufen. Seine Blumen sind nicht die roten Nelken.

"Weiße Rosen. Einfach aus dem Grund, ich selber bin Kind der DDR. Ich bin dort aufgewachsen, für mich war es damals schon immer gruselig, zum 1. Mai mit roten Nelken gehen zu müssen oder dann eben auch zum 7. Oktober an den Regierenden der DDR an der Tribüne an der Karl-Marx-Allee als bestellter Demonstrant vorbeiziehen zu müssen."

Eine der vielen Demonstrationen zu Ehren der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (1988) (picture alliance/dpa/ADN)1988: Eine der vielen Demonstrationen zu Ehren der Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Rosa Luxemburg (picture alliance/dpa/ADN)
Mario Röllig und seine Mitstreiter wickeln die weißen Rosen aus dem Papier, zünden Kerzen an, stellen sich rund um den winzigen, von Moos überwachsenen Gedenkstein, auf dem "Den Opfern des Stalinismus" zu lesen ist - in Sichtweite der offiziellen "Gedenkstätte der Sozialisten."

Ein Pärchen kommt vorbei, die Armbinden weisen die beiden als Ordner der Demonstration aus. Sie legt eine Nelke vor den Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus, er nicht.

"Ich bin Mitglied der Linken und überzeugte Sozialistin. Und ich weiß eben, dass ein großer Teil der Opfer des Stalinismus Kommunisten waren. Und für die habe ich eine Nelke hingelegt."

"Dieser Stein ist aufgestellt worden von Leuten, die etwas ganz anderes im Sinn gehabt haben. Die wollten den Sozialismus diskreditieren, im Wesentlichen geht es bei dem Stein um die Delegitimierung der DDR und nicht um die Opfer, die damals unter Stalin umgekommen sind."

Riexinger: Wichtige Lehre für heutige linke Politik

In gemessenem Schritt, begleitet von Fotografen und Kameraleuten, schreiten nun die Spitzen der Linkspartei voran, in den Händen rote Nelken, Kränze, Gebinde. Die Fraktionsspitzen Dietmar Bartsch und Sarah Wagenknecht sind da, Oskar Lafontaine, Gregor Gysi, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, Parteichefin Katja Kipping, sie alle legen ihre Blumen an der Gedenkstätte der Sozialisten nieder.

Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, beide Fraktionsvorsitzende der Linken, Bernd Riexinger und Katja Kipping, Bundesvorsitzende der Linken, an die 1919 ermordeten Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.  (dpa-news / Jörg Carstensen)Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (dpa-news / Jörg Carstensen)

Parteichef Bernd Riexinger erinnert an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. "Natürlich waren sie wichtige Vorkämpfer und Vordenker der linken und sozialistischen Parteien und Bewegungen. Insbesondere der Kampf gegen Aufrüstung, Militarisierung und Krieg, aber auch ein wichtiger Denkansatz ist von Rosa Luxemburg, Sozialismus und Demokratie und Freiheit miteinander zu verbinden und nicht gegeneinander zu stellen. Auch eine wichtige Lehre und eine wichtige Errungenschaft für heutige linke Politik."

Der kleine Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus gleich gegenüber ist aus einer innerparteilichen Initiative der Linken heraus entstanden, vor mehr als zehn Jahren.

Der Jurist und Politiker Karl Liebknecht nach einer Kohlezeichnung von Gerhard Augst geboren 1871. (picture-alliance / dpa)Der Jurist und Politiker Karl Liebknecht nach einer Kohlezeichnung von Gerhard Augst. (picture-alliance / dpa)
"Ich gehe da immer hin, weil ich ganz klarer Antistalinist bin, und wir als Partei auch ganz klar mit jeder Form von Stalinismus  gebrochen haben. Ob es jetzt heute der richtige Anlass ist, ist eine andere Frage, aber für mich ist das selbstverständlich."

Für Sarah Wagenknecht ist dies nicht selbstverständlich, sie geht erhobenen Hauptes am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus vorbei. Alle anderen verharren kurz, legen rote Nelken ab, auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer. Der Politiker der Linkspartei begrüßt Mario Röllig, der zu DDR-Zeiten im Stasi-Gefängnis saß, die beiden umarmen sich. Wir haben uns bei einer Podiumsdiskussion zur DDR-Aufarbeitung kennengelernt, erzählt Klaus Lederer.

"Dass ich mich dort durchaus deutlich und klar geäußert habe zur historischen Verantwortung auf der einen Seite und auf der anderen Seite Mario aber auch keine Lust hatte, den Chefankläger zu spielen, sondern wir über Geschichte und Vergangenheit in einer sehr vernünftigen Art und Weise geredet haben, und darüber sind wir Freunde geworden."

Gedenken auch an die Opfer des Stalinismus

Zum 30-jährigen Mauerfalljubiläum hat sich die politische Debatte über die DDR entschärft, kaum jemand sagt noch "Nachfolgepartei der SED", wenn die Linke gemeint ist. Und so kann auch der linke Berliner Kultursenator Klaus Lederer befreundet sein mit dem Kämpfer für eine offensive Aufarbeitung der DDR-Geschichte, Mario Röllig, Mitglied der CDU, beide streitbare Homosexuelle.

"Politisch trennen uns schon Welten, aber privat verbindet uns schon Einiges."

"Die Auseinandersetzung mit dogmatischen und sektiererischen linken Positionen und mit stalinistischer Renaissance und ähnlichem Unsinn, da sind wir schon an einer Seite, das ist dann auch wieder verrückt."

Zum 100. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht häufen sich die roten Nelken an der Gedenkstätte der Sozialisten. Aber auch am kleinen Stein für die Opfer des Stalinismus verharren an diesem Sonntag viele.  

"Natürlich, selbstverständlich. Da kommt auch eine Nelke hin, klar."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk