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StartseiteKalenderblatt11.5.1904 - Vor 100 Jahren11.05.2004

11.5.1904 - Vor 100 Jahren

Salvador Dalí, Maler, geboren

Schon der Jüngling Dalí malte mit erstaunlicher Ungezwungenheit und Reife die Sommerlandschaften seiner Kindheit an der Costa Brava in Cadaqués und in Port Lligat die phantasmagorische Landzunge von Cabo de Creus. Sie wurden das Szenarium seines Lebens, bildeten den Urgrund fast seiner gesamten Malerei, denken wir an so grandiose Bilder wie "Telefon mit Strand" oder "Der Apotheker von Ampurdan auf der Suche nach absolut nichts". Und selbst wenn er länger in Paris oder New York weilte, kehrte er jedes Jahr für einige Zeit an die katalanische Küste zurück. In seinem Tagebuch pries sich der angehende Künstler:

Von Hans-Jürgen Schmitt

Salvador Dalí (AP)
Salvador Dalí (AP)

Ich werde ein Genie sein und die Welt wird mich bewundern. Vielleicht wird man mich auch verachten und nicht verstehen. Aber ich werde ein Genie, ein großes Genie sein, da bin ich mir ganz sicher.

Selbst seine erbittertsten Gegner gestehen zu, dass er zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg ein guter Maler war, ein Schöpfer hypnotischer Bilder, ein ungemein geistreicher, ja luzider Schriftsteller. Er war auch ein verblüffend guter Poet. Unter den ca. Zweidutzend Gedichten, die Dalí bis 1936 schrieb, beeinflusst durch seine enge Freundschaft zu García Lorca, heißt es in schöner Selbstbespiegelung in den 'Metamorphosen des Narziss':

Der Körper des Narziss wird leer und verliert sich/ im Abgrund seines Spiegelbildes/ wie eine Sanduhr, die man nicht umdreht.

Gegen diese Furcht sich zu verlieren hat Dalí, der den Narzissmus exzessiv praktizierte, sein Leben lang als Maler und Schriftsteller angekämpft.

Salvador Dalí wurde 1904 in Figueras, im Nordosten Kataloniens geboren als Sohn eines Notars, der ihn schließlich zähneknirschend auf die Malakademie nach Madrid schickte, mit der Absicht, den Sohn wenigstens zu einem Malprofessor ausbilden zu lassen. Dalí aber beherrschte längst alle Stile, kopierte meisterlich die Meister von Velázquez bis Picasso. In der hochangesehenen Madrider Residencia de Estudiantes lernte er die künftige Avantgarde kennen: die jungen Dichter García Lorca und Alberti und Luis Buñuel, mit dem er dann in Paris den ersten surrealistischen Film 'Der andalusische Hund' drehte.

Der Narziss Dalí entdeckte in Madrid die Schriften Sigmund Freuds. Freud wurde zu seinem ewigen Übervater. Er fand bei ihm den Schlüssel nicht nur zu seinen Ängsten und Phobien; ein so unvergessliches Bild wie "Der Schlaf" von 1937 als über dem Boden mit Krücken hochgestemmtes Gesicht ist ohne Freud nicht denkbar; in seinem Essay von 1930 'Die sichtbare Frau' entwickelt Dalí seine "Kritisch-paranoide Methode", mit der er zur Systematisierung der Unordnung aufforderte und zur Verarbeitung eines irrationalen Rohstoffs, der Traumsubstanz und Unterbewusstes heißt. Es war Dalís Morgengabe an den Surrealismus. Freilich stand Dalí bald quer zu den Pariser Surrealisten, seit diese angeführt von Louis Aragon und André Breton die surrealistische Bewegung als politische Plattform für den Kommunismus verstanden. Dalí, der Individualist und Egomane, dem Gruppenzwang und Kollektiv zuwider waren, kannte nur sich und seine Gala, die 1929 in Cadaqués ihren Ehemann, den surrealistischen Dichter Paul Eluard verlassen hatte. Aber es ist nicht nur surreale Herausforderung, wenn er Hitlers "fleischigen Rücken" preist und Franco applaudiert. In Paris wird Dalí 1934 wegen seines Gemäldes 'Die Rätsel des Wilhelm Tell', aus der Gruppe ausgeschlossen; das Bild zeigt einen Lenin mit einer riesigen Hinterbackenhälfte, abgestützt durch eine Krücke. Dalís oft zitierte lakonische Pointe dazu:

Der einzige Unterschied zwischen den Surrealisten und mir besteht darin, dass ich Surrealist bin.

Die Gruppe war für ihn nur das Szenarium seines Triumphes. Er entpuppte sich in der Tat als der lupenreine Surrealist, der klassizistische Techniken als Ausdrucksmittel für seine Delirien einsetzte. Weil seine Bilder in Paris keiner kaufen wollte, warf er sich auf die Objekte, um aufzufallen; er schuf Schuhe mit Sprungfedern, künstliche Fingernägel mit inkrustierten Spiegelchen zum Zweck der Selbstbetrachtung, falsche Brüste, auf dem Rücken zu tragen und hundert andere unbrauchbare Erfindungen mehr. Der Surrealismus wurde für ihn eine Lebensform.

Reichtum und Ruhm wuchsen ihm ab 1939 in Amerika zu. Von da an benahm er sich nach eigenen Worten wie eine "große Kurtisane, die jeden gut bezahlten Auftrag annimmt":

Wenn Ich male, gilt mein Bewusstsein dem Frohlocken, dass ich im Begriff bin Gold zu machen und ich weiß es in aller Legitimität, da jedes meiner Bilder einen dicken Scheck erzeugt, der unmittelbar in edles Metall verwandelt wird.

Dalí gewann die Schlacht, die die Surrealisten verloren mit seinem Populismus und seiner Schamlosigkeit und mit tatkräftiger Unterstützung seiner Muse und Managerin Gala. Das Unternehmen Dalí bleibt bis heute eine Geldmaschine. Seine Stiftung und seine Museen in Figueras, Púbol und Cadaqués haben im Jahr 2002 9,21 Millionen Euro erwirtschaftet! Aber diese Museen sind wie seine Produktion der letzten 40 Jahre reines Theater, bloße Inszenierung, als deren Protagonist er bis heute präsent ist. Kurz vor seinem Tod hat er das selbst angedeutet:

An dem Tag, an dem ich sterbe...wird man in Figueras sagen, Dalí ist tot, aber es wird immer einen geben, der sagt, ob er wirklich tot ist?

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