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StartseiteKalenderblattFotografin mit präzisem Gefühl für Raum und Bewegung21.07.2021

120. Geburtstag von Marta Astfalck-Vietz Fotografin mit präzisem Gefühl für Raum und Bewegung

Mit ihren experimentellen Selbstporträts aus den 20er-Jahren trug Marta Astfalck-Vietz zur Avantgardefotografie des 20. Jahrhunderts bei. Nach 1933 erhielt sie kaum noch Aufträge und begann zu malen. Lange Zeit vergessen, wurde sie erst 1989 wiederentdeckt.

Von Jochen Stöckmann

Das Plakat zu Walther Ruttmanns avangardistischen Dokumentarfilm "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt"  (picture-alliance / Mary Evans Picture Library)
Walter Ruttmann beauftragte Marta Astfalck-Vietz und Heinz Hajek-Halke mit Werbung für seine "Sinfonie der Großstadt" (picture-alliance / Mary Evans Picture Library)
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Moderne Technik wird in den 20er-Jahren – den "Roaring Twenties" - großgeschrieben, auch in der Fotografie. Heinz Hajek-Halke zum Beispiel wird bekannt mit Mehrfachbelichtungen und Montagen, mit ganz neuen Bildern seiner Stadt Berlin – und von Frauen, die ihm Modell stehen. Mit Bubikopf, im sportlichen Dress, die Zigarette lässig im Mundwinkel oder als glamouröse Filmdiva. Zwei Fotos dieser Art fallen 1989 Janos Frecot auf, damals Kurator in der Berlinischen Galerie. Er geht dem Vermerk auf der Rückseite nach "Marta Vietz, Lebensdaten unbekannt" – und entdeckt eine Fotokünstlerin der Weimarer Republik:

"Ihr Archiv ist winzig klein. Das hängt damit zusammen, dass es einen Bombenangriff gab, 1943 oder 1944. Und an diesem Tag ist Martas Archiv und wahrscheinlich auch das von Hajek-Halke zerstört worden, denn die haben relativ dicht beieinander gewohnt."

Negative wie Sandwiches übereinandergelegt

Marta, geboren am 21. Juli 1901, heißt seit der Heirat mit einem Architekten Astfalck-Vietz. Als Kunstlehrerin lebt sie in der Nähe von Celle und erzählt – fast 90 Jahre alt – dem Fotokurator Frecot ihre Geschichte: als Porträtfotografin gut im Geschäft, hat sie damals in Berlin Filmstars für die Illustrierten in Szene gesetzt und modernen Tanz für Fachzeitschriften dokumentiert. Für Dunkelkammer-Experimente tut sich die Absolventin der Kunstgewerbeschule mit Hajek-Halke zusammen. Wie Sandwiches legen die beiden ihre Negative übereinander, das ergibt surreal wirkende Fotoabzüge, sagt Janos Frecot:

"Was wir als ihren Nachlass bekommen haben, das sind diese experimentellen Bilder, diese – wie man damals wahrscheinlich das gesehen hätte – eher anstößig erotischen Bilder, die konnte sie ihrem Vater schicken."

Arbeit mit großen Plattenkameras

Reinhold Vietz, Drucker und Kunstbuchverleger, lebt in Süddeutschland, bei ihm sind Martas freizügige Selbstporträts sicher. Sie ist in extravaganter Kleidung zu sehen, mit exaltierten Gesten oder Gebärden. Frecot findet auch gestellte Großstadtszenen: Hajek-Halke als Flaneur, dessen achtlos herumgewirbeltem Spazierstock Marta als kecke Passantin graziös ausweicht. Die Technik dahinter erklärt Janos Frecot:

"Das Ganze hat sie mit einer großen Plattenkamera aufgenommen. Das heißt, sie musste den Selbstauslöser dann einschalten und dann sagen: So, Du gehst jetzt los, und ich geh los. Und das Bild ist perfekt. Das heißt, es geht nur, wenn jemand ein ungeheuer präzises Gefühl für Raum und Bewegung hat."

Meterlange Bildcollagen am Ku'Damm

Der Filmpionier Walter Ruttmann beauftragt das Künstlerduo Vietz und Hajek-Halke mit Werbung für seine "Sinfonie der Großstadt". Meterlange Bildcollagen am Berliner Ku'Damm krönen 1927 die gemeinsame Arbeit. Dann kommt das abrupte Ende, sagt Janos Frecot:

"Eine signifikante Geschichte, die ich jetzt wirklich nur von ihr habe, war, dass Heinz Hajek-Halke eines Tages in einer SA-Uniform erschien. Und da sagte sie: Ja, er sah ja toll aus – aber eine SA-Uniform? Ich war so enttäuscht, dass ich ihm den Laufpass gegeben hab."

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Nach 1933 erhält Marta Vietz kaum noch Aufträge. Ihr Fotoatelier wird zum Treffpunkt für gute Freunde, darunter auch aktive Nazi-Gegner. Die Künstlerin arbeitet nun mit Emaille, Batik und Porzellan und begann, zu malen, erklärt die Kunsthistorikerin Gabriele Kostas. Vietz habe bald damit angefangen, weil ihr das eine Möglichkeit bot, in den 30er-Jahren zu überleben.

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Gabriele Kostas stieß im Nachlass auf Hunderte von Pflanzenaquarellen, meist Rosen und Orchideen, regelrechte Porträts. Fotografien sind nach 1945 nicht mehr entstanden. "Nach dem Krieg hat sie eben Pflanzenmalerei unterrichtet. Da kann man nicht von Rückzug reden. Sondern immer ein waches Mitmischen war damit verbunden."

In Behindertenwerkstätten, der Volkshochschule oder im Strafvollzug, mit Gefangenen, arbeitet die Kunstlehrerin auch nach ihrem Umzug nach Nienhagen bei Celle. Dort starb Marta Astfalck-Vietz 1994, als Fotografin wiederentdeckt, als Pflanzenmalerin geehrt: eine Dahlie und eine Orchidee tragen ihren Namen.

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