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StartseiteKalenderblatt"Du wirst dich befreien Paris"14.12.2020

125. Geburtstag des Résistance-Dichters Paul Éluard "Du wirst dich befreien Paris"

Bekannt wurde Paul Éluard als Mitbegründer der surrealistischen Bewegung - berühmt als "Dichter des Widerstands" gegen die deutsche Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Die Royal Air Force warf seine Gedichte über den besetzten Gebieten ab. Am 14. Dezember 1895 wurde Éluard geboren.

Von Christoph Vormweg

Ein Schwarz-Weiß- Foto zeigt den franzölsischen Lyriker   Paul Eluard eigentllich Eugène Grindel um 1948  an  einem Schreibtisch vor Bücherschrank (picture alliance / akg)
Paul Éluard um 1948 (picture alliance / akg)
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"Sur mes réfuges détruits

Sur mes fars écroulés

Sur les murs de mon ennui

J´écris ton nom."

"Auf meine zerstörte Zuflucht

Auf meine zerfallenen Leuchttürme

Auf die Mauern meines Leids

Schreib ich deinen Namen"

Ein Liebesgedicht wird zum Appell an die Freiheit

1942. Frankreich ist besetzt. Die deutsche Wehrmacht hat das Sagen. Der Dichter Paul Éluard engagiert sich auf Seiten der kommunistischen Widerstandsbewegung. Im Untergrundverlag "Les Éditions de Minuit" veröffentlicht er eine Gedichtsammlung mit dem ironisch auf Goethe anspielenden Titel "Dichtung und Wahrheit 1942". Flugzeuge der Royal Air Force werfen sie über den besetzten Gebieten ab. Ein Gedicht für Nusch, seine zweite Ehefrau, wandelt sich zum Appell an die Freiheit.

"Par le pouvoir d' un mot

Je recommence ma vie 

Je suis né pour te connaître

pour te nommer liberté."

 
"Durch die Macht eines Wortes

Beginne ich mein Leben neu

Ich ward geboren dich zu erkennen

Dich zu nennen 'Freiheit'."

Für Éluard gibt es nur ein Ziel

Für die mit der deutschen Besatzungsmacht kollaborierenden Verlage und Schriftsteller empfindet Paul Éluard nur Verachtung. Der Titel seiner Lyrik-Anthologie "Die Ehre der Dichter" ist Programm. Für ihn gibt es nur ein Ziel:

"Du wirst dich befreien Paris

Paris wie ein Stern flackernd

Unsere überlebende Hoffnung

Du wirst dich befreien von Müdigkeit und Schmutz.

Brüder lasst uns Mut haben".

Paul Éluard wird am 14. Dezember 1895 als Paul-Eugène Grindel in Saint-Denis bei Paris geboren. Obwohl tuberkulosekrank muss er am Ersten Weltkrieg teilnehmen. Die meiste Zeit verbringt er in Lazaretten. 1918 veröffentlicht er unter dem Namen seiner Großmutter Éluard "Gedichte für den Frieden". 

"Lange Zeit hatte ich ein unnützes Antlitz,

Doch jetzt

Habe ich ein Antlitz, das geliebt wird,

Habe ich ein Antlitz, um glücklich zu sein."

Ruf zur "unaufhörlichen Revolution" 

Nach Kriegsende verdient Éluard seinen Lebensunterhalt im Büro seines Vaters, der Immobilienmakler ist. Er wird zum Mitbegründer der surrealistischen Bewegung. Sie ist für ihn ein Instrument der Erkenntnis und der Empörung gegen die repressive bürgerliche Gesellschaft. Éluard ruft zur "unaufhörlichen Revolution" auf. Ihre treibende Kraft soll die Liebe sein, eine Liebe ohne Besitzanspruch, voller utopischer Kraft. 

"Mein Geist, der noch auf den Blättern und

Blumen glänzte, mein Geist ist nackt wie die Liebe."

Gala zwischen Éluard und Dalí 

Éluards große Muse ist seine erste Ehefrau Gala - selbst dann noch, als sie ihn für den Maler Salvador Dalí verlässt. Das bezeugen die im Nachlass entdeckten "Liebesbriefe".

"Dass ich Nusch bei mir hatte, als wir die Entscheidung trafen, uns scheiden zu lassen, hat mich in diesem Moment daran gehindert, klar zu sehen, wie allein ich künftig sein werde. […] Gala, ich liebe Dich schon viel zu lange, […] zu lange habe ich [...] ganz nach Deinen Wünschen, Deinen Träumen, Deinem Wesen gehandelt."

Schwarz-weiß Fotografie von Bob Dylan während eines Auftritts im Hyde Park im vergangenen Jahr. Er sitzt am Klavier, singt ins Mikrofon und trägt einen Hut mit breiter Krempe und Silberband, schwarzes Hemd und hellgrauen Sakko mit Pailletten und Stickmuster. (Getty Images / Dave J Hogan) (Getty Images / Dave J Hogan) Politische Poesie - Wortkünstler und Teppichexperten
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Aus dem "Dichter der Liebe", wie man Éluard nennt, wird während der deutschen Besetzung der Dichter des Widerstands. Nach der umjubelten Befreiung Frankreichs 1944 kann er seinen Ruhm als poetisches Gewissen der Nation aber nicht lange genießen. Der Tod seiner zweiten Ehefrau Nusch stürzt ihn in tiefe Verzweiflung. Éluards Hoffnung auf eine bessere, menschengerechtere Zukunft bleibt aber ungebrochen. Trotz Stalins Massenmorden sieht er diese Zukunft weiter im Kommunismus. Sein Selbstverständnis als Dichter beschreibt er in seinem "Fünften sichtbaren Gedicht":

"Je vis dans les images innombrables des saisons

et des années

Je vis dans les images innombrables de la vie 

dans la dentelle

des formes, des couleurs, des gestes, des paroles

dans la beauté surprise

dans la laideur commune ..."

"Ich lebe in den ungezählten Bildern der Gezeiten

Und der Jahre

Ich lebe in den ungezählten Bildern dieses Lebens

Im Gewebe 

der Formen und der Farben, der Gebärden und der Worte

In der unfasslichen Schönheit

In der alltäglichen Unzier."

1952 stirbt Paul Éluard im Alter von 56 Jahren in Charenton-Le-Pont an einem Herzinfarkt.

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