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StartseiteKalenderblatt13.1.1924 - Vor 80 Jahren:13.01.2004

13.1.1924 - Vor 80 Jahren:

Roland Petit, Tänzer und Choreograph, geboren

<em>Das Musical, ich liebe es. Das Kino, ich liebe es. Das Fernsehen, ich liebe das Fernsehen und ich liebe die Künstler, die beim Fernsehen arbeiten und beim Film.</em>

Von Christina Maria Purkert

Tänzer (AP)
Tänzer (AP)

Roland Petit hat seine Wurzeln im klassischen Ballett. Er wurde in der Kaderschmiede des französischen Balletts, der Pariser Opernballettschule ausgebildet. Und zwar von Serge Lifar – der sozusagen tänzerischer Erbe der Ballets Russes war, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Ballett erneuerten und mit zeitgenössischen Kunstformen verbanden. Vielleicht von daher oder einfach aus der jugendlichen Rebellion gegen das steife und verstaubte Pariser Opernhaus hatte Roland Petit aber nie Probleme mit Genregrenzen. Neben Balletten, die klassische Technik mit dem Ausdruck des modernen Tanzes verbanden, schuf er früh Revuen in Paris und Filmchoreographien für Hollywood. Dort lebte er von 1950 bis 1952. Immer mit dabei als Star seiner Produktionen war seine Frau Zizi Jeanmaire, die seit 1950 nicht nur als Ballerina, sondern auch als Chansonette Triumphe feierte.

Roland Petits größte Zeit waren die späten vierziger bis sechziger Jahre. Damals war alles, was er tanzen ließ und selber tanzte frisch, frech und neu. In jenen Jahren arbeitete er mit berühmten Malern wie Pablo Picasso und Max Ernst zusammen, Schriftsteller wie Jean Genet, Jean Cocteau und Jean Anouilh lieferten Libretti. In seinen wechselnden Pariser Truppen tanzten junge Menschen, die heute große Namen haben. Hans van Manen und Maurice Bejart zum Beispiel. In jenen Jahren war der Choreograph auch mit Charlie Chaplin befreundet.

Das abendfüllende Ballett "Charlot danse avec nous" entstand im Jahr 1991 aus der Erinnerung an gemeinsam verbrachte Tage. Es zählt zu den Erfolgen im Spätwerk des Choreographen. Ein anderer später Erfolg war der "Blaue Engel", den er 1985 für die Deutschen Oper in Berlin schuf und in dem selbst er als Professor Unrat auftrat. Obwohl er in Berlin, Rom, London und anderen Tanzmetropolen arbeitete, blieb Roland Petit in seinen reiferen Jahren einer künstlerischen Heimat treu. Über ein Vierteljahrhundert von - 1972 bis 1997 - leitete er das Ballet National de Marseille. Für einen wahren Pariser, der zudem auch kurz Ballettchef an der Pariser Oper war, eine ungewöhnliche Entscheidung. Warum zog er die Hafenstadt der Hauptstadt vor?

Weil es ein unglaublich großer Verwaltungsaufwand war als Direktor in Paris. Und ich mag die Verwaltung nicht. Ich bin gerne frei und arbeite viel. Aber ich arbeite in einer unabhängigen Art. Und in Marseille da gab es den Bürgermeister Gaston Deferre – einen bemerkenswerten Mann. Der lud mich ein und sagte mir: Sie kommen - Sie machen was Sie wollen.

Seinen Direktorenposten in Marseille hat er 1997 keineswegs aus Altersgründen aufgegeben: Es war wieder einmal die ausufernde Verwaltung, die ihn vertrieb.
Seine auch öffentlich geäußerte Abneigung gegen die Pariser Opernbürokratie trug Roland Petit 1980 ein mehrjähriges Hausverbot für seine Person und sogar seine Werke in Paris ein. Längst allerdings ist er dort wieder gern gesehener Gastchoreograph: 1999 schenkte der 75jährige den Parisern eine Ballettversion von Goethes "Clavigo" - Publikum und Kritik waren so dankbar, das "Clavigo" 2002 eine Wiederaufnahme erlebt hat, bei der die Kulturministerin dem Choreographen den überfälligen französischen Nationalorden verliehen hat.

Auch als Achtzigjähriger denkt Petit überhaupt nicht ans Aufhören: viel zu anregend findet er es, seine alten Werke mit jungen Tänzern einzustudieren und immer noch neue zu kreieren. Erst im vergangenen Dezember hat beim Ballett der Mailänder Scala seine Version von Johann Strauss "Fledermaus" Premiere gehabt. Roland Petit gehört zu jenen Menschen, die man im guten Sinne des Wortes als "Berufsjugendliche" bezeichnen kann. Da er nie Berührungsängste gegenüber der Populärkultur kannte, hat er es auch immer wieder geschafft, neue Strömungen aus der Unterhaltungskultur bis hin zu Andeutungen von Breakdance zu integrieren. In dieser Hinsicht und auch in der, dass er als Erster die großen Pariser Couturiers dazu brachte, für seine Ensembles die Kostüme zu entwerfen, war er ein Vorreiter jüngerer Choreographen. Seine Choreographien zeichnen sich durch Eleganz und Esprit aus und durch Erotik. Seine Ballerinen können auch auf Spitze noch mit den Hüften wackeln wie ein Revuegirl. Seine Bühnenpaare sind die glaubwürdigsten seiner Theatergeschöpfe. Allerdings hat ihm – vor allem die deutsche – Kritik auch immer wieder vorgeworfen, daß es ihm an Tiefgang mangele.

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