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StartseiteKalenderblatt13.4.1204 - vor 800 Jahren13.04.2004

13.4.1204 - vor 800 Jahren

Kreuzfahrer erobern Konstantinopel

Mit der Plünderung Konstantinopels erlebte die Kreuzzugsidee nicht nur ihren endgültigen moralischen Niedergang. Sie besiegelte auch die definitive Spaltung des christlichen Europas. Man erinnere sich: 637 erobern die Araber Jerusalem. Eine ungeheure Schmach für das Christentum, die Papst Urban II. 1095 durch eine flammende Rede zum ersten Kreuzzug zu tilgen sucht:

Von Kersten Knipp

Die Hunde sind ins Heiligste gekommen. … Der Tempel des Herrn ist Sitz des Teufels geworden. … Bewaffnet euch, liebe Brüder, gürtet eure Schwerter rüstet euch, seid Söhne des Gewaltigen! Die Diebe, Räuber, Brandstifter, Mörder werden das Reich Gottes nicht besitzen!

Jerusalem wird erobert, fällt dann jedoch wieder an die Araber. So ruft Papst Innozenz III. 1198 zum vierten Kreuzzug auf. Die Teilnehmer treffen sich im Juni 1202 in Venedig, dessen Regenten sich zum Transport der Krieger bereit erklärt haben – wofür die Stadt die Hälfte der eroberten Gebiete erhalten soll. Im Oktober schließlich startet eine Flotte…

...wie niemals ein Christenmensch eine größere und schönere sah.

Doch nachdem die Flotte an der dalmatischen Küste überwintert hat, geschieht das Unfassbare: nicht Ägypten und Jerusalem, sondern Konstantinopel ist das Ziel der Kreuzfahrer. Warum? Über Mittelsmänner hatte der junge Alexios, Sohn des soeben abgesetzten byzantinischen Kaiser Isaak II. Angelos, an die Kreuzfahrer appelliert, ihn als rechtmäßigen byzantinischen Herrscher einzusetzen. Als Gegenleistung verspricht er finanzielle und militärische Unterstützung des Unternehmens sowie die Unterordnung der Ostkirche unter die Obrigkeit Roms. Im Juni erreichen die Schiffe Konstantinopel, im Juli folgen erste Angriffe. Die als uneinnehmbar geltende Stadt fällt im Handumdrehen. Doch der nun als Kaiser eingesetzte Alexios kann und will die versprochenen Summen nicht bezahlen. Am 9. April des folgenden Jahres erfolgt darum die zweite Angriffswelle. Am 12. erreichen die Eroberer die Stadt – um einen Tag später, am 13., mit deren Plünderung zu beginnen. Ungehemmt zeigten sich die Kreuzritter in ihrer Gier, alles wurde ihnen zur willkommenen Beute. Mit Recht verglich der byzantinische Hofsekretär Niketas Choniates die vorgeblichen Gotteskrieger mit den schlimmsten Legionen überhaupt. Gottesliebe? Fehlanzeige.

O welche Schändung, als sie die Reliquien derer, die für Christus gelitten, auf abscheuliche Orte warfen! … Dies Vorläufer und Vorboten des Antichrist, die damals schon die gotteslästerlichsten Untaten verbrachten, die jener einst tun sollte, raubten die wertvollsten Gefäße und Behältnisse des Heiligen, zerbrachen sie und steckten sie in ihre Taschen oder stellten sie als Brotkörbe oder Trinkbecher auf ihre eigenen Tische.

Barbarisch zeigten sich die Eroberer. Vor nichts zeigten sie Achtung, weder die christlichen, noch die Standbilder aus antiker Zeit. Minutiös hielt Niketas Choniates den Raub in seinen Aufzeichnungen fest.

Die Barbaren richteten begehrliche Blicke auf die ehernen Standbilder und warfen sie in den Schmelzofen. So wurde das viele Erz der Hera, die auf dem Konstantinsforum stand, zu Stateren geprägt. Allein ihr Kopf wurde nur mit Mühe auf vier Ochesenwagen zum Großen Palast gefördert. Auch Paris Alexandros, der neben Aphrodite stand und ihr den goldenen Apfel der Eris reichte, wurde von seinem Sockel gestürzt.

Erst die Plünderung Konstantinopels, dann die Aufteilung des byzantinischen Reichs: ein für alle Erobererparteien lohnendes Geschäft. Venedig hatte den Kreuzzug nicht nur von Ägypten abgelenkt, zu dem es beste Handelsbeziehungen pflegte. Ebenso sicherte es sich Einfluss im östlichen Mittelmeer, vor allem gegen die Handelskonkurrenten Pisa und Genua. Der Papst hingegen, der auf die Herrschaft auch über Ost-Rom gehofft hatte, sah sich getäuscht: Von Rom wollte Byzanz nichts mehr wissen. Derart, schrieb er, hätten die Kreuzfahrer in der Stadt gewütet, …

…, dass die Kirche der Griechen es ablehnt, zum Gehorsam gegenüber dem Apostolischen Stuhl zurückzukehren. Sie hat in den Lateinern nichts als Beispiele der Verderbnis und Werke der Finsternis erblickt, so dass sie vor diesen mit Recht mehr zurückschreckt als vor Hunden.

Die Eroberung Konstantinopels bracht die endgültige Entzweiung von Ost- und Westkirche. Und die Folgen für die Geschichte Europas waren dramatisch. Denn von der Niederlage erholte sich die Stadt nie mehr: 250 Jahre wurde später Konstantinopel von den Osmanen erobert. Das byzantinische Reich war zerfallen.

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