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StartseiteKalenderblatt14 Filme in 14 Jahren07.08.2011

14 Filme in 14 Jahren

Vor 100 Jahren wurde der Filmregisseur Nicholas Ray geboren

Er gehörte zu den großen Regisseuren des amerikanischen Kinos der 1950er-Jahre, bis Nicholas Ray sich mit Hollywood überwarf. Vor allem mit einem Film hatte er sich den Eintritt für einen Platz im Kinoolymp verschafft: "Denn sie wissen nicht was sie tun" mit James Dean.

Von Hartmut Goege

Nicholas Ray (l.) mit James Dean während der Dreharabeiten zu "Denn sie wissen nicht, was sie tun".
Nicholas Ray (l.) mit James Dean während der Dreharabeiten zu "Denn sie wissen nicht, was sie tun".

Geisterhaft treibt ein Boot auf dem New Yorker East River. An Deck eine laufende Kamera, ein Schneidetisch, im Wind flatternde Filmstreifen, eine schwarze Urne und ein in der Luft kreisender Helikopter. So inszenierte der krebskranke Nicholas Ray 1979 seinen eigenen Abschied. Eigentlich sollte es ein gemeinsames Werk über die Freundschaft zwischen Ray und Wim Wenders werden. Doch "Nick´s Film - Lightning Over Water" wurde ein Dokument über das Sterben des großen Hollywood-Regisseurs.

Kurz nach Ende der Dreharbeiten starb der gerade 67-Jährige. Mit dieser exhibitionistischen Mischung aus Inszenierung und Dokumentation hielt sich Nicholas Ray an seine Vorstellung, "ein Künstler müsse sich selbst preisgeben". Ein Anspruch, mit dem er in der amerikanischen Filmindustrie häufig aneckte. Sein künstlerisches Selbstbestimmungsrecht aber hatte er sich nie nehmen lassen. Rays Protagonisten sind Antihelden und passen nicht in das Hollywood-Klischee von ewigen Siegern.

Polizist: "Du hast in Deiner letzten Schule nichts als Dummheiten gemacht. Warum hast Du das getan?"
Jim Stark: "Was meinen Sie? Dass ich mich geprügelt habe?"
Polizist: "Ja."


Sein berühmtester Film "...denn sie wissen nicht was sie tun!" von 1955 beschreibt die Gewaltbereitschaft orientierungsloser Jugend, die gegen die satte Selbstzufriedenheit der Elterngeneration rebelliert. James Dean in der Rolle des coolen Jim Stark, der seinen Vater verachtet und im ständigen Konflikt mit der Polizei steht, wurde mit diesem Streifen endgültig zum Jugendidol.

Jim Stark: "Er sagte, ich wäre ein Hasenfuß".
Polizist: "Und das begriffen deine Eltern nicht?"
Jim Stark: "Die begreifen gar nichts."


Nicholas Ray, am 7. August 1911 in Wisconsin als Sohn eines Bauunternehmers geboren, flog selbst von mehreren Schulen. Als 16-Jähriger gewann er mit einem Radiobeitrag ein Stipendium an der Chicago University, wechselte später in die Künstlerkolonie des Architekten Frank Lloyd Wright, studierte Musik und Theater und schloss sich in den 30er Jahren der linken New Yorker Actors-Szene an. Dort traf er schließlich auf Elia Kazan, mit dem er 1945 als Regieassistent nach Hollywood zog.

Schon in seinen ersten Filmen ergreift Nicholas Ray Partei für Außenseiter. In dem düsteren Debüt "They Live By Night" von 1949 träumt ein kriminell gewordenes Teenagerpärchen von einer romantischen Zukunft. Im Melodram "In a Lonely Place" mit Humphrey Bogart scheitert eine Liebesbeziehung an Alkoholsucht, Misstrauen und Gewalt. Und in dem Spätwestern "The Lusty Men" versucht Robert Mitchum als alternder Rodeo-Star ein Comeback. Es sind gerade ihre Schwächen, die Rays Figuren so authentisch wirken lassen:

"Man muss mitkriegen, dass der Held genauso fertig und dumm wie man selbst ist und genau dieselben Fehler macht. Sonst hat man keinerlei Befriedigung, wenn er eine heldenhafte Tat vollbringt. Und genau hier liegt die Verpflichtung eines Kino- oder Theaterregisseurs: Es geht darum, den Menschen ein intensives Gefühl der Erfahrung zu vermitteln."

Seine Erfahrungen aus der McCarthy-Ära verarbeitet Ray in "Johnny Guitar": Während der Revolverheld seine Waffe gegen eine Gitarre getauscht hat, wird dieser Western von zwei Frauen beherrscht, die sich abgrundtief hassen.

Vienna: "Du willst Ted! Und weil du dich schämst, wünscht du ihm den Tod. Und mir wünschst du das Gleiche, damit du nachts wieder schlafen kannst."
Emma: "Ich werde nicht eher schlafen, bis ich euch beide hängen sehe! Dich und Ted und deine saubere Gesellschaft! - Holt sie, schleift sie runter!"


Von der amerikanischen Kritik zerrissen, wurde "Johnny Guitar" von den Autoren der französischen Cahiers du Cinéma um François Truffaut als Abkehr vom herrschenden Konformismus bejubelt. Als Ray sich zum Ende der 50er Jahre mit dem konservativen Hollywood überwarf, verfiel er in eine tiefe Krise. Herzkrank und mit Alkoholproblemen zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück und lehrte noch einige Jahre an der New Yorker State University. Sein letzter Auftritt in "Nick´s Film-Lightning Over Water" bestätigte schließlich, was Jean-Luc Godard einmal sagte: "Nicholas Ray ist schlichtweg das Kino und nichts als das Kino".

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