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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDas Leben der Käthe Kollwitz30.01.2017

150. GeburtstagDas Leben der Käthe Kollwitz

2017 jährt sich Käthe Kollwitz' Geburtstag zum 150. Mal. Die Historikerin Yvonne Schymura erinnert in ihrer Biographie an Leben und Arbeit der Künstlerin, die sich in ihrer Kunst den einfachen Leuten zuwandte, die normalerweise kaum Beachtung fanden.

Von Silke Ballweg

Die Skulpturengruppe "Trauernde Eltern" von Kaethe Kollwitz steht auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Vladslo/Belgien (West Flandern), Aufnahme vom 24.04.2014. Auf dem Friedhof sind 25 644 deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs bestattet. Foto: Uwe Zucchi/dpa | Verwendung weltweit (Uwe Zucchi/dpa )
Die Skulpturengruppe "Trauernde Eltern" von Kaethe Kollwitz steht auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Vladslo/Belgien (West Flandern) (Uwe Zucchi/dpa )
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Dass sie einmal Künstlerin werden würde, war ihr nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Denn Käthe Schmidt, so der Mädchenname, wurde am 8. Juli 1867 in Königsberg nicht in eine Künstlerfamilie geboren, sondern in einen Haushalt, der von Gottesfurcht, Fleiß und sozialer Verantwortung geprägt war. Dennoch förderten die Eltern die musische Bildung ihrer vier Kinder, und so entdeckte Käthe schon als junges Mädchen ihre Begeisterung fürs Zeichnen. Eine Leidenschaft, die sie nicht mehr losließ.

Schymura: "Käthe Kollwitz wollte eine große Künstlerin werden. Sie hat sich das in den Kopf gesetzt und das wahr gemacht."

In ihrer Biographie "Käthe Kollwitz. Die Liebe, der Krieg und die Kunst" zeigt die Historikerin Yvonne Schymura, wie sich die junge Käthe zu einer Zeit, in der der Kunstbetrieb Frauen gegenüber weitgehend verschlossen war, in Berlin und München künstlerisch ausbilden ließ. Und wie sie auch als Ehefrau und Mutter an ihrer eigenen Arbeit festhielt.

Werke prangern soziale Missstände an

Am Prenzlauer Berg in Berlin, wo ihr Mann eine Arztpraxis eröffnete, widmete sie sich in jeder freien Minute ihren Werken und prangerte vor allem soziale Missstände an. Denn in der direkten Nachbarschaft blickte Käthe Kollwitz dem sozialen Elend täglich ins Gesicht:

Schymura: "Infektionskrankheiten hatten es leicht in den Mietskasernen. Im Sommer raffte die Cholera die kleinen Kinder nur so dahin. Hinzu kamen Gewalt und Prostitution. [...] Und alle paar Wochen betrat ein Arzt die finsteren Behausungen der Arbeiterschaft, um den Totenschein auszustellen für einen, der das Elend nicht mehr ertragen und seinem Leben ein Ende gesetzt hatte."

Kollwitz wandte sich in ihrer Kunst den einfachen Leuten zu. Dank zahlreicher Abbildungen in dem Buch kann der Leser ihre künstlerische Entwicklung nachvollziehen. Eine Lithographie aus dem Zyklus "Ein Weberaufstand" aus den 1890er Jahren zeigt etwa eine verzweifelte Mutter am Krankenbett ihres vom Tode gezeichneten Kindes. Auf einem anderen Blatt holt sich der Totenmann auch die körperlich ausgemergelte Mutter.

Kollwitz war "uneingeschränkt politisch"

"Sie ist politisch, auf jeden Fall, ganz uneingeschränkt und vor allem in ihrer Kunst", sagt Biographin Yvonne Schymura: "Ich habe immer dieses Plakat vor Augen, das Käthe Kollwitz für die Kommunistische Partei machte, wo sie eine schwangere Frau zeigt, die schon zwei Kinder am Rockzipfel hat und schon ganz erschöpft und ausgezehrt aussieht. Und darüber wird dann eine Zeile gesetzt für den Abtreibungsparagrafen. Das ist natürlich eine politische Botschaft."

Schymura verwebt in ihren Schilderungen das Leben der Künstlerin mit den herrschenden gesellschaftlichen Umständen. Bei der Lektüre entsteht so ein spannendes Bild der damaligen Zeit. Die Autorin schildert etwa, wie sich Käthe Kollwitz schon mit 30 Jahren im Berliner Kunstbetrieb etablierte. Wie sie 1898 ihr wohl bekanntestes Werk, den "Weberaufstand", in der Großen Berliner Kunstausstellung zeigte und zwei Jahre später der Berliner Secession beitrat, der damals führenden Künstlervereinigung. Als eine der ersten Frauen drang Käthe Kollwitz in die männerdominierte Kunstwelt vor. Das besondere Schicksal von Frauen machte sie zum Gegenstand ihrer Werke. Denn:

"Die Proletarierin war zweifach unterdrückt. Sie lebte in Verhältnissen, die ihr kaum genug zum Leben ließen, aber sie hatte oft auch die Brutalität und das Versagen ihres Ehemannes zu erdulden. [...] Während der Mann sein Elend als Einzelkämpfer oder in der Gemeinschaft einer sozialen Gruppe erlebte, war die Frau in der Regel isoliert. Sie erlebte die Unterdrückung oft als Mutter, die den eigenen Hunger ertragen musste und am Hunger der Kinder zusätzlich litt."

Denkmal für gefallenen Sohn erst nach 18 Jahren vollendet

Die Autorin schenkt dem Seelenleben der Künstlerin breiten Raum. So kann der Leser Kollwitz' Denken und Fühlen nachvollziehen. Besonders eindringlich ist dies bei einem Ereignis, das sie in eine tiefe Krise stürzte. Denn gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs fiel ihr Sohn Peter an der Front. Den Tod des Kindes konnte Kollwitz nicht verwinden. In einem Denkmal wollte sie ihm schließlich nochmal nahe kommen, sagt Schymura:

"Sie möchte dem Sohn und allen Kriegsfreiwilligen ein Denkmal setzen, das den Heldentod fürs Vaterland verklären soll. Am Anfang ist das so konzeptioniert. Der Sohn wäre dann aufgebahrt, auf einem Sarkophag, lang hingestreckt und die Eltern würden am Kopf- und Fußende um den Sohn trauern, es ist eine Verherrlichung des Krieges."

Schymura beschreibt, wie sich Kollwitz zunächst in die Arbeit stürzte, das Werk jedoch nicht vollenden konnte. Denn je mehr Soldaten ihr Leben ließen, desto stärker zweifelte sie an der Sinnhaftigkeit des Krieges. Fast zwei Jahrzehnte lang hielt das Thema des verstorbenen Kindes Kollwitz beschäftigt. Als sie das Werk 1932 schließlich auf dem belgischen Friedhof errichtete, auf dem ihr Sohn begraben lag, hat es einen entscheidenden Wandel erfahren.

"Der Sohn ist aus dem Denkmal entfernt. Wie im Leben bleiben nur die Eltern zurück, die trauernden Eltern, der Krieg hat ihnen den Sohn genommen und zurück bleiben die Verzweiflung und die Trauer."

Neue biographische Entdeckungen

Schymura erzählt das Leben der Künstlerin stets vor den aktuellen historischen Ereignissen. Und so führt sie dem Leser auch vor Augen, wie eine Kritik an den Nationalsozialisten dazu führte, dass Kollwitz schon im Frühjahr 1933 aus der Akademie der Künste gedrängt wurde und ab 1936 ihre Kunst nicht mehr ausstellen durfte. Gegen Ende des Buches räumt die Historikerin schließlich mit einem biographischen Mythos auf. Sie zeigt, dass die Künstlerin nicht, wie von ihrem Sohn Hans geschildert, im April 1945 idyllisch im Kreise der Familie verstarb, sondern alleine. Die beiden Enkelkinder, die bei ihr lebten, waren kurz zuvor aus Angst vor der Roten Armee geflohen.

Schymuras Schilderungen bieten viele Einblicke in die Möglichkeiten und Zwänge eines Lebens zur damaligen Zeit. Zitierte Tagebuchaufzeichnungen und Briefe erweitern die Perspektive und machen Kollwitz nicht nur als Künstlerin erfahrbar, sondern auch als Frau, als Mutter und als politisch denkende Bürgerin. Dass Schymura am Ende ihres Buches darlegt, wie Kollwitz nach Kriegsende in der Bundesrepublik als Mahnerin für den Frieden und in der DDR wiederum als Vorkämpferin für den sozialistischen Realismus interpretiert und vereinnahmt wurde, rundet das Bild ab. Zwar hätte der Text an einigen Stellen etwas sorgfältiger lektoriert gehört, insgesamt aber ermuntert die Publikation zur weiteren Beschäftigung mit einer Künstlerin, die in ihrem Werk die Schwachen und Trauernden ins Zentrum stellte, die normalerweise kaum Beachtung fanden.

Yvonne Schymura: "Käthe Kollwitz. Die Liebe, der Krieg und die Kunst. Eine Biographie"
C.H. Beck Verlag, 315 Seiten, 24,95 Euro.

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