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StartseiteKalenderblattWie Algen Anna Atkins zur ersten Fotografin machten09.06.2021

150. Todestag der BotanikerinWie Algen Anna Atkins zur ersten Fotografin machten

Bilder von bizarrer Schönheit versammelte die Botanikerin Anna Atkins in ihrem Album "Fotografien britischer Algen". Noch vor Kurzem kannten ihren Namen nur Eingeweihte. 150 Jahre nach ihrem Tod am 9. Juni 1871 gilt die Britin als erste Fotografin der Welt.

Von Irene Meichsner

Abbildung einer plan aufliegenden, filigran verästelten Pflanze, weiß leuchtend vor tiefblauem Hintergrund Anna Atkins, English, 1797-1871, Dictyota dichtoma, 1843 or 1844, cyanotype, Page: 10 3/8 x 8 1/8 inches 26.4 x 20.6 cm PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright Artokoloro  Dictyota dichtoma - ein Star in Anna Atkins Album "Fotografien britischer Algen" ,Dictyoa,dichtoma,1843,or, 1844 Cyanotpie, Botanik Algenfotografie Anna Atkins, Botanikerin, Botanik,Fotografie Fotografiegeschichte,  John William Herschel, "Fotografien britischer Algen", Dictyota dichtoma (IMAGO / Artokoloro)
Dictyota dichtoma - ein Star in Anna Atkins Album "Fotografien britischer Algen" (IMAGO / Artokoloro)
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"Die Pflanzen sind von einem geisterhaften Weiß, und sie schwimmen auf Flächen so tief blau wie das Meer. Jede einzelne ist ein kleines Wunder. ‚Dictyota dichotoma’ ähnelt einem Bündel dicker, verknäuelter Wurzelstöcke, die zierlichen Adern von ‚Furcellaria fastigiata’ sehen wie Nervenenden aus. Eine Algen-Spezies ähnelt einem Pfifferling, eine andere eher einem Gewirr von heruntergefallenen Federn."

Es sind Bilder von bizarrer Schönheit, die Anna Atkins in ihrem Album mit "Fotografien britischer Algen" versammelte. Noch bis vor Kurzem kannten nur Eingeweihte ihren Namen. Das wollte eine Ausstellung 2018 in New York ändern. Anlässlich der Eröffnung schrieb der Kulturkritiker Jason Farago:

"Die Pflanzen sehen aus wie Flussdeltas, Rauchwolken, kontrollierte Detonationen, Blitze in der Dunkelheit. Selbst die Bildunterschriften zeugen von spielerischem Einfallsreichtum. Für eine Kapitelüberschrift formte sie die Buchstaben aus zarten Strängen von Seetang – passend zu den dargestellten Motiven."

Eine filigran verästelte, strahlend weiße Struktur vor tief blauem Hintergrund  (IMAGO / Artokoloro)Cyanotypie von Furcellaria fastigiata in Anna Atkins' "Fotografien britischer Algen" (IMAGO / Artokoloro)Inzwischen wird Atkins als erste Fotografin der Welt gefeiert .Auch wenn sie weiterhin bei Weitem nicht so bekannt sei wie Louis Daguerre, William Henry Fox Talbot und andere Männer aus dem ersten Jahrzehnt der Fotografie, betont Jason Farago:

Aber diese wunderschönen Bilder von marinen Pflanzen, die sie seit 1843 anfertigte, sind für die Entwicklung der Fotografie und die Geschichte der Wissenschaften gleichermaßen bedeutsam."

Beliebter Zeitvertreib viktorianischer Damen

Anna Atkins kam am 16. März 1799 in Halstead in der Grafschaft Kent im Südosten Englands zur Welt. Die Mutter starb an den Folgen der schweren Geburt. Der Vater, ein passionierter Naturforscher, förderte sie in ihrem wissenschaftlichen Interesse, das vor allem der Botanik galt – wie bei vielen Frauen der damaligen Zeit, die sich zum Zeitvertreib mit Pflanzen beschäftigten. Doch Atkins nahm die Dinge sehr viel genauer als die meisten ihrer Freundinnen und Bekannten. Und sie war bestens informiert. Ihr Vater war Sekretär und Vizepräsident der Royal Society. 1839 erzählte er ihr von einem Vortrag, den William Fox Talbot über seine Technik der "photogenen Zeichnung" gehalten hatte - eine der ersten, noch primitiven Methoden der Fotografie. Atkins war fasziniert:

"Wie Talbot erkannte sie auf Anhieb, dass diese neue Technologie eine größere wissenschaftliche Genauigkeit bei der botanischen Illustration ermöglichen würde. Bis dahin hatte man sich auf Abbildungen in gedruckten Büchern verlassen müssen, die nur so gut waren wie die damit betrauten Illustratoren, oder auf getrocknete Pflanzen, die über kurz oder lang zerbröselten."

"Ein ziemlich umfangreiches Projekt"

Atkins begann mit dem systematischen Sammeln von Algen. " Ein ziemlich umfangreiches Projekt", schrieb sie im Oktober 1843 an eine Freundin:

. Es geht um fotografische Impressionen von allen britischen Algen, die ich mir beschaffen kann, und von denen viele so winzig sind, dass es sehr schwer ist, davon akkurate Zeichnungen anzufertigen."

Atkins nutzte neue Fototechnik 

Zehn Jahre lang arbeitete sie an ihrem fotografischen Meisterwerk. Als Methode benutzte sie die so genannte Cyanotypie - eine Erfindung des Astronomen Sir John William Herschel, die relativ einfach zu handhaben war. Man tränkte ein Blatt Papier mit lichtempfindlichen Eisensalzen, legte darauf das zu fotografierende Objekt, presste es unter Glas und setzte das Ganze fünf bis 15 Minuten dem Sonnenlicht aus. Danach wurde mit kaltem Wasser gespült. Der Hintergrund nahm eine tiefblaue Farbe an, nur diejenigen Teile des Papiers, die von dem Fotoobjekt bedeckt gewesen waren, stachen daraus in Weiß hervor.

Julia Leeb posiert mit einer Kamera in der Hand für ein Foto. (Gregor Nicolai) (Gregor Nicolai)Fotografinnen - Der weibliche Blick auf die Welt
Frauen mussten in der professionellen Fotografie lange um Akzeptanz kämpfen. Dabei gab es im 19. Jahrhundert wahre Pionierinnen der fotografischen Technik. Boris Friedewald porträtiert Fotografinnen und ihr Werk aus dem 19. und 20. Jahrhundert nun in seinem Buch "Meisterinnen des Lichts".

Atkins dokumentierte Hunderte von verschiedenen Algen-Spezies, jede ihrer Cyanotypien war ein Unikat. Insgesamt fertigte sie circa 25 Exemplare ihres Fotokatalogs an. Einige schenkte sie guten Freunden, andere ließ sie Wissenschaftlern zukommen, ohne dass ihr deswegen die gebührende Anerkennung zuteilgeworden wäre. Zusammen mit ihrer Freundin Anne Dixon brachte Anna Atkins, die am 9. Juni 1871 in Halstead starb, auch noch zwei Bände mit Cyanotypien von Farnen und Blütenpflanzen heraus. Aber erst in den 1980er Jahren sollten Kenner der Materie entdecken, welche Schätze da in den Archiven schlummerten.

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