Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 10:10 Uhr Länderzeit
StartseiteKalenderblatt16.7.1054 - Vor 950 Jahren16.07.2004

16.7.1054 - Vor 950 Jahren

Das Morgenländische Schisma beginnt

Im christlichen Konstantinopel, dem islamischen Istanbul von heute, ist es außergewöhnlich heiß an diesem Julitag des Jahres 1054. Die Leute bleiben in ihren kühlen Häusern und bekommen nicht mit, was um die Mittagszeit in der berühmten Kirche "Hagia Sophia" geschieht.

Von Peter Hertel

Istanbul mit Bosporus-Brücke, früher das christliche Konstantinopel (AP)
Istanbul mit Bosporus-Brücke, früher das christliche Konstantinopel (AP)

Dort erscheint Kardinal Humbert von Silva Candida. Er ist vor einiger Zeit aus Rom angereist, um im Namen des Papstes Verhandlungen zu führen am politischen Kaiserhof von Byzanz und im kirchlichen Patriarchenpalast. Doch der Versöhnungsversuch mit dem Patriarchen Michael Kerullarios ist gescheitert. Nun betritt der Kirchenfürst, begleitet von seinem Gefolge, die Basilika und legt ein Schriftstück, eine Bulle, auf den Hauptaltar mit der Botschaft: über Michael Kerullarios, den Patriarchen von Konstantinopel, und seine Priesterschaft wird der Kirchenbann verhängt, sie sind exkommuniziert. Dann verlässt er das Gotteshaus wieder. Die Priester, die sich gerade auf einen Gottesdienst vorbereiten, sind empört. Ein Diakon packt die Bannbulle, rennt dem Kardinal nach und bittet ihn, sie wieder an sich zu nehmen. Der weigert sich, und sie bleibt auf der Straße liegen – bis jemand sie aufhebt und dem Patriarchen bringt. Michael ist außer sich, schleudert den Bannfluch zurück auf die päpstlichen Legaten und exkommuniziert sie seinerseits. Dann beruft er eine Synode ein, eine Bischofs-Versammlung, und lässt sich seine Entscheidung bestätigen.

Gewöhnlich gilt der 16.Juli 1054 als der Beginn des Morgenländischen Schismas – also der Teilung der christlichen Kirche in den griechischen und slawischen Osten einerseits und in den lateinischen Westen andererseits. Aber in Wirklichkeit waren die Bannflüche, mit dem sich ein lateinischer Kardinal und ein griechischer Patriarch gegenseitig exkommunizierten, nur ein herausragender Höhepunkt in einem sehr langen Spaltungsprozess. Angefangen hatte er schon vor 1054. Und es dauerte noch Jahrhunderte, bis er beendet war.

Er begann schleichend, als der griechisch-orientalische Osten und der lateinisch-abendländische Westen mehr und mehr auseinanderdrifteten, in Kultur und Theologie. Glaubensunterschiede bildeten sich heraus. Die Kirche von Konstantinopel respektierte zwar den Vorrang Roms, der ursprünglichen Hauptstadt des Imperiums, lehnte aber Vorrechte des römischen Papstes ab.

Für die theologischen Köpfe beider Seiten ging es damals um die Wahrheit, die jeweils von der anderen Seite zumindest teilweise geleugnet werde. Aber letztlich blieben die Bannflüche ein akademisches Ereignis. Das Kirchenvolk bekam die Folgen hautnah erst 150 Jahre später zu spüren.

Im Jahre 1204. Westliche Kreuzfahrer erobern das goldene Konstantinopel und behandeln die östlichen Christen wie Ungläubige. Sie verweltlichen ihre wichtigsten Kultstätten, zerstören religiöse Kunstwerke und rauben wertvolle Reliquien, ja, es entsteht sogar ein lateinischer Staat.

Diese Vernichtung ostkirchlichen Lebens hat sich bis heute viel tiefer in das Gedächtnis der Ost-Kirchen zwischen Athen und Moskau eingegraben als der Bannspruch von 1054. Sie hat ein Feindbild geschaffen, das noch heute lebendig ist: Die westlichen Christen wollen uns auslöschen. Zur eigentlichen Glaubensspaltung, wie wir sie heute kennen, kam es damals allerdings noch nicht, sondern erst im 18.Jahrhundert.

Da verbot Rom den Katholiken alle gemeinsamen Gottesdienste mit den orthodoxen Christen, weil sie den Papst nicht anerkannten. Und als Antwort auf diese Provokation stellten die orthodoxen Patriarchen alle lateinischen Christen den Heiden und Ungetauften gleich.

Nun war die Spaltung tatsächlich da. Erst in unserer Zeit nähern sich die christlichen Kirchen bekanntlich wieder an. 1965, Zum Ende des Zweiten Vatikanischen Reformkonzils in Rom, hoben Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras von Konstantinopel die Bannflüche des Juli 1054 auf.

Jedoch: Der Bruch der Christenheit in Ost und West ist damit nicht repariert. Zu tief sind die tausendjährigen Wunden, als dass sie, wenn überhaupt, in einigen Jahrzehnten geheilt werden könnten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk