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StartseiteKalenderblattFernweh nach Nordafrika 28.02.2015

175. Geburtstag von Henri DuveyrierFernweh nach Nordafrika

Mitte des 19. Jahrhunderts war die Sahara für Europa noch unentdeckt, Land und Leute waren unbekannt und kaum beschrieben. Das änderte sich bald. Die Reiseberichte des Franzosen Henri Duveyrier, der heute vor 175 Jahren geboren wurde, erregten großes Aufsehen - vor allem seine Beschreibungen der Tuareg.

Von Mathias Schulenburg

Verwehte Fußspuren auf einer Sanddüne bei Assuan in Ägypten, im Hintergrund blauer Himmel (dpa / picture alliance / Arved Gintenreiter)
Nordafrika war das Reiseziel des Franzosen Henri Duveyrier, der Mitte des 19. Jahrhunderts als einer der ersten den Kontinent und die Tuareg in seinen Reiseberichten beschrieben hat. (dpa / picture alliance / Arved Gintenreiter)

Musik wie etwa die "Sizilianische Vesper" von Giuseppe Verdi wird Henri Duveyrier, geboren am 28. Februar 1840 in Paris, oft zu hören bekommen haben: Der Vater, Charles Duveyrier – ein Dramatiker –, hatte am Libretto für Giuseppe Verdis Oper Sizilianische Vesper mitgeschrieben. Die Familie bewegte sich in höheren Kreisen, hätte aber wohl gerne über mehr Mittel verfügt, weshalb Charles Duveyrier für seinen Sohn Henri einen kaufmännischen Brotberuf wünschte, den dieser in Deutschland erlernen sollte, unter anderem an der Handelsschule in Leipzig. Dort aber war Henri nicht glücklich: "Das Wetter ist schrecklich ..."

Überwältigend: seine erste Reise

Duveyrier litt unter Heimweh, betrauerte den frühen Tod seiner Mutter – er war da gerade 14 Jahre alt – und sehnte sich weit fort, nach Übersee, möglichst nach Nordafrika. Er bekam Privatunterricht in Arabisch, unternahm im März 1857 einen ersten Ausflug nach Algerien und war überwältigt: "Der Himmel war klar und mit Sternen bedeckt, die aus einem Samtfirmament zu kommen schienen. Ein bezaubernder Duft trieb von den Gärten heran, und ich stellte mir vor, mich mittreiben zu lassen, getragen von der Schönheit der Szene. So kannte ich mich nicht – bis dahin für die Schönheit der Natur unempfänglich und ohne je solche Ekstase erfahren zu haben."

Dieser Moment, schreibt Benjamin Claude Brower, ausgewiesener Experte des Ortes und der Zeit, habe Duveyrier endgültig aus der von seinem Vater gewünschten kaufmännischen Laufbahn gelenkt und tief in die Wüste geführt, wo er eine der wichtigsten und umstrittensten Persönlichkeiten in der Kolonialgeschichte der Sahara werden sollte.

Wieder in Frankreich leistete sich Duveyrier mit Hilfe der Freunde des Vaters Unterweisungen in allem, was einem Forschungsreisenden nützlich werden kann – Linguistik, Biologie, Astronomie, Meteorologie – bei bedeutenden Gelehrten seiner Zeit. In London suchte er den Rat des hoch angesehenen deutschen Entdeckers Heinrich Barth.

Die Tuareg als ein beeindruckender und fortschrittlicher Stamm

1859 kehrte Duveyrier nach Algerien zurück und unternahm ausgedehnte Reisen durch die Sahara. Besonders beeindruckte ihn der Stamm der Tuareg, den er als feingliedrige kaukasische Volksgruppe schilderte, in der die Frau – ganz anders als bei den Arabern – eine hohe Stellung einnahm: "Bei den Tuareg ist die Frau dem Manne gleichgestellt, unter Umständen steht sie sogar über ihm. Das Mädchen erhält eine Ausbildung; die junge Frau wählt ihren Ehepartner selbst, die väterliche Autorität greift nur ein, um schlechte Allianzen zu verhindern. In der Ehe verwaltet sie ihr Vermögen selbst. Die Kinder gehören eher ihr als ihrem Mann, denn es ist ihre Abstammung, die den Rang der Kinder in der Gesellschaft, im Stamm, in der Familie bestimmt. Sie geht, wohin sie will, ohne irgendjemandem Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, solange sie ihre Pflichten gegenüber Mann und Familie nicht vernachlässigt."

Die Männer schilderte er als edle Krieger, strengem Ethos verpflichtet, die sich als Händler penibel an Abmachungen hielten. Und, kurios, verschleiert waren nicht die Frauen. Duveyrier verfasste ein 500-Seiten-Werk, Erkundung der Sahara: Die Tuareg des Nordens, das seinem Verfasser – gerade 24 Jahre alt – zu großer Anerkennung verhalf und als Standardwerk galt.

Tragisches Ende: Der Sündenbock Duveyrier

Dann, im Februar 1881, das Debakel: Eine ohne Zutun Duveyriers rücksichtslos durchgeführte Militärexpedition zur Erkundung einer künftigen Eisenbahnstrecke durch die Sahara endete durch die Gegenwehr der betroffenen Tuareg – die Bahn hätte ihre Handelswege zerschnitten – in einem blutigen Desaster. Die französischen Verantwortlichen bauten Duveyrier zum Sündenbock auf: Er habe die Tuareg romantisiert, als zu friedfertig dargestellt.

Das, und sein Unvermögen, an den frühen Erfolg anzuknüpfen, ließen Duveyrier verbittern, vor allem nach dem Tod seines Vaters. Am 25. April 1892 nahm er sich das Leben, gerade 52 Jahre alt.

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