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StartseiteKalenderblattEine liebevolle Geschichte der Naturerforschung 04.08.2016

175. Geburtstag von Henry HudsonEine liebevolle Geschichte der Naturerforschung

Henry Hudson war Ornithologe, Naturforscher und Schriftsteller. 1888 veröffentlichte er den ersten systematischen Überblick über die Vogelwelt Argentiniens. In seinen Betrachtungen war er mehr Poet, denn Wissenschaftler. Am 4. August 1841 wurde Hudson als Sohn nordamerikanischer Einwanderer in der Provinz Buenos Aires geboren.

Von Irene Meichsner

Ein gemaltes Bild des Naturforschers, Ornithologen und Schriftstellers William Henry Hudson im New Forest. Es wurde nach Hudsons Tod von Frank Brooks gemalt. (imago/United Archives)
William Henry Hudson war zugleich ein Poet, der mit der Natur einen, wie er selber sagte, "animistischen Austausch" pflegte, was ihn vom nüchternen Wissenschaftler deutlich unterschied. (imago/United Archives)
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"Der Sonnenuntergang steht bevor, und horch, während ich weiter wandere, höre ich in dem niedrigen Gestrüpp vor mir, wie die Schmucksteißhühner, das Wildgeflügel dieser Region, das dem englischen Fasan an Größe gleichkommt, gerade ihren Abendruf beginnen. Es ist ein langer, lieblich modulierter Laut, ein wenig flötend und deutlich und weithin in der stillen Abendluft ertönend."

William Henry Hudson kannte sich mit der Vogelwelt so gut aus wie kaum ein anderer Zeitgenosse. Er war zugleich aber auch ein Poet, der mit der Natur einen, wie er selber sagte, "animistischen Austausch" pflegte, was ihn vom nüchternen Wissenschaftler deutlich unterschied. Auf "Eudromia formosa", das Schmucksteißhuhn, stieß Hudson in Patagonien. In seinem 1893 veröffentlichten Bericht über diese Reise, hier gelesen von seinem deutschen Übersetzer Rainer G. Schmidt, erinnerte er sich mit einer fast zärtlichen Zuneigung daran, wie die scheuen Tiere verstummten, als er näher kam – und ihre Gesänge fortsetzten, als er sich wieder entfernte.

"Zuerst sind einer, dann zwei zu hören, dann vereinigen sich 20 Stimmen zu einem gefälligen Konzert. Schon ist die Furcht, eine starke, aber vorübergehende Empfindung bei allen wilden Geschöpfen, von ihnen gewichen, und sie sind frei und glücklich, als ob mein umher wandernder Schatten niemals durch ihre Mitte gefallen wäre."

Der kleine Freund der Schlangen

Hudson wurde am 4. August 1841 auf einer kleinen Farm in Quilmes in der Provinz Buenos Aires als Sohn nordamerikanischer Einwanderer geboren. Schon als Kind liebte er es, ganz alleine oder mit den Gauchos durch die Pampa zu streifen – einem wahren Vogelparadies mit Hunderten von verschiedenen Arten. Nachts lauschte der Junge den Schlangen, die sich unter dem Fußboden häuslich eingerichtet hatten.

"Denn wenn dies auch eine Neuigkeit für manchen Stuben-Ophiologen sein mag: Schlangen sind überhaupt nicht so stumm, wie wir meinen. … Einem langen Zischen folgten deutlich hörbare tickende Laute, wie von einer heiseren Uhr. Und nach zehn oder 20 oder 30 Tick-Lauten ein weiteres Zischen, gleich einem langem, ausatmenden Seufzer. Manchmal mit einem Zittern darin, wie von einem trockenen Blatt, das rasch im Wind vibriert. … Und ab und zu vereinigten sich mehrere Stimmen zu einer Art leisem, geheimnisvollen Gesang. Ticken der Todes-Uhr und Zittern und Zischen, während ich, wach in meinem Bett liegend, lauschte und erbebte."

Protest gegen unmenschliche Mode

Als junger Mann verkaufte Hudson Vogelbälge an naturhistorische Museen, verdiente damit letztlich aber doch nicht genug Geld. 1874 siedelte er nach London über, wo er lange Zeit in bitterer Armut lebte. 1888 veröffentlichte Hudson, zusammen mit einem englischen Zoologen, den ersten systematischen Überblick über die Vogelwelt Argentiniens. Als Mitglied einer frühen Vogelschutz-Organisation empörte er sich vor allem darüber, dass Frauen ihre Hüte mit den Federn von Tropenvögeln schmückten. Zig-millionenfach würden die Tiere wegen dieser Mode abgeschlachtet, klagte Hudson in einem Brief an die Londoner "Times":

"Über die Grausamkeit, diese Vögel zu töten, während sie brüten und ihre Jungen aufziehen, brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. … Ein toter und ausgestopfter Vogel mag von wissenschaftlichem Interesse sein. … Aber kein Mann von Verstand, der auch nur etwas Liebe zur Natur empfindet, kann eine Frau, die tote Vögel, deren Federn oder Balzkleid zur Schau trägt, ohne Abscheu betrachten - egal wie schön oder charmant sie sonst sein mag."

Ein "Vorläufer der ökologischen Bewegung"

In den 1890er Jahren fand sich endlich ein Publikum für Hudsons persönliche Betrachtungen über die Natur in England und Argentinien. Der Durchbruch gelang ihm 1904 mit dem Roman "Green Mansions", einer für ihn eigentlich untypischen Romanze aus dem Tropenwald. Vier Jahre, bevor Hudson am 18. August 1922 in London starb, erschienen seine Erinnerungen an die Kindheit in Argentinien, während der er gelernt hatte, die Natur, um ihrer selber willen zu lieben. Rainer G. Schmidt nennt Hudson einen "Vorläufer der ökologischen Bewegung", der sich der Natur ohne jeden Gedanken an fremde Zwecke angenähert habe – so wie den Schmucksteißhühnern in Patagonien.

"Dämmerung tritt ein. Und setzt diesen unnützen Erforschungen ein Ende. Unnütz, sage ich, und habe große Freude daran, es zu sagen! Denn wenn es irgendetwas in diesem friedlichen Land zu verabscheuen gibt, dann der Grundsatz, dass alle unsere Nachforschung in der Natur zu irgendeinem gegenwärtigen oder zukünftigen Nutzen für das Menschengeschlecht stattfinden."

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