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StartseiteKalenderblatt18.2.1654 - Vor 350 Jahren18.02.2004

18.2.1654 - Vor 350 Jahren

Jean-Louis Guez de Balzac, Schriftsteller, gestorben

Wissen wenigstens die Schüler des Lycée Guez de Balzac an der Place Beaulieu im französischen Angoulême noch, wer Jean-Louis Guez de Balzac war, der ihrem Gymnasium den Namen gab? Wenn die Schüler in den Pausen wie überall beschäftigt sind mit ihren Handys und träumen von der grossen weiten Welt, dann dürfte auch ihnen die Welt des Guez de Balzac fremd geworden sein. Und doch, könnte das nicht Thema eines heutigen Abituraufsatzes sein, die Frage, ob in dieser Zeit der schnellen Zeichen wie SMS und E-Mails, der uferlosen Meinungsvielfalt noch einmal innezuhalten ist, um sich angesichts eines Werkes wie dem von Guez de Balzac zu vergewissern, ob in der Literatur als der letzten Schriftlichkeit des Urerlebnisses der Schöpfung sich etwas bewahren lässt, was in allen elektronischen, digitalisierten Sprachen nicht aufzuheben ist?

Von Christian Linder

Vor dreihundertfünfzig Jahren war Angoulême natürlich noch ein verschlafenes französisches Provinznest. Ruhige Musik, ruhige Zeiten. Obwohl, für den, der sich damals in die politischen Zeitläufte verstrickte, war die Zeit so ruhig dann doch nicht. Ludwig XIII. herrschte, aber die wahren Regierungsgeschäfte lenkte Kardinal Richelieu. Jean-Louis Guez de Balzacs Weg kreuzte sich mit dem Richelieus. Geboren 1597 auf Schloss Balzac bei Angoulême als Sohn einer reichen Familie, versuchte Guez de Balzac die Enge der französischen Provinz zunächst abzustreifen. Zwei Jahre, von 1620 bis 1622, hielt er sich als Sekretär des Erzbischofs von Toulouse in Rom auf, begeistert von den Monumenten der Antike und den Büchern Ciceros. In dieser Zeit begann er an Freunde und berühmte Zeitgenossen Briefe zu schreiben, die ihm zu langen Abhandlungen gerieten, wobei die Briefform es ihm ermöglichte, Gedanken nicht bis auf den tiefsten Grund hin auszuloten, sondern von einem Einfall zum anderen zu springen. Aber der Geist, auch der Witz, vor allem der Nonkonformismus, der aus diesen Briefen sprach, faszinierte die Adressaten, und als diese Lettres 1624 als Buch veröffentlicht wurden, war Guez de Balzac ein berühmter Autor, der "beredsamste Mann" seiner Zeit, wie man ihn nannte, der grösste Briefeschreiber der Epoche. Literarische Briefe hat er sein Leben lang geschrieben, ein zweiter Band erschien 1636.

Fünf Jahre vorher, 1631, hatte er eine Studie veröffentlicht, Le prince, Der Prinz, die allerdings von Machiavellis berühmtem Buch Principe nicht beeinflusst war. Begonnen schon kurz nach der Rückkehr aus Italien, griff Guez de Balzac mit seiner Studie in die politischen Diskussionen seiner Zeit ein und malte das Bild eines idealen Herrschers, der die moralischen Gesetze hochhält und überhaupt die höchsten Tugenden selber vorlebt. Das Buch war ein Bekenntnis zur Monarchie und ein Porträt Ludwigs XIII. und gedacht eigentlich auch als Huldigung an Richelieu. Doch Richelieu las das Buch anders, sah darin seine politische Autorität gegenüber Ludwig XIII. zurückgesetzt und witterte überhaupt eine Pamphlet für Meinungsfreiheit, die Richelieu natürlich nicht gefallen konnte. Guez de Balzac zog es daraufhin vor, das Leben in den hohen politischen Kreisen zu meiden, er kehrte zurück in seinen Geburtsort Angoulême und lebte wie in einem freiwillig gewählten Exil, korrespondierte aber weiter mit Gott und der Welt.

Er feierte in seinen Briefen eine moderne Urbanität, beschimpfte die Fachgelehrten seiner Zeit als "Pedanten", stellte Lebensregeln auf zum, wie er schrieb, "allgemeinen Wohl und für die allgemeine Glückseligkeit" und bemühte sich, wie er bekannte, "Frauen und Kindern verständlich zu bleiben" - Blaise Pascal hat später diesen Anspruch für sich übernommen. Dabei war Guez de Balzacs Prosa hochgebildet, die Kunst seines Schreibens brachte ihm bald einen Sitz in der Académie française ein. Wenn die meisten Ideen seiner Bücher auch nicht überlebt haben und deshalb heute nicht mehr gelesen werden, so hat er doch als Stilist mit seinen kunstvoll gebauten Satzperioden die klassische französische Literatursprache erneuert und weit über seinen Tod am 18. Februar 1654 hinaus geprägt. Insofern ist Guez de Balzacs Oeuvre dann doch ein Schulthema geblieben, zumindest für die Gymnasiasten des Lycée Guez de Balzac in Angoulême.

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