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StartseiteKalenderblatt18.7.1934 - Vor 70 Jahren18.07.2004

18.7.1934 - Vor 70 Jahren

Edward Bond, Dramatiker geboren

Er war ein Paukenschlag, der erste Auftritt von Edward Bond auf dem deutschen Theater. 1967 inszenierte der fast noch unbekannte Peter Stein Bonds Stück "Gerettet" an den Münchner Kammerspielen – darin die berühmt gewordene Szene, in der eine Horde Jugendlicher ungerührt, aus lauter Langeweile, ein Baby in einem Kinderwagen steinigt. Ein Skandal. Und, bei der Uraufführung zwei Jahre zuvor am Royal Court Theatre in London, ein Fall für den Zensor. Noch nie hatte auf der Bühne die nackte Gewalt so roh und realistisch und doch wie nebenbei gewütet – ungeschönt durch Theaterkonventionen und beunruhigend unmotiviert. Noch nie war es den Tätern erlaubt, ihre Tat so leichthin hinter sich zu lassen und einfach weiterzumachen in ihren dumpfen Alltagstrott. Mit seinem zweiten Stück katapultierte sich Bond, der Schulabbrecher aus einem Londoner Arbeiterviertel, für zwei Jahrzehnte an die Spitze der internationalen Dramatikerszene; deutsche Regietheaterstars – neben Stein Peter Zadek oder Luc Bondy – rissen sich um die Erstaufführung von "Schmaler Weg in den tiefen Norden" oder "Die See".

Von Ruth Fühner

Auch in diesen Stücken – wie in den vielen, die noch folgen sollten – ging es um Gewalt. Um Blut und Dreck und die Qualen, die Menschen einander zufügen. Doch so breiten Raum bei Bond die Grausamkeit einnimmt – wer sie nur als effektheischerischen, zynischen Selbstzweck sehen wollte, hätte den Aufklärer Bond falsch verstanden:

Das ist Unsinn. Meine Stücke sind nicht wirklich grausam... Sie zeigen die Welt, in der ich aufgewachsen bin. Die Grausamkeit ist Teil des Lebens, das sie führen.

Die Exzesse der Gewalt in Bonds Stücken konnten leicht den Blick darauf verstellen, dass hier jemand schrieb, dessen zentrales Motiv das Mitleid war. Der frühe Bond ist ein Humanist, seine Stücke eine einzige Anklage gegen eine sinnlose Welt, in der der mörderische Kampf aller gegen alle unausrottbar scheint und das Böse die Konsequenz des Guten ist - so wie in seinem Erstling "Die Hochzeit des Papstes" von 1962 ein junger Mann auf der Suche nach der verlorenen Unschuld zum Mörder wird. "Nur eins hält uns bei Vernunft: das Mitleid, und der Mensch ohne Mitleid ist ein Wahnsinniger," heißt es in Bonds "Lear" – einem Stück, das die Skepsis gegenüber ideologischen Heilsversprechen predigt: Die Unterdrückten, erst einmal an die Macht gelangt, stehen an Grausamkeit in nichts den Tyrannen nach, deren Fesseln sie gerade erst abgeschüttelt haben.

Ende der Siebziger Jahre ist es nicht mehr die menschliche Gesellschaft als solche, mit der sich Bond anlegt, sondern der Kapitalismus. Er beschäftigt sich mit Brecht, mit dem Krieg in Vietnam, er bezeichnet sich als Sozialisten. Das heißt nicht, dass er die machtkorrumpierten Regimes des Ostens mit Sympathie betrachtete – doch noch vor deren Zusammenbruch markiert für ihn der Thatcherismus den Anfang vom Ende aller Utopien: eine Gesellschaft ohne Visionen, in der mit dem Wohlstand auch die Gewalt wächst. Ihr hält er den dunklen Spiegel negativer Utopien vor: Die Welt nach dem Atomkrieg in "Großer Frieden" 1988, die selbstzerstörerischen Mechanismen auf den Vorstandsetagen in "Männergesellschaft", den brutal in Arm und Reich geschiedenen Überwachungsstaat der Zukunft in "Das Verbrechen des 21. Jahrhunderts".

Doch Bonds Hochzeit schien, trotz aller Produktivität, vorbei. Nicht nur, weil sich seine Stücke zunehmend geschwätziger und bedeutungsüberladen aufplusterten. Die spaß- und konsumverliebten Achtziger und Neunziger Jahre zogen das Entertainment seinen düsteren Parabeln und Endzeitvisionen vor. Erst seit die Euphorie sich gelegt hat und die soziale Kälte allgemein spürbar geworden ist, zeigt sich, dass Bond auch bei der jüngeren Dramatikergeneration Spuren hinterlassen hat. In den jungen englischen Wilden, vor allem in der früh verstorbenen Sarah Kane, hat er seine Schüler gefunden. Der zornige alte Mann selbst ist inzwischen ein Klassiker geworden – dass der Skandal seiner ersten Stücke inzwischen vom Fernsehen und auf dem Theater längst eingeholt und trivialisiert wurde, bestätigt nur seine frühe Weitsicht.

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