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StartseiteKalenderblattErforscher der Moralität des Bösen11.01.2015

1995 - Gründung des Fritz-Bauer-InstitutsErforscher der Moralität des Bösen

Vor 20 Jahren, zur Hochphase einer lebhaften Auseinandersetzung mit den Nazi-Verbrechen, wurde in Frankfurt das Fritz-Bauer-Institut gegründet. Es stellte sich die Aufgabe, in wissenschaftlicher, pädagogischer und künstlerischer Weise die Geschichte und Wirkung des Holocaust zu erforschen und darzustellen.

Eine schwarz-weiß Aufnahme von Fritz Bauer aus dem Jahr 1961. (picture-alliance/ dpa /Goettert)
Fritz Bauer verstand die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen als Voraussetzung einer demokratischen Nachkriegsgesellschaft. (picture-alliance/ dpa /Goettert)
Weiterführende Information

Vorwürfe gegen Fritz-Bauer-Institut - "Im Bereich der reinen Verschwörungsfantasien"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 09.12.2014)

Dokument des Grauens
(Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 08.10.2013)

Springer hat Gesellschaft nach 1945 mit "großer, direkter Energie" verändert
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 14.03.2012)

Geraubter jüdischer Besitz
(Deutschlandradio Kultur, Kulturinterview, 11.05.2005)

"Ich glaube, wir sollten den Hitler in uns selber finden. Und erkennen, was Ursache dafür war, dass diese ungeheuren, in der Geschichte einzigartigen Verbrechen geschehen konnten."

So der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in den frühen 60er-Jahren. Er hatte nicht nur an der Ergreifung Adolf Eichmanns mitgewirkt, sondern auch dafür gesorgt, dass in Frankfurt der Auschwitzprozess stattfand. Fritz Bauer verstand die Aufarbeitung der Nazi- Verbrechen als "Gerichtstag über uns selbst", als Voraussetzung einer demokratischen Nachkriegsgesellschaft. Er ist der Namensgeber des Fritz-Bauer-Instituts, das am 11. Januar 1995 als Stiftung bürgerlichen Rechts in Frankfurt gegründet wurde: als Einrichtung zur Erforschung und Darstellung der nationalsozialistischen Massenverbrechen, insbesondere des Holocaust.

"Ihm lag sehr viel daran, hier eine bessere Zukunft aufzubauen, er war überzeugt, dass diese bessere Zukunft nur möglich ist, wenn man sich mit der Vergangenheit, mit den Verbrechen der NS-Zeit beschäftigt, und wenn auch die Mehrheit der Deutschen die Mitverantwortung für den Nationalsozialismus und seine Verbrechen erkennen und bereit sind, sich zu verändern."

Der Schweizer Historiker Raphael Gross leitet das Fritz-Bauer-Institut seit dem Jahr 2007 und verfügt über zehn bis 15 Mitarbeiter. Zugleich Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, hat er nicht nur eine große Ausstellung über den hessischen Generalstaatsanwalt und dessen aufklärerisches Wirken gezeigt, sondern auch das Filmteam beraten, das mit dem Kinofilm "Im Labyrinth des Schweigens" Fritz Bauers Leben nacherzählt. Das Institut zeigt und diskutiert diesen Film in Workshops und an Schulen. Denn es versteht die Verbindung von historischer Forschung und aktueller Vermittlung als seine Kernaufgabe.

"Das Institut wurde gegründet, um zum einen sich mit den Verbrechen im NS zu beschäftigen, mit dem Holocaust, aber auch wie die deutsche Gesellschaft nach '45 damit umgegangen ist."

Zeitgeschichte zum Mithören

Zur Erforschung und Dokumentation des Frankfurter Auschwitzprozesses verwahrt das Fritz-Bauer-Institut nicht nur die Kopien der Gerichtsakten, sondern hat auch die Mitschnitte von Zeugenaussagen auf seine Internetseite gestellt – Zeitgeschichte zum Mithören.

"Das Institut hat natürlich immer einen großen Forschungs- wie auch Vermittlungsanspruch von Anfang an gehabt, das heißt, wir sind interdisziplinär an die Themen ran gegangen, wir haben Veranstaltungen, Ausstellungen, Publikationen gemacht, die auch in die Breite hinauswirken."

In seiner wissenschaftlichen Buchreihe hat sich das Fritz-Bauer-Institut mit der Aufarbeitung des Holocaust, mit der Moralität des Bösen, mit Antisemitismus und Rassismus beschäftigt. Ausstellungen wie "Legalisierter Raub", zur sogenannten Arisierung jüdischen Vermögens, beleuchteten die regionalen Auswirkungen nationalsozialistischer Rechtsprechung. Zusammen mit dem Jüdischen Museum unterhält das Institut ein pädagogisches Zentrum mit Lehrern, die seine Arbeit unterstützen. Jutta Ebeling, ehemalige Frankfurter Bürgermeisterin, Lehrerin und Vorsitzende des Fördervereins des Fritz-Bauer-Instituts, sieht die zunehmende Herausforderung einer solchen pädagogischen Arbeit:

"Wie bringt man einer Schülerschaft, die sehr multikulturell ist, eine sehr spezifische Geschichte der Deutschen näher, ohne dass die sagen: Da habe ich nix mit zu tun, was interessiert mich das?"

Seit im Jahr 2001 die geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Frankfurter Goethe Universität in die Gebäude des ehemaligen IG-Farben-Hauses gezogen sind, hat auch das Fritz-Bauer-Institut dort seinen Sitz. Und wenn man Raphael Gross nach der Zukunftsperspektive fragt, dann äußert er immer wieder einen sehr konkreten Wunsch:

"Es wäre sicher an der Zeit, dass man vielleicht hier eine Holocaust Professur einrichtet. Auch das würde sehr helfen, die Themen des Instituts internationaler und noch mehr auch öffentlichkeitswirksamer zu bearbeiten."

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