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StartseiteCampus & Karriere2. Juni 1967: Tod des Benno Ohnesorg03.06.2002

2. Juni 1967: Tod des Benno Ohnesorg

Junger Historiker untersucht die Studentenbewegung

<strong>2. Juni 1967: An diesem Tag erschießt der Polizist Karl-Heinz Kurras in der Nähe des Kurfürstendamms den Germanistikstudenten Benno Ohnesorg. Proteste nicht nur in der West-Berlin, sondern auch in ganz Westdeutschland sind die Folge. Gestern vor 35 Jahren begann in der Bundesrepublik die Studentenbewegung - ein Aufstand, der als kultureller Mythos bis heute Wirkung zeigt und die Politik beeinflusst.</strong>

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"68er" wie Joschka Fischer bekleiden heute Regierungsämter oder prägen die Thinktanks hinter den Kulissen der Macht. Junge Wissenschaftler arbeiten derweil die damaligen Ereignisse historisch auf - so etwa Michael Frey an der Ruhr-Universität Bochum. Der Historiker ist Jahrgang 1972, war also zur Zeit der Schüsse auf Ohnesorg noch gar nicht geboren. Er sieht darin einen Vorteil.

Es ist was anderes, ob man über etwas schreibt, was man persönlich erlebt hat. Oder ob man aus der Distanz ohne emotionale Konnotierung mit dem Stoff umgeht. Was ich vor allen Dingen versucht habe ist, einen Radikalisierungsprozess zu beschreiben, das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, der Studentenbewegung, aber auch der überzogenen staatlichen Reaktionen, die dazu geführt haben, dass Solidarität entsteht.

Der 26-jährige Benno Ohnesorg tat am 2. Juni 1967 nichts anderes als 2000 andere Studenten auch: Er demonstrierte gegen den Besuch des Schah von Persien, als die Polizei den Platz vor der West-Berliner Oper mit brachialer Gewalt zu räumen begann. Die "Operation Füchse jagen", wie sie der Polizeipräsident zuvor genannt hatte, sah die Festnahme von Rädelsführern durch polizeiliche Greiftrupps vor. In einer Seitenstraße fielen dann die tödlichen Schüsse aus der Dienstwaffe eines übereifrigen Polizisten. Für die protestierenden Studenten waren sie ein Fanal: Aus einer lokal begrenzten Revolte wurde eine bundesweite Protestbewegung. Mit ihr begann der Aufstieg des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Das Entscheidende ist, dass der SDS eigentlich seit 1961 eher einem linksozialistischen Verständnis entsprach, eine Aktionsstrategie hatte, die man eher als sozialdemokratisch bezeichnen kann. Und das ab 1965 eine Strömung im SDS sich breiter macht und an Einfluss gewinnt, deren Aktionsstrategie darauf ausgerichtet ist, Aktionen durchzuführen, die sehr spektakulär sind. Die dazu führen, dass sich neue Leute dem SDS zuwenden, weil die Aktionen relativ neu und fantasievoll sind, in gewisser Weise Spaß machen und gleichzeitig die Obrigkeit provozieren.

Dieser antiautoritäre Flügel des SDS wird repräsentiert durch Rudi Dutschke, der später selbst Opfer eines Attentats wurde; aber auch durch Dieter Kunzelmann oder Fritz Teufel, die mit ihren humorvollen und unkonventionellen Protestformen der neuen Bewegung eine ganz neue, aktionistisch orientierte Farbe gaben. Im unbeweglichen Klima der jungen Bundesrepublik treffen die spontanen Protestformen der Studenten auf fruchtbaren Boden. Die Ursachen dafür, dass sich eine so lange nachwirkende Bewegung entfalten konnte, sieht der Historiker Frey nicht nur im 'Muff unter den Talaren', den hochschulpolitischen Spezialproblemen der alten Ordniarien-Universität - sondern auch in der allgemeinen politischen Stagnation des Adenauer-Staates.

Und in diese Gesellschaft kommt dann eine neue Generation von Studenten, die selbst nicht in der unmittelbaren Kriegszeit, in der NS-Zeit gelebt haben, sondern als 'Wohlstandskinder' an die Universitäten gehen. Und für die die autoritären Strukturen, die noch vorherrschend sind, nicht mehr zu ihrem persönlichen Bild passen. Das ist noch relativ unbewusst, und das Entscheidende ist dann tatsächlich, dass diese neue Protestgeneration animiert wird, gegen bestimmte Regeln im Sinne begrenzter Regelverletzungen zu verstoßen.

Nach den Schüssen vom 2. Juni 1967 sprang der Funke der Studentenbewegung von Berlin auf die Bundesrepublik über. Rein quantitativ, misst man ihre Stärke an der Zahl der politisch Aktivisten oder an der Zahl der beteiligten Demonstranten, waren spätere soziale Proteste wie die Anti-Atom- oder die Friedensbewegung bedeutsamer. Doch die '68er' waren die erste soziale Bewegung der Nachkriegszeit, die sich erfolgreich neuer, aus dem Ausland übernommener Aktionsformen des 'zivilen Ungehorsams' bediente. Vor allem durch die weltweiten Proteste gegen den Vietnamkrieg stand sie in einem internationalen Kontext - für Michael Frey ein Grund, in diesem Sommer in den USA weiterzuforschen.

Ich meine, dass jedes Land seine eigenen spezifischen Themen hat, dass es aber trotzdem '68' als globales Phänomen gibt. In Amerika zum Beispiel hat es ein sehr rassenspezifisches Problem gegeben. Ab Ende der 50er Jahre haben wir die Bürgerrechtsbewegung, die sich gegen den Apartheids-Staat im Süden der Vereinigten Staaten zur Wehr gesetzt hat. Das ist ein spezifisch amerikanisches Phänomen, und in Deutschland haben wir ein deutsches Phänomen mit der NS-Vergangenheit. Obwohl wir diese beiden spezifischen Phänomene in zwei Ländern haben, gibt es einen globalen Zusammenhang der Studentenbewegung.

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