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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie USA – gespaltener als je zuvor11.09.2021

20 Jahre nach 9/11Die USA – gespaltener als je zuvor

Mit den Anschlägen vom 11. September ging für die USA eine Epoche der unbeschwerten Sicherheit zu Ende. 20 Jahre später und nach einem chaotischen Abzug aus Afghanistan kommen kritische Fragen heute nicht mehr nur von linken Außenseitern, sondern aus der Mitte der Gesellschaft, kommentiert Doris Simon.

Ein Kommentar von Doris Simon

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Aus der Skyline von Manhattan ragen zwei große, blaue illuminierte Säulen hervor, die an die zerstörten Türme des Word Trade Centers erinnern (aufgenommen im September 2015). (picture alliance / AA | Bilgin Sasmaz)
Aus der Skyline von Manhattan ragen zwei große, blaue illuminierte Säulen hervor, die an die zerstörten Türme des Word Trade Centers erinnern (aufgenommen im September 2015). (picture alliance / AA | Bilgin Sasmaz)
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Es wird wie jedes Jahr eine Trauerfeier sein ohne große Reden, ohne großes Dekor, wenn an der zentralen Gedenkstätte in Manhattan mehrere Stunden lang die Namen der Opfer verlesen werden, unterbrochen nur von sechs Schweigeminuten, die den Aufprall und Einschlag der vier Flugzeuge und den Fall der beiden Türme des World Trade Centers markieren. Für viele Familien der Opfer einer der wichtigsten Momente des Jahres. Sich zu erinnern, gemeinsam mit anderen, die das gleiche Schicksal teilen, die vielleicht auch kein Grab haben, an dem sie den Verlust ihrer Lieben betrauern können- das bedeutet neben Trauer auch Trost. Und einen Moment des Zusammengehörigkeitsgefühls.

  (AFP/ GETTY/ Marc Wilson) (AFP/ GETTY/ Marc Wilson)Was eine ehemalige US-Bundesanwältin heute anders machen würde
Die frühere US-Bundesanwältin Mary Jo White brachte den Mann hinter Gitter, der für den ersten geplanten Anschlag auf das World Trade Center 1993 verantwortlich war. Auch 2001 war sie an den Ermittlungen nach den Anschlägen maßgeblich beteiligt. 20 Jahre später spricht sie von Systemversagen.

Zusammengehörig fühlten sich vor 20 Jahren viele Amerikaner, weit mehr als nur die Angehörigen der Toten des 11. Septembers. Die Anschläge hatten die Vereinigten Staaten bis in die Grundfesten erschüttert: Die Sicherheit war weg, und die unbeschwerte Zuversicht, in der viele US-Bürger bis dahin gelebt hatten, wo der Millenium-Bug und die Haie an den Badestränden die größte Bedrohung von außen waren.

Anschläge auf die Vereinigten Staaten und ihre Bürger hatte es immer gegeben, aber immer weit weg, in Deutschland, in Afrika, im Nahen Osten. Niemals zu Hause, im Heartland. Das ungewohnte Gefühl der Verwundbarkeit zu Hause veränderte alles. Mit den Anschlägen vom 11. September ging für Amerika eine Epoche zu Ende. Das empfanden auch die Partner: die NATO rief nach 9/11 zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus.

Es gab mehr als nur einen Amerika-Hasser

In den USA reagierten die Bürger mit gemeinsamer Trauer und gegenseitiger Unterstützung. Hierauf konnte der neue Präsident bauen, ebenso auf den tief verwurzelten Patriotismus seiner Landsleute, als er den Krieg gegen den Terror ankündigte. Kein Moment für Zögern oder zweifelndes Hinterfragen der Ziele, oder wie man sie realistisch erreichen wollte. Wir befinden uns im Krieg. Vergessen war, dass derselbe Präsident alle Warnungen in den Wind geschlagen hatte, dass Osama bin Laden mehr als nur einer der vielen Amerika-Hasser in der Welt war.

Was zählte, war, entschlossen zurückzuschlagen, dem Schmerz und der Demütigung etwas entgegenzusetzen. Was folgte, war eine rasche Vertreibung der Taliban von der Macht und eine weltweite Jagd aus islamistische Terroristen. Guantanamo, Abu Ghraib, die Diskriminierung von Muslimen, das Aussetzen von Werten und rechtsstaatlichen Mechanismen. Und 20 Jahre Krieg, mit über 7.000 toten US-Soldatinnen und Soldaten im Irak und Afghanistan und Zehntausenden von Veteranen, die bis heute unter den Folgen ihrer Einsätze leiden.

Der chaotische Abzug aus Afghanistan und seine Folgen

20 Jahre nach den Anschlägen des 11. Septembers ist Amerika immer noch ein verunsichertes Land, nicht geeint, sondern gespaltener als zuvor. Die chaotischen Umstände des Abzugs der USA aus Afghanistan haben alte Wunden wieder aufbrechen lassen. Die kritischen Fragen kommen heute nicht mehr nur von linken Außenseitern, sondern aus der Mitte Amerikas. Fragen, auf die republikanische und demokratische US-Regierungen viele Jahre lang so viele und unterschiedliche Antworten hatten, dass am Ende keine triftig war: Wofür sind die Soldaten gestorben? Warum waren wir so lange in Afghanistan und im Irak? Was wollten die USA erreichen? Hatten wir jemals einen Plan, wie wir aus diesen Kriegen wieder herauskommen?

Amerikaner wissen oft auf beeindruckende Weise vergangene Ereignisse zu würdigen und der Opfer zu gedenken, unabhängig von Schicht oder Herkunft. Weniger gut ist das Land in der Regel darin, übergreifend eine breite, kritische Diskussion über Fehler und Erfahrungen zu führen. Wir wussten schon seit Jahren, dass wir den Krieg verloren haben, sagte ein Veteran dieser Tage. Aber mussten wir es so deutlich gezeigt bekommen?

Die Antwort lautet: Wahrscheinlich ja. Ohne die brutale Ernüchterung, die Fragen, die Zweifel kann es keine Auseinandersetzung geben über die Folgen der Anschläge des 11. Septembers, wie sie die Vereinigten Staaten und andere Länder beeinträchtigt und verändert haben. Die Diskussion wäre dringend nötig. Ob es sie jemals geben wird angesichts des vergifteten politischen Klimas, ist eine andere Frage.

Doris, Referentin Programmdirektion Deutschlandradio (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der "Informationen am Morgen". 

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