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StartseiteUmwelt und Verbraucher20 Jahre nach dem Sandoz-Unglück24.10.2006

20 Jahre nach dem Sandoz-Unglück

Internationale Rheinschutzkommission zieht Bilanz

1986 brannte die Schweizer Firma Sandoz. Dabei gelangten Gifte in den Rhein und lösten ein nie gekanntes Fischsterben aus - der Fluss war zu Kloake verkommen! Diese Umweltkatastrophe führte zu einem unvergleichlichen Rettungsprogramm. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins schaut zurück auf den Sandoz-Unfall und zieht Bilanz über den aktuellen Zustand des Rheins.

Von Mirko Smiljanic

Der Unfall löste ein Aalsterben von Basel bis zur Loreley aus.  (AP Archiv)
Der Unfall löste ein Aalsterben von Basel bis zur Loreley aus. (AP Archiv)

Eine gewisse Logik hätte es schon, zu vermuten, die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins - kurz IKSR - wäre als Folge des Sandozunfalls gegründet worden. Das ist aber falsch, die Kommission der Rheinanliegerstaaten gibt es schon seit 56 Jahre. Richtig ist allerdings, dass die IKSR sich in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in einer Art Tiefschlaf befand. Bis es am 1. November 1986 in Basel zur Katastrophe kam.

"Es gab einen Brand in einer Lagerhalle und zwar bei der Chemischen Fabrik Sandoz und in der waren eben sehr, sehr viele Gifte wie Insektizide und Fungizide gelagert. Mit dem Löschwasser sind etwa 20 Tonnen dieser Pestizide und Insektizide in den Rhein gelangt, was ein immenses Aalsterben zur Folge hatte und zwar auf etwa 450 Kilometer, das heißt von Basel bis zur Loreley."

... sagt Anne Schulte-Wülwer-Leidig, stellvertretende Geschäftsführerin der IKSR, Koblenz. Seit Ende des 2. Weltkrieges ist der Rhein nach und nach zur Kloake Europas verkommen. Es gab kaum Kläranlagen, biologische und chemische Abfälle wurden in allen Anrainerstaaten in den Fluss geleitet. Eine Situation wie noch im 19. Jahrhundert, als jährlich Hunderttausende von Lachsen aus dem Atlantik in den Rhein wanderten, war unvorstellbar. Immerhin führte der Sandozunfall zu einer breiten Protestwelle und damit zu politischem Druck.

"Also, es war so, dass sich die zuständigen Minister drei Mal getroffen haben und zwar innerhalb von elf Monaten, eine Woche nach dem Unfall in Zürich, dann sechs Wochen später in Rotterdam und elf Monate später in Straßburg, um das eine Aktionsprogramm zu beschließen,... "

... das im Kern drei Punkte vorsah: Erstens sollten wieder Lachse im Rhein leben können, zweitens sollte der Rhein wieder Teil der Trinkwasserversorgung werden und drittens wollten die Umweltminister die Nordsee entlasten. Um diese Ziele zu erreichen, verbannten sie die 40 brisantesten Umweltgifte aus dem Rhein.

"Zum Beispiel viele Schwermetalle, Kupfer, Cadmium, Blei, Quecksilber, aber auch mikroorganische Stoffe, die aus der chemischen Produktion kamen, und man hat gesagt, wir haben 1985 diese und jene Mengen von den Stoffen eingeleitet und wir wollen die Mengen um 50 Prozent reduzieren bis zum Jahr 1995."

Ein ambitioniertes Ziel, immerhin mussten alle Rheinanlieger mitmachen. Umso erstaunlicher war, dass die Ziele nicht nur schneller als geplant erreicht wurden, sondern auch mit viel höheren Reduktionsquoten. Teilweise lagen sie bei 70 Prozent, einige Stoffe sind sogar komplett aus dem Rhein und - auch das war eine Folge des Sandoz-Unfalls - anderen Flüssen verschwunden.

"Als die Möglichkeit bestand, mit der DDR wieder zu sprechen, ist eine Elbe-Schutz-Kommission gegründet worden, dieser Vertrag ist unterzeichnet worden eine Woche nach der Wiedervereinigung 1990, sodass es dann endlich möglich war, über Gewässerschutz in der Elbe zu sprechen, man hat in der Folge in den 90er Jahren entsprechende Kommissionen für die Oder, die Donau, für Maas und Schelde, also auch auf der anderen Seite in Westeuropa, gegründet, ... "

... was alles in allem zu einer erstaunlichen Regeneration der Flüsse geführt hat.

"Größere Probleme haben wir eigentlich mit der Struktur, da sind die Nutzungsansprüche, also dem Lachsprogramm immer noch Wehrbauten entgegen, die eben immer noch nicht durchgängig sind, wir haben die Begradigungen, die dazu geführt haben, das wir starke Hochwassersituationen haben, die jetzt gerade am Unterlauf stärker zum Tragen kommen."


Zwischen 1986 und 2006 liegen Welten, betont die stellvertretende Geschäftsführerin der IKSR, Anne Schulte-Wülwer-Leidig, der Fluss sei erstaunlich sauber. So sauber, dass hin und wieder Schwimmer gesichtet werden. Aber Vorsicht: Strömung und Schifffahrt sind echte Gefahrenquellen!

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