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StartseiteKalenderblattHermann von Helmholtz - ein Bismarck der Wissenschaften31.08.2021

200. Geburtstag des ForschersHermann von Helmholtz - ein Bismarck der Wissenschaften

Hermann von Helmholtz gilt als der letzte große Universalgelehrte. Für seine hartnäckige Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit wurde Helmholtz, den man in Anspielung auf Otto von Bismarck auch den "Reichskanzler der Physik" nannte, mit einer glanzvollen Karriere belohnt.

Von Irene Meichsner

Hermann von Helmholtz (Universität Heidelberg)
Ein Titan der Wissenschaftsgeschichte: Hermann von Helmholtz - hier neben seinem Augenspiegel (Universität Heidelberg)
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"Dieser Trieb, die Wirklichkeit durch den Begriff zu beherrschen, oder was, wie ich meine, nur ein anderer Ausdruck derselben Sache ist, den ursächlichen Zusammenhang der Erscheinungen zu entdecken, hat mich durch mein Leben geführt, und seine Intensität war auch wohl daran Schuld, dass ich keine Ruhe bei scheinbaren Auflösungen eines Problems fand, so lange ich noch dunkle Punkte darin fühlte."

Hermann von Helmholtz war einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit. Er war Physiologe und Physiker, erster Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Mitglied vieler internationaler Wissenschaftsakademien und wurde 1883 in Anerkennung seiner Verdienste in den erblichen Adelsstand erhoben.

"Man hat ihn vor Kurzem den letzten großen Universalgelehrten genannt, das heißt, er war der letzte, der wirklich alle Wissenschaften verstand und miteinander vereinen wollte. Das heißt nicht, dass ihm das gelungen ist, aber er hat es versucht." Sagte der US-Wissenschaftshistoriker David Cahan anlässlich der Veröffentlichung seiner fast tausend Seiten langen, nun auch auf Deutsch erschienenen Helmholtz-Biografie

Künste und Wissenschaften zusammengedacht

Helmholtz schrieb über die wissenschaftlichen Grundlagen der Malerei, der Farbe, der Musik. Er spielte Klavier, liebte das Theater, die Literatur, und er glaubte daran, dass die Künste die Wissenschaften bereichern – und umgekehrt." Helmholtz wurde am 31. August 1821 in Potsdam als Sohn eines Gymnasiallehrers geboren:

"In meinen ersten sieben Lebensjahren war ich ein kränklicher Knabe, lange an das Zimmer, oft genug an das Bett gefesselt, aber mit lebhaftem Triebe nach Unterhaltung und nach Thätigkeit." Helmholtz träumte davon, Physik zu studieren. Aber:

"Die Physik galt damals noch für eine brodlose Kunst. Meine Eltern waren zu grosser Sparsamkeit gezwungen; also erklärte mir der Vater, er wisse mir nicht anders zum Studium der Physik zu helfen, als wenn ich das der Medicin mit in den Kauf nähme."

Erster Blick auf den Augenhintergrund

Die doppelte Ausbildung zum Mediziner und Physiker machte Helmholtz für viele neue Denkansätze frei. Er legte als erster den Satz von der Erhaltung der Energie schlüssig dar. Er konstruierte den Augenspiegel, der erstmals einen Blick auf den Augenhintergrund erlaubte – ein für Augenärzte noch heute unentbehrliches Instrument. Helmholtz untersuchte die Wirbelbewegungen in Flüssigkeiten, erforschte die Klangfarben, schrieb eine Theorie der Elektrodynamik, studierte Wirbelstürme und Gewitter.

Detailaufnahme einer alten Geige, mit Fokus auf eines der Schalllöcher. (imago / Westend61) (imago / Westend61)Hermann von Helmholtz und seine „Lehre von den Tonempfindungen“ Hermann von Helmholtz schlug Brücken zwischen Medizin, Physik und Chemie. Mit seinem 1863 erschienenen Buch "Die Lehre von den Tonempfindungen" schuf er die bis heute aktuelle Basis zur wissenschaftlichen Analyse von Klängen.

Auch stellte sich Helmholtz die Frage, wie gesichertes Wissen überhaupt entsteht, so David Cahan:"Wir reden heute viel über ‚Fake News’, aber woher wissen wir, was ‚fake’ ist und was real? Helmholtz setzte sich intensiv mit den Methoden und Instrumenten auseinander, die Forscher benutzen, um ihren Wahrheitsanspruch zu untermauern. " Helmholtz hatte über die Jahrzehnte auch die Mühsal wissenschaftlicher Arbeit kennengelernt:

"Nur wenn der Beobachter sich so in einen Gegenstand gleichsam verbeisst, so alle seine Gedanken und all sein Interesse darauf heftet, dass er Wochen lang, Monate lang, oder wohl Jahre lang nicht davon loslassen kann, und nicht eher loslässt, als bis er alle Einzelheiten beherrscht und bis er sich aller derjenigen Ergebnisse sicher fühlt, welche zur Zeit zu gewinnen sind, nur dann entsteht eine tüchtige und werthvolle Arbeit".

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Helmholtz sah sich für seine Mühe mit einer glanzvollen Karriere belohnt. Er war Professor in Königsberg, Bonn, Heidelberg und Berlin, erst für Anatomie und Physiologie und seit 1871 für Physik, seine Königsdisziplin, in der er ein solches Ansehen genoss, dass man ihn - in Anspielung auf Otto von Bismarck - auch den "Reichskanzler der Physik" nannte. Als Helmholtz 1894 starb, war die Anteilnahme groß. Sein Name lebt in der "Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren" fort. Sie ist – bei einem Budget von jährlich rund fünf Milliarden Euro – die größte deutsche Organisation zur Förderung und Finanzierung der Wissenschaft.

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