Musikszene 18.06.2019

200 Jahre Offenbach Jacques, wo finden wir dich?Von Marie König

Ein Porträt von Jacques Offenbach. Er trägt einen langen Mantel, auf der Nase seinen Zwicker. (imago stock&people)Wurde am 20.6.1918 in Köln geboren: der Komponist Jacques Offenbach. (imago stock&people)

Die Musikwelt feiert den 200. Geburtstag des Komponisten Jacques Offenbach. Noten werden ausgegraben, Erstaufführungen zelebriert und Can-Cans getanzt. Doch wo finden sich heute noch Spuren des Menschen Offenbach?

Michel Güet: "Alors, on doit pas être trop loin… On approche de Jakob. Je le vois! Je le vois!"

Michel Güet hat Jakob erspäht. Wir laufen einen asphaltierten Weg entlang, durch die hohen Bäume fällt die Sonne. Von weitem hört man die Straße, Vögel flattern durch die Wipfel und landen auf den Grabsteinen. Hier, auf dem Friedhof Montmartre, liegen die sterblichen Überreste von Jacques Offenbach.

"Voilà! … Pourrait être un peu mieux entretenu."

Das Grab könnte besser gepflegt sein, bemerkt Michel Güet. Der rote Marmor ist voller Vogelkot, vertrocknete Blumen klemmen hinter einer Harfe aus Bronze. Daneben pink-rosa Plastikblumen. Güet fängt an, trockene Blätter wegzuzupfen.

"Pauvre Jacques, personne s’occupe de toi, mon pote… c’est triste!"

Niemand kümmert sich um den armen Jacques – das findet Michel Güet traurig. Für ihn ist Jacques Offenbach so etwas wie ein Nachbar aus seinem Viertel, dem neunten Arrondissement. In dieser Gegend lebte Offenbach viele Jahre – ebenso wie Michel Güet heute. Der pensionierte Lehrer und Stadtführer ist hier geboren, aufgewachsen und hat die meisten Jahre seines bisherigen Lebens im neunten Arrondissement verbracht.

Sein weißes Haar und seine Lebenserfahrung lassen vermuten, dass er um die 70 Jahre alt ist. Unzählige Geschichten über das Quartier hat er gesammelt – auch über Jacques Offenbach.

"Je crois que c’était quelqu’un qui avait une vue assez precise et qui regardait loin. C’était une musique quasi d’Avantgarde, ce qu’il écrivait. Son buste nous donne cette même image, de quelqu’un qui a le regard porté vers l’horizon."

Michel Güet steht neben dem Grab von Jacques Offenbach auf dem Friedhof Montmartre. (Marie König)Michel Güet steht neben dem Grab von Jacques Offenbach auf dem Friedhof Montmartre. (Marie König)

Einen präzisen und einen weiten Blick habe Offenbach gehabt, sagt Michel Güet. Seine Musik gehört für ihn zur Avantgarde. Die Bronze-Büste auf dem Grab zeigt Offenbachs Blick zum Horizont, quasi in die Zukunft.

Musik: Jacques Offenbach, La belle Hélène, Entr’acte

Jacques Offenbach, der Erfinder der Operette, ist am 20. Juni 1819 in Köln geboren. 2019 wird sein 200. Geburtstag mit Konzerten, Opernaufführungen, Symposien und vielen weiteren Veranstaltungen gefeiert.
Aber was gibt es heute noch Greifbares von Jacques Offenbach? Wie kann man ihm nahe kommen? Wer war dieser Mensch?

Ralf-Olivier Schwarz: "Es ist eine Figur, die eben nicht einfach mal nur gut oder nur lustig oder nur heiter oder was auch immer ist. Da ist immer auch eine Gegenseite drin, auch ein Austragen von Konflikten mit drin im Werk… Es sind die Spitzen, es ist auch der Bruch im Alltag, es ist eben nicht alles immer nur schön. Und trotzdem, bei Offenbach, grade dieses Wort "trotzdem", das ist ein Offenbach'sches Wort. Man kann immer – trotzdem – am Schluss sich eben doch freuen."

Ralf-Olivier Schwarz ist Musikwissenschaftler an der Hochschule in Frankfurt am Main. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Offenbach.

"Es ist nicht so, dass Offenbach eben nur leicht oder gar nur … Cancan-frivol ist. Sondern […] in der Leichtigkeit haben Sie eben auch immer eine Tiefe, in der sich im Grunde ein Abgrund offenbart, und ja, es ist eine Leichtigkeit, die manchmal geradezu […] die auch manchmal was Bedrohliches hat. Es fliegt fort […]. Es ist wie so ein Wind, den ich nicht einfangen kann, manchmal und dann hab ich wirklich […] was ganz anderes, als was jetzt immer mit Offenbach gleichgesetzt wird."

Musik: Jacques Offenbach, Ouvertüre aus "Les Bergers"

Der Mensch Offenbach scheint hinter einer Mauer aus Vorurteilen versteckt zu sein. Ralf-Olivier Schwarz versucht sich an einer vereinfachten Charakterisierung:
"Offenbach war ein Musiker im 19. Jahrhundert, der vielleicht zu den erfolgreichsten Musikern seiner Zeit gezählt hat. Er war jemand, der Musiktheater geschrieben hat, also das, was man so landläufig Oper nennt… Das aber so geschrieben hat, dass es eben nicht nur die hehre Kunst sein wollte und musste, sondern dass er die Menschen bewegen konnte, treffen konnte damit. Und das ist ihm auch hervorragend gelungen, sonst hätte er nicht diesen Erfolg gehabt. Es war jemand, Offenbach, der auf grandiose Art und Weise sein Metier beherrscht hat, vielleicht noch besser als andere, denn er musste davon auch wirtschaftlich leben. Er war nicht jemand, der einen Gönner gefunden hatte und dieser hat ihn dann durchgefüttert, sondern er war jemand, der wirklich mit seiner Kunst Geld verdienen musste, und das hat er auch offensichtlich sehr sehr gut getan. Er hat schlicht und ergreifend hervorragende Werke hinterlassen, die bis heute begeistern können – da könnte man jetzt natürlich eine ganze Menge aufzählen, die Auflistung erspar' ich uns jetzt mal… Und er war jemand, der über seinen Tod hinaus – er ist relativ früh gestorben – doch eine unglaubliche Strahlkraft entwickelt hat, weil er eben so war, wie er war. Er hat die Leute nicht kalt gelassen. Auch lange nach seinem Tod nicht. Sein Werk hat offensichtlich was ausgelöst und das tut es eben bis heute."

Ein handschriftlicher Brief von Jacques Offenbach, aus der Sammlung des Kölner Stadtarchivs. (Marie König)Ein handschriftlicher Brief von Jacques Offenbach, aus der Sammlung des Kölner Stadtarchivs. (Marie König)

Marie König begibt sich in der Musikszene auf die Suche nach Jacques Offenbach. Sie folgt Stadtführer Michel Güet durchs neunte Arrondissement und lässt sich Offenbach-Orte zeigen, wie das Théâtre des Variétés; sie erhält Einblick in die größte zusammenhängende Sammlung von Offenbach-Dokumenten wie Briefen und Partiturseiten. Diese Sammlung liegt in Köln, in Offenbachs Geburststadt. Und sie lässt Musikwissenschaftler zu Wort kommen, die ihr Bild des Komponisten offen legen.

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