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StartseiteKalenderblattEine Friedensordnung für das neue Europa18.09.2014

200 Jahre Wiener KongressEine Friedensordnung für das neue Europa

Auf dem Wiener Kongress wurde das Europa nach der Niederlage Napoleons neu geordnet. Neun Monate lang tagten und tanzten die Fürsten und Diplomaten. Ihnen ging es dabei vor allem um ihre kleinstaatlichen Partikularinteressen - dennoch gab es einige zukunftsweisende Beschlüsse.

Von Almut Finck

Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg. (picture alliance / dpa / Votava)
Der Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 unter Vorsitz von Klemens Wenzel Fürst von Metternich (stehend 6. v. l.) (picture alliance / dpa / Votava)
Weiterführende Information

Wiener Kongress - Mächtige Frauen im Hintergrund (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 29.08.2014)

Sachbuch - Konkurrenz bis zum bitteren Ende (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 05.02.2014)

Immer ist Kaiser Franz in der Vergangenheit als Geschlagener heimgekehrt. Zweimal musste er den Stadtschlüssel Wiens an Napoleon übergeben, den korsischen Emporkömmling, der ganz Europa drangsalierte. Jetzt aber, nach einem Vierteljahrhundert Terror und Krieg, ist Bonaparte besiegt, und in der Donaumetropole empfängt der Habsburgerfürst Europas Monarchen zur Beratung über eine Friedensordnung für den Kontinent.

"Wer kommt denn heut' schon wieder an, Herr Bürgermeister?"

Eine Szene aus dem berühmten UFA-Film "Der Kongress tanzt" von 1931.

"Der König von Preußen." - "Gestern der König von Württemberg, heute der König von Preußen, morgen Alexander von Russland, dann sind alle Fürsten Europas in Wien versammelt. Himmlisch!" - "Scheußlich! Kostet jeden Tag 530.000 Gulden. Ich verstehe das nicht! Das Schicksal Europas muss ausgerechnet in Wien entschieden werden?!"

Neun Monate lang tagen und tanzen die Fürsten und Diplomaten.

"Das berühmte Bonmot: ‚Der Kongress tanzt' hat sicher seine Hintergründe."

Der Wiener Autor Otto Brusatti.

"Es gab wirklich haufenweis' so genannte Redouten oder Karusselle, und da Winter war, hat man es auch sehr gern im Freien gehabt. Es gab da Schlittenfahrten; oder es gab Großfeuerwerke, und Jagden wurden im Prater angesetzt, und Theateraufführungen."

Audienzen wie ein feudaler Fürst

Die wichtigsten Akteure, deren Vertreter sich am 18. September 1814 erstmals treffen: Zar Alexander, der auf den Bällen all-abendlich in einer neuen Uniform erscheint, die aber immer so eng ist, dass er nur stehen kann. Der gedemütigte König von Preußen, Friedrich Wilhelm III. 1806, nach Jena und Auerstedt, hatte er fast ein Drittel seines Reiches verloren. Ferner: Fürst Talleyrand, der gallische Fuchs. Ihm gelingt es in Wien, das besiegte Frankreich in die Riege der ersten Mächte Europas zurückzulancieren.

"Vormittags hält er in seinem Schlafzimmer Audienz,"

schreibt der Historiker Klaus Günzel in seiner Kongressgeschichte,

"wie ein feudaler Fürst des vorangegangenen Jahrhunderts. Umkreist von Dienern und Friseuren, empfängt er, angetan mit mehreren Schlafröcken und eine baumwollene Tiara auf dem Haupt, Wiener Hocharistokraten, respektvolle Diplomaten und antichambrierende Glücksritter."

Dann ist da noch Lord Castlereagh. Der Brite setzt sich energisch für das europäische Gleichgewicht ein. Er weiß: Wenn die kontinentaleuropäischen Mächte damit beschäftigt sind, einander in Schach zu halten, hat das Empire den Rücken frei für seine Weltmachtpolitik.

Auferstehung des alten Europas

Schließlich: Österreichs Außenminister Fürst Metternich, mit dessen Namen sich das ganze auf den Wiener Kongress folgende Zeitalter unrühmlich verbinden wird. Das System Metternich wird zum Synonym für den Spitzelstaat werden, für Unterdrückung und Gesinnungsschnüffelei, für Österreichs Isolation nach außen und Stillstand im Inneren. Der Publizist Golo Mann über Metternich:

"Er setzte Liberalismus beinahe mit Demokratie gleich, beinah beide mit Kommunismus, jenem unheimlichen Wesen, von dem man in den 1840er Jahren zu sprechen anfing; und alle drei mit Chaos."

Das alte Europa sollte nach dem Wunsch der in Wien versammelten Monarchen auferstehen. Dass sie ohne ihre Untertanen den Usurpator Napoleon nicht hätten vertreiben können, hatten sie ein knappes Jahr nach der Leipziger Völkerschlacht schon vergessen. Damals waren Hunderttausende für Freiheit und Vaterland ins Feld gezogen. Doch die Fürsten waren nicht bereit, zugunsten einer großen deutschen Nation zu verzichten auf die Durchsetzung kleinstaatlicher Partikularinteressen.

Die Befreiungskrieger hatten auch von innerer Freiheit geträumt. Von Grundrechten und Gewaltenteilung. Aber die Neuordner von Wien dachten nicht an eine Beschneidung fürstlicher Souveränität. Auf der Agenda stand die Restauration. Und nach außen hielt der Frieden. Alle Konflikte, die folgten, etwa der Krimkrieg, die Einigungskriege, sie waren begrenzt, bis 1914.

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