Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteKalenderblatt23.5.1924 - Vor 80 Jahren23.05.2004

23.5.1924 - Vor 80 Jahren

Karlheinz Deschner, Kirchenhistoriker und Schriftsteller, geboren

Die Urteile über Karlheinz Deschner könnten kaum gegensätzlicher sein. Die Zürcher Weltwoche etikettierte ihn als profiliertesten schärfsten Kirchengegner von heute, die Frankfurter Allgemeine als Meister in Diffamierung und Verfälschung. Er selbst sieht sich als Ankläger und Richter zugleich.

Von Peter Hertel

Friede auf Erden: Weihnachtsbaum vor dem Vatikan (AP)
Friede auf Erden: Weihnachtsbaum vor dem Vatikan (AP)

Das ist aus voller Überzeugung von mir gesprochen worden; denn Apologeten gibt es tausendweise, und gerade die Ankläger fehlen, ganz besonders im Zusammenhang mit dem Christentum.

Mit 32 Jahren brachte Karl Heinrich Leopold Deschner, am 23. Mai 1924 in Bamberg geboren, sein erstes Buch heraus, einen Roman. Er veröffentlichte Literaturkritiken, Essays und Aphorismen. Doch 35 seiner knapp 50 Bücher hat er dem schrecklichen Sündenregister der christlichen Kirchen gewidmet. Das hat ihn international bekannt gemacht.

Es gibt keine andere Religion der Welt, und es gibt auch keine andere Dynastie weltlicher Art, die so sehr und so lange mit Verbrechen aller Art beladen und belastet ist wie die christliche Kirche.

Deschners Hauptwerk heißt: Kriminalgeschichte des Christentums. Sie ist auf zehn Bände angelegt, der erste erschien 1986. Mit zähem Spürsinn denunziert der Autor insbesondere die katholische Kirche als unheilvolle Macht, stürzt gnadenlos Heilige und Päpste vom Sockel.

Es geht ja darum, dass in der Kirchengeschichte sich alles um ein Phänomen dreht – um das Wort Macht, Macht, Macht. Das ist eine Besessenheit, die das ganze Geschehen diktiert, damit ist das Geld verbunden, damit sind die Kriege verbunden, damit sind die Raubzüge verbunden, damit ist das Belügen der Gläubigen verbunden. Das ist etwas Generelles, das sich durch die ganze Geschichte hindurchzieht und das selbst Päpste und hohe Kleriker betrifft, die persönlich vielleicht von Jugend auf sehr gut gesinnte Menschen sind, aber die in dem Moment, in dem sie in die ganze Apparatur hineinkommen, sozusagen vergewaltigt werden; die gar keine Möglichkeit haben, auszuweichen, oder die schnell kaltgestellt werden.

Spätestens im neuesten Band der Kriminalgeschichte, dem achten, der im März erschienen ist, wird klar, dass es dem Jubilar nicht nur um das Papsttum und die katholische Kirche geht, sondern um das Christentum überhaupt. Da behandelt er nämlich das 16. Jahrhundert, nimmt sich deshalb auch die Reformation samt Martin Luther vor und legt näher dar, was er schon vor einigen Jahren beißend angedeutet hatte:

Also Luther war ein sehr, sehr übler – nach einer flüchtigen frühen philosemitischen Phase – sehr, sehr übler Antisemit, an der Verbrennung der Ketzer hielt er fest, an den Fürsten hielt er fest, am Kriegsdienst – und das Ganze nennt man dann Reformation.

Seine Schulzeit hat Deschner in katholischen Internaten verbracht. Mit zehn wollte er Priester werden, später hat er unter anderem Theologie studiert. 1951 heiratete er eine geschiedene Frau und wurde exkommuniziert, also von den Sakramenten ausgeschlossen. Er trat aus der katholischen Kirche aus und entwickelte eine unerbittliche Feindschaft gegen sie, wie er gleich zu Beginn seiner christlichen Kriminalgeschichte offen bekennt. Dabei legt er sie wie das gesamte Christentum auf eine Idealform fest, um so die Kehrseite schärfer herausarbeiten und den Feind rigoroser attackieren zu können. Das ist die Stärke des scharfzüngigen Provokateurs.

Ich bin ein Radikalist, aber ich möchte gleich auch noch da zufügen dürfen, dass meine Radikalität eben geistiger Art ist, während die Radikalität meiner verschiedenen Gegner – nicht nur kirchlichen – im Laufe der Geschichte immer wenn es sein musste, und gewöhnlich musste es ja sein, über Leichen ging.

Hier zeigt sich, dass die Stärke des parteiischen Kämpfers auch seine Schwäche ist. Während er sich selbst als moralisch intakt präsentiert, beschuldigt er seine Gegner kollektiv als Übeltäter. Die aber finden offene Ohren, wenn sie ihm deshalb blinden Hass vorwerfen. Umso leichter fällt es ihnen, die scharfzüngigen Anklagen des Widersachers, selbst die hieb- und stichfesten unter ihnen, als Vorurteile zu verdammen. Und sie so wegzudrücken.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk