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StartseiteBüchermarkt2498 Seiten mit viel Schund03.03.2006

2498 Seiten mit viel Schund

Die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch

Die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch ist im März 2006 die schlechteste aller Zeiten. Mit Deutschland geht es bergab! Nur noch saufende Schauspieler, durchgeknallte Beziehungstherapeuten, missionarische Heilpraktiker, neokonservative Fernsehspießer und prüde Medizinprofessoren.

Von Denis Scheck

Auf der Bestseller-Liste Sachbuch des "Spiegels" findet sich wenig Ansprechendes. (AP)
Auf der Bestseller-Liste Sachbuch des "Spiegels" findet sich wenig Ansprechendes. (AP)

Zeit für den literarischen Menschenversuch im Deutschlandfunk: Was geschieht mit einem Gehirn, das Monat für Monat abwechselnd die zehn in Deutschland meistverkauften Romane und Sachbücher von der ersten bis zur letzten Seite tatsächlich liest?

Auch nichts Schlimmeres als das, was 14 Tage Olympia mit einem anrichten. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis per EU-Verordnung auf jedem Buch die Banderole prangt: Leser sterben früher.

Die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch: diesmal die schlechteste aller Zeiten. Mit Deutschland geht es bergab! Ob saufende Schauspieler, durchgeknallte Beziehungstherapeuten, missionarische Heilpraktiker, neokonservative Fernsehspießer oder prüde Medizinprofessoren: nichts als Dönkes, Dönkes, Dönkes!

In diesem Monat bringen die zehn meistgelesenen Sachbücher der Deutschen magere 3756 Gramm auf die Waage: zusammen kümmerliche 2498 Seiten.

Platz 10: Christian Ankowitsch: "Dr. Ankowitschs Kleines Universal-Handbuch" (Eichborn Verlag, 176 Seiten, 14,95 Euro)

Ein Buch, aus dem man erfährt, mit welcher Wahrscheinlichkeit man welche Geschmackrichtung in einer Tüte Gummibären erwischt. Allzu oft verlässt sich Ankowitsch aber auf die Komik seiner Gegenstände, ohne durch exakte Recherche jenen Mehrwert zu erzeugen, der die Lektüre solcher Bücher erst zum Vergnügen macht. Mit anderen Worten: Ankowitsch lässt einen meist dann im Stich, wenn man es genau wissen will. Im Vergleich zu Ben Schotts feinkomponierten Sammelsurien nimmt sich sein Handbuch deshalb aus wie "Truck Stop" zu Johnny Cash.

Platz 9: Stephen Hawking und Leonard Mlodinow: "Die kürzeste Geschichte der Zeit" (Deutsch von Hainer Koba, Rowohlt Verlag, 192 Seiten,
19,90 Euro)


Stellen Sie sich ein Zwillingspaar vor, von dem der eine Zwilling sein ganzes Leben auf einem Berggipfel verbringt, der andere auf Meereshöhe. Am Ende würden diese Zwillinge auf Grund der unterschiedlichen Gravitationsverhältnisse unterschiedlich alt sein. Warum das so ist und warum jeder, der ein Navigationssystem benutzt, auch in seinem Alltag ohne Relativitätstheorie nicht auskommt, erfahren Sie aus dieser leicht fasslichen Einführung in unser Universum.

Platz 8: Uwe Karstädt und Horst Janson: "Das Dreieck des Lebens" (Titan Verlag, 272 Seiten, 24,80 Euro)

Der Heilpraktiker Uwe Karstädt behauptet, eine Art Wundercocktail gegen Alter und Krankheit erfunden zu haben, bestehend aus Vitamin B6, Folsäure sowie Vitamin B12. Ich persönlich bin schon als kleiner Junge in einen Topf mit diesem Zaubertrank gefallen und kann ihn als Allheilmittel gegen abstehende Ohren, Übergewicht und Haarausfall nur empfehlen - nicht jedoch Uwe Karstädts alberne Dr-Eisenbart-Fibel.

Platz 7: Eric-Emmanuel Schmitt: "Mein Leben mit Mozart"
(Deutsch von Inés Köbel, Ammann Verlag, 144 Seiten, 19,90 Euro)


Eric-Emmanuel Schmitt schreibt Briefe an Mozart mit Nachrichten darüber, wie ihm Mozarts Musik geholfen hat, schwierige Situationen in seinem Leben zu meistern. Gewisse Selbstzweifel bei der Niederschrift dieses kitschigen und läppischen Machwerks sind den Autor offenbar selbst überkommen.

"Lieber Mozart","

schreibt Schmitt auf Seite 123.

""Du bist mit fünfunddreißig Jahren gestorben. Ich bin heute fünfundvierzig. Habe Dich also bereits überlebt. Wozu?"

Ja, wozu? Ich weiß nicht, was der freundliche Mozart Monsieur Schmitt empfehlen würde, ich empfehle, es einfach mal mit etwas anderem als Schreiben zu versuchen.

Platz 6. Dietrich Grönemeyer: Der kleine Medicus (Rowohlt Verlag, 360 Seiten, 22,90 Euro)

Menschen ohne Unterleib kannte ich bislang nur als Jahrmarktsattraktion. Dietrich Grönemeyer fügt der Welt der anatomischen Wunder nun eine neue Variante hinzu: Weder Penis noch Vagina werden in Grönemeyers Streifzug durch die Körperwelt erwähnt, im Register seines Romans für junge Leser kommen die Buchstaben P und V gar nicht erst vor, offenbar ein Aufklärungsbuch für den amerikanischen und arabischen Markt.

Platz 5: Heiner Lauterbach: "Nichts ausgelassen" (Droemer Verlag, 448 Seiten, 19,90 Euro)

Ganz zu Anfang seiner verquatschten Memoiren schreibt der
Schauspieler:

"Für meine jungen Jahre verfügte ich tatsächlich über ein außergewöhnliches Talent."

So gnadenlos selbstkritisch geht Lauterbach in diesem enervierend gedankenlosen Buch keineswegs immer mit sich ins Gericht. Dafür hat er einen eigenartige Hang zu Tier-Metaphern: seine derzeitige Frau nennt er gleich zweimal eine "kleine Löwin", sich selbst vergleicht er mit einem "kleinen Stier". In seiner dreisten Geistfeindlichkeit und seiner üblen Anbiederung an die "Bild"-Zeitung kam mir "Nichts ausgelassen" eher vor wie die Autobiografie einer kleinen Raupe Nimmersatt.

Platz 4: Corinne Hofmann: "Wiedersehen in Barsaloi" (A1 Verlag,
236 Seiten, 19,80 Euro)


Die Urangst der Frau vor der Fremde ist das eigentliche Thema von Corinne Hofmann. Ihre Bücher über ihre kurze Ehe mit einem Massai in Kenia halten für ihre meist weibliche Leserschaft die frohe Botschaft bereit: Naja, ganz so schrecklich ist mein Mann und seine Familie nicht. Weil "Wiedersehen in Barsaloi" aber nur die schwache Fortsetzung einer an sich schon überflüssigen Fortsetzung ist, sollte man sich dieses Buch schenken.

Platz 3: Lars Brandt: Andenken (Hanser Verlag, 160 Seiten, 15,90 Euro)

er Sohn von Willy Brandt erinnert sich an seinen fernen Vater.
Auch wenn die schöne Sprache, in der die wie hinaquarelliert wirkenden Anekdoten erzählt sind, "Andenken" himmwelweit über den Schund auf dieser Bestsellerliste hinaushebt, bleibt doch ein zwiespältiger Eindruck: Ein Porträt von Willy Brandt gelingt diesem Erinnerungsbuch nicht, bestenfalls ein Schattenriss.

Platz 2: Eva-Maria Zurhorst: "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest." (Goldmann Arkana, 382 Seiten, 18,90 Euro)

Ihre Theorie, wonach wer mit sich selbst im Reinen ist, seine Erlösungssehnsüchte nicht mehr auf seinen Ehepartner richten muss, begründet die Autorin mit den Worten:

"Dies hat die Natur so angelegt."

Nun ist aber anders als Bienen und Blümelein die Institution der Ehe nicht ein Produkt der Natur, sondern der Kultur, und einem Beziehungscoach, dem das nicht klar ist, sollte man genausoviel Vertrauen entgegenbringen wie einem blinden Fluglotsen.

Platz 1 der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste Belletristik: Peter Hahne: Schluß mit lustig (Johannis Verlag, 128 Seiten, 9,95 Euro)

Der Banana-Mann des ZDF fordert in seiner wirren Streitschrift wider den Atheismus und die 68er:

"Holt Gott zurück in die Politik!"

Das ist in etwa so erfolgversprechend, als würde man Jürgen Klinsmann auffordern, Uwe Seeler zurück in die Nationalmannschaft zu holen.
Komik und Tragik Peter Hahnes bestehen darin, dass er just das verkörpert, was er am meisten angreift: die deutsche Spaßkultur. Habemus Pappnas!

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