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Startseite@mediasresKritik an Boulevardmagazin im Ersten03.01.2019

25 Jahre "Brisant"Kritik an Boulevardmagazin im Ersten

Das Vorabend-Magazin "Brisant" wird heute 25. Von Anfang an hatte es Gegner: Sollten öffentlich-rechtliche Sender Boulevard machen? Die ARD verteidigt die Sendung: Die Mischung aus Promi-Nachrichten und Service gehöre zum Programmauftrag.

Von Christoph Sterz

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Die "Brisant"-Moderatorinnen Kamilla Senjo, Susanne Klehn und Mareile Höppner (von links) (MDR/Hagen Wolf)
Kamilla Senjo, Susanne Klehn und Mareile Höppner (v.l.) moderieren die ARD-Sendung "Brisant". (MDR/Hagen Wolf)
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Ausschnitt "Brisant": "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Nino! Danke, dass wir hier mitfeiern dürfen. Zum ersten Mal in seinem Leben feiert Nino de Angelo ein richtiges Geburtstagsfest. Mit Familie und Freunden. Und zum ersten Mal spricht er mit uns über seine neue Freundin."

Und deswegen erfahren die Zuschauer im Ersten auch exklusiv, wie es um das Liebesleben des Schlagersängers Nino de Angelo bestellt ist. Ein typisches Thema für das Boulevardmagazin "Brisant", das der Mitteldeutsche Rundfunk seit genau 25 Jahren für die ARD produziert. Montags bis samstags gibt es eine Dreiviertelstunde lang Buntes: Promis, Royals, Modetrends, Rotlicht und Blaulicht.

Beitragsfinanziertes Infotainment

Ausschnitt "Brisant": "Der Stubentiger wird erst einmal mit Sauerstoff versorgt und allmählich etwas lebendiger. Dann werden dem Tierchen auch noch mit Wasser die Augen gereinigt. Am Ende ist die Katze noch ein wenig vom Rauch angeschmuddelt, sonst aber wohlauf."

Boulevard, Unterhaltung, Infotainment – in diese Kategorien passt "Brisant". Aber passt "Brisant" damit auch zur ARD, zum beitragsfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Medienpolitiker Dirk Schrödter, Chef der schleswig-holsteinischen Staatskanzlei, hat da Zweifel:

"Bei allen Angeboten gilt aber immer zu prüfen, ob diese ausreichend unterscheidbar von Angeboten Privater sind. Hier ist meines Erachtens die Grenze erreicht, was ich persönlich bei Unterhaltungsangeboten für vertretbar halte. Das gilt insbesondere auch für ‚Brisant‘ und ‚Hallo Deutschland‘. Da habe ich schon einen höheren Qualitätsanspruch als bei Privaten. Die Anstalten haben dann im Rahmen ihrer Programmautonomie die Unterscheidbarkeit und den Qualitätsstandard auch und gerade bei solchen Angeboten sicherzustellen."

Viel Konkurrenz für "Brisant"

Zumal sich die Boulevardsendungen am Fernseh-Vorabend nur so knubbeln: Zeitgleich zu Brisant läuft "Hallo Deutschland" im ZDF, dazu kommt "Taff" bei Pro7 und wenig später Deutschlands ältestes Boulevard-Magazin, "Explosiv" bei RTL, dem dann auch noch das Promimagazin "Exklusiv" folgt. Also überall dieselben Promis, Unfälle und Katastrophen? Nein, meint Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens. "Brisant" grenze sich klar ab von den privaten Mitbewerbern:

"Wenn Sie es verfolgen und im Detail analysieren, werden Sie sehen, dass der Themenmisch bei Brisant ein deutlich anderer ist, dass der Serviceanteil hoch ist. Berichte etwa über Rettungsgassen, über die richtige Ausstattung von Autos im Winter. Das ist unmittelbar Service, da sind wir ganz nah bei den Menschen. Oder auch zur Weihnachtszeit, wenn Sie es verfolgt haben, eine vorbildliche Suppenküche für Obdachlose, Arbeitsbedingungen bei Paketdiensten: Also das ist eine Mischung, die wirklich alles enthält, die wird von den Menschen angenommen und die gehört absolut zu unserem Programmauftrag."

Dieser Programmauftrag ist im Rundfunkstaatsvertrag festgeschrieben, also dem wichtigsten Regelwerk für das deutsche Mediensystem. Darin steht, dass die Öffentlich-Rechtlichen Inhalte aus den Bereichen Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung bieten sollen. Allerdings diskutieren die für Medienpolitik zuständigen Landesregierungen seit vielen Monaten, ob dieser Auftrag noch zeitgemäß ist - oder ob er verändert werden sollte.

ARD-Programmbeirat ist zufrieden

Schleswig-Holsteins Staatssekretär Dirk Schrödter findet zwar, dass Unterhaltung grundsätzlich zu den Öffentlich-Rechtlichen dazugehört, "aber es muss unser Ziel sein, den Markenkern des Öffentlich-Rechtlichen zu stärken. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich deshalb auf Informations-, Bildungs- und Kulturinhalte konzentrieren. Angebote aus dem Portfolio sind meines Erachtens mit einem Übergewicht im Programm zu versehen."

Ob sich Schrödters Kolleginnen und Kollegen dieser Meinung anschließen werden, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Einem neuen Auftrag müssten alle 16 Landesregierungen und danach noch einmal sämtliche Landesparlamente zustimmen. ARD-Programmdirektor Volker Herres verweist außerdem darauf, dass "Das Erste" schon jetzt einen sehr hohen Anteil an reiner Information biete. Und er bekommt Rückendeckung von den Kontrolleuren der ARD, den Aufsichtsgremien.

Der Programmbeirat der ARD etwa befasst sich immer wieder mit Sendungen wie "Brisant" - und ist überwiegend zufrieden mit dem Boulevardmagazin, sagt Nicole Anger vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Sie ist Mitglied im MDR-Rundfunkrat und im ARD-Programmbeirat. Eine Änderung des Auftrags zuungunsten der Unterhaltung findet sie nicht erstrebenswert.

"Die Leute wollen nicht immer nur Information in Reinform"

"Die Leute wollen nicht immer nur Bildung in Reinform, die wollen nicht nur Information in Reinform, die wollen auch manchmal Unterhaltung haben. Und insofern werden wir als Programmbeirat oder ich ganz persönlich, da kann ich auch nur von mir reden, auch weiter für Unterhaltung streiten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Aber genauso werde ich auch für Information, Bildung und Kultur streiten, weil ich genau diesen Vierklang so wichtig finde."

Und solange dieser Vierklang auch politisch gewollt ist und sich am Auftrag nichts ändert, wird es bei ARD und ZDF wohl auch weiter Magazine wie "Brisant" geben - also den öffentlich-rechtlichen Kessel Buntes am frühen Fernsehabend.

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