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StartseiteKalenderblattGefeierte Solistin und strenge Lehrerin des modernen Tanzes22.03.2018

25. Todestag von Gret PaluccaGefeierte Solistin und strenge Lehrerin des modernen Tanzes

Noch im hohen Alter von 80 Jahren stand Gret Palucca im Ballettsaal und gab Unterricht in modernem Tanz, zu deren wichtigsten Vertretern sie in Deutschland gehörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sie ihre berühmte Schule in Dresden. Am 22. März 1993, heute vor 25 Jahren, ist Gret Palucca gestorben.

Von Vanessa Loewel

Porträt von Gret Palucca aus dem Jahr 1972 (Archivbild) (dpa / ZB)
Gret Palucca, Ausdruckstänzerin und Tanzpädagogin, 1972 in Dresden (dpa / ZB)

"Sie ist kritisch, unerbittlich fordernd, diszipliniert, sie hasst Oberflächliches, Dummheit, Unechtes", so beschreibt sie ihre ehemalige Schülerin, die Tänzerin und Choreografin Hanne Wandtke.

Gret Palucca, die gefeierte Solistin des modernen Tanzes, wird in ihrer zweiten Lebenshälfte als Tanzpädagogin legendär: Die Palucca ist eine strenge Lehrerin, die Hingabe und Verausgabung fordert. Aber sie begeistert mit ihrer Leidenschaft. Der Tanz gehört einfach zu mir, erzählt sie in einem Radiointerview von 1992:

"Als kleines Kind schon immer, da wusste ich bloß nicht, dass es das gab, Tanz. Da wollte ich Seiltänzerin werden oder Rollschuhläuferin, aber immer irgendetwas, was mit Bewegung war."

Ganz begeistert von Ausdruckstänzerin Mary Wigman

Gret Palucca wurde 1902 in München als Tochter einer bürgerlichen Familie geboren. Ihr Bewegungstalent fällt auf - und so wird das Mädchen zu Heinrich Kröller, Ballettmeister an der Dresdner Oper, in den Unterricht geschickt. Doch der klassische Tanz ist nichts für sie:

"Und dann war ich hier in Dresden und sah Mary Wigman tanzen, und da war ich ganz begeistert. Und nun wohnte sie hier in Dresden im Hotel und im Lesezimmer hat sie mich geprüft und 'Was kannst du denn?' hat sie zu mir gesagt. Und da habe ich gesagt, ich kann sehr gut über zwei Stühle auf einen Tisch springen."

Tollkühne Sprünge als Markenzeichen

Ihre Sprungkraft und ihre tollkühnen Sprünge werden zu ihrem Markenzeichen.

Gret Palucca wird Schülerin bei der Ausdruckstänzerin Mary Wigman. Als sie 1924 ihre Solokarriere startet, ist die Presse begeistert. Mit ihr bekommt der Ausdruckstanz eine neue Farbe: Palucca verzichtet auf alles Bedeutungsschwere und stellt die Freude an der Bewegung in den Mittelpunkt.

Ihr Tanzstil passt zum Lebensgefühl der 20er-Jahre. Mit ihrem Bubikopf, ihrer Sportlichkeit und Natürlichkeit entspricht sie dem Ideal der modernen Frau.

1925 eröffnet Gret Palucca ihre eigene Tanzschule - und wird damit zur direkten Konkurrentin ihrer ehemaligen Lehrerin Mary Wigman. In den frühen 30er Jahren ist Palucca am Höhepunkt ihrer Karriere angelangt: Sie tritt 1936, neben Mary Wigman, bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin auf. Gret Paluccas Verhältnis zur Macht ist zwiespältig. Zu ihren Freunden gehören viele Kritiker der Nationalsozialisten. Gleichzeitig entlässt sie frühzeitig jüdische Mitarbeiter, um die eigene Karriere nicht zu gefährden.

Jüdische Herkunft lange verschwiegen

Dass ihre Mutter Jüdin war, verschweigt sie so lange es geht. Kurz nach der Olympiade 1936 wird ihr verboten, auf öffentlichen Veranstaltungen zu tanzen. 1939 muss sie auch ihre Schule schließen. Nach Kriegsende, im Sommer 1945, beginnt sie sofort wieder zu unterrichten, inmitten der Trümmer:

"Zuerst ist es natürlich auch alles schwer gewesen, '45, aber wir waren ja nun alle eigentlich sehr befreit, und da habe ich ein großes Zimmer gefunden als Saal und habe dann Karten gehabt, die habe ich an die Bäume genagelt, dass ich wieder anfange und da habe ich dann mit zehn Schülern im Juni angefangen wieder zu unterrichten."

1949, nach Gründung der DDR, wird ihre Schule verstaatlicht: Gret Palucca handelt sich ein stattliches Monatsgehalt aus, muss aber in Kauf nehmen, dass nun in erster Linie klassisches Ballett nach russischer Schule unterrichtet wird. Ihr eigener Stil, den sie den "neuen künstlerischen Tanz" nennt, ist nur noch ein Unterrichtsfach von vielen. Aber die Kompromissbereitschaft der Tanzpädagogin hat Grenzen: Wenn ihr die Gängelung durch die SED zu viel wird, droht sie damit, in den Westen zu gehen. Meistens reichen ihr aber ein paar Wochen in ihrem Haus auf Hiddensee, um Abstand zu gewinnen.

"Ich möchte gerne, dass die Schüler eigene Ideen verwirklichen können, dass sie Persönlichkeiten werden, dass sie nicht nur einfach Interpreten sind, die nur nachmachen, was der Ballettmeister oder Choreograph sagt."

Mehr Theorie gab es bei ihr nicht. Gret Palucca stirbt am 22. März 1993 mit 91 Jahren.   

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