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25. Todestag von Isang YunOst-westlicher Brückenbauer

Als Botschafter der Musik Ostasiens verwies er stets konsequent auf den einzelnen Ton. Zugleich studierte und lehrte er in West-Berlin die Strömungen der westlichen Avantgardemusik. Der Komponist Isang Yun war ein engagierter Vermittler zwischen den Welten: künstlerisch wie politisch.

Von Ingo Dorfmüller | 07.11.2020

Ein mittelalter Mann mit asiatischem Aussehen blickt auf einer Schwarzweißporträtaufnahme in die Kamera, hinter ihm stehen Bücher in einem Regal.
Isang Yun 1977 in Berlin. In jenem Jahr komponierte er eine Kantate zu Texten von Laotse und des Predigers Salomo. (picture-alliance / dpa)
Der einzelne Ton sei die Basis der traditionellen Musiken Ostasiens. Seine Ausgestaltung, durch Dynamik, durch Artikulation, durch Umspielungen. Darauf hat der koreanische Komponist Isang Yun (1917-1995) immer wieder insistiert. Gestaltet wird nicht eine dynamische Entwicklung, sondern der ganz mit Bewußtsein erfüllte Augenblick.
Andererseits hatte Yun in Europa, seit 1957 als Student in West-Berlin die wichtigsten Strömungen der westlichen Gegenwartsmusik, Neoklassizismus und Zwölftonmusik, kennengelernt. So wurde er zum Brückenbauer zwischen Ost und West - auch im politischen Sinne.
Er artikulierte sich deutlich als Friedensaktivist und Kämpfer gegen die südkoreanische Militärdiktatur. Das hatte bittere Konsequenzen für ihn: 1967 wurde Isang Yun vom südkoreanischen Geheimdienst aus Berlin entführt und in Seoul zu lebenslanger Haft verurteilt. Weltweite Proteste, denen sich u.a. Igor Strawinsky, Karlheinz Stockhausen und Herbert von Karajan anschlossen, erwirkten 1969 seine Freilassung.
Isang Yuns politisches Engagement schlug sich auch in seinen Kompositionen nieder. Etwa in dem Orchesterwerk "Exemplum" zum Gedenken an das Massaker von Kwangju im Mai 1980, mit dem die südkoreanische Demokratiebewegung mundtot gemacht werden sollte.