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StartseiteTag für Tag"Religion als Gefühl - eine Provokation" 21.11.2018

250. Geburtstag von Friedrich Schleiermacher"Religion als Gefühl - eine Provokation"

"Er hat Religion nicht verstanden als die Zustimmung zu Dogmen und Lehrsätzen", sagt der Theologe Jörg Dierken über Friedrich Schleiermacher. Vielmehr habe er ein anderes Konzept von religiöser Kommunikation postuliert, das auf Wechselseitigkeit abstellt. Die evangelische Kirche tut sich bis heute schwer mit ihm.

Jörg Dierken im Gespräch mit Gerald Beyrodt

Portrait in schwarz-weiß von Schleiermacher. Das Aufnahmedatum 1.1.1900 ist nur geschätzt. (Imago / Leemage)
Friedrich Schleiermacher fand in dem berühmten Salon der Henriette Herz eine völlig neue Welt, in der er sich sehr wohl fühlte. (Imago / Leemage)
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Friedrich Schleiermacher: "Religion ist ein Gefühl"

Gerald Beyrodt: Er hat Thesen vertreten, die bis heute provokativ wirken: der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher. Religion sei in erster Linie ein Gefühl. Was für eines? Ein "Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit". Religion habe mit Ethik und mit Metapysik wenig zu tun. Neben seiner theologischen Arbeit war Schleiermacher auch noch Platon-Übersetzer, Begründer der modernen Hermeneutik, der Lehre vom Verstehen. Vor der Sendung habe ich mit Jörg Dierken gesprochen. Er ist Theologieprofessor in Halle und Herausgeber von Schleiermachers Werken. Warum ist es heutzutage wichtig, über Schleiermacher zu reden?

Jörg Dierken: Die Aktualität rührt sicher daher, dass er versucht hat, Religion gerade an das Emotive, an ein sogenanntes unteres Vermögen zu binden, dass er Religion nicht verstanden hat als die Zustimmung zu Dogmen und Lehrsätzen, sondern dass er an dieser Stelle eine deutliche Modernisierung vorgenommen und Religion, ich will es jetzt mal mit einer frühen Formel sagen, als Sinn und Geschmack fürs Unendliche versteht, und zwar in dem Sinne, dass sich das Endliche im Unendlichen und das Unendliche im Endlichen spiegelt und darstellt. Das Gleiche gilt auch im Hinblick auf das Verhältnis des Einzelnen und der Gemeinschaft. Schleiermacher ist der Denker des Individuellen unter seinen Zeitgenossen und das Individuelle, das jeweilige Eigensein der Einzelnen ist sicherlich etwas, was in der Moderne in zunehmendem Maße zum Zug gekommen ist. Er versucht, das so zu denken, dass das jetzt zugleich mit dem Gemeinschaftlichen in Verbindung gebracht wird, weil das, was ich bin, bin ich dadurch, wodurch ich mich von anderen unterscheide und damit zugleich auf sie beziehe.

Mehr als Moral und Metaphysik

Beyrodt: Wenn wir mal bei dem Stichwort bleiben, Religion als Gefühl, was war daran zu Schleiermachers Zeit die Provokation?

Dierken: Die Provokation war, dass Religion als Gefühl bedeutet, dass Religion nicht einfach ein Wissen oder vornehmlich ein Wissen, nämlich um die entsprechenden Lehrbestände, die Dogmen, die Sätze über Gott und die Welt ist und dass Religion auch nicht etwas ist, was sozusagen ein Verbreitungsvehikel der Moral darstellt. Letzteres ist ein bisschen ein Zug der Aufklärungstradition, die Schleiermacher aufnimmt, aber auch korrigiert und modifiziert. Ersteres ist sicherlich eher aus der orthodoxen Tradition zu verzeichnen, von der orthodoxen Tradition her zu verzeichnen, also der Fokus auf die Lehre. Demgegenüber sagt Schleiermacher, Religion ist etwas Eigenständiges, etwas Selbstständiges. Das tritt wohl in Wechselzusammenhänge zu anderen Lebensgebieten auch eben des Wissens und des Handelns, der Moral und der Metaphysik, aber primär ist Religion gewissermaßen etwas Eigenständiges, etwas Selbstständiges und ist nicht auf anderes zu verrechnen.

Beyrodt: Man hat ja Schleiermacher den Ehrentitel protestantischer Kirchenvater des 19. Jahrhunderts verliehen. Wie kommt es, dass die evangelische Kirche heute so relativ wenig mit ihm anfangen kann?

Dierken: Also, das kommt in Teilen daher, dass es eine breite Tradition der Schleiermacher Kritik gegeben hat, die nach wie vor in der evangelischen Kirche dominant ist. Es kommt aber auch daher, dass sein Verhältnis zur Kirche komplex ist und der Würdigung auch bedarf und fähig ist. Auf der einen Seite hat er eine deutliche Kritik und Skepsis gegenüber einer Kirche, die sich in gewissen Klerikalismen ergeht. Auf der anderen Seite hat er aber auch einen Sinn für das Institutionelle und das Institutionelle soll gewissermaßen kommunikativ geöffnet werden. Kommunikation und Zirkulation von Frömmigkeit, das wäre Formeln, unter denen er, Schleiermacher, das Kirchliche versteht.

Beyrodt: Also zu kritisch für die Kirche?

Dierken: Das kann man in Teilen sicherlich sagen, insbesondere auch also für die Kirche zu seinerzeit. Da ist er angeeckt an verschiedenen Punkten. Wir haben sicherlich jetzt nicht mehr die Verhältnisse, wie wir sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben im kirchlichen Leben, aber er hat der Kirche oder den Kirchen gegenüber schon versucht, ein anderes Konzept von Religion, von religiöser Kommunikation, das gewissermaßen auf Wechselseitigkeit, auf Freiheit, auf Anregung abstellt und nicht auf die Umsetzung von Vorgaben von Lehre. Das hat er versucht, deutlich zu machen.

Konflikt mit Hegel

Beyrodt: Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass Religion bei Schleiermacher ein Gefühl ist. Nun ist ja das Fühlen bei vielen Menschen populär sehr hoch im Kurs. Wie kommt es, dass der Name Schleiermacher trotzdem so selten fällt?

Dierken: Nun ich denke, zum einen sind seine Texte in Teilen auch recht sperrig. Man muss sich dann schon mit einem Bemühen um ihr Verständnis ihnen nähern und die Sprache des 19. Jahrhunderts in die Gegenwartsprache übersetzen. Zum anderen geht Schleiermacher auch davon aus, dass das Gefühl gebildet werden solle, also nicht das, was ich unmittelbar fühle in diesem Augenblick und dieses in jenem Augenblick das, das eine Mal kann sich mit dem anderen Mal völlig im Widerspruch befinden, macht das Gefühl aus, sondern das Gefühl ist gewissermaßen im Subjekt für das Ganze des eigenen Lebens im Zusammenhang der Welt maßgeblich und das Gefühl vergegenwärtigt auf der anderen Seite auch das eigene Selbstsein. Das eigene Selbstsein, das wir immer schon gewissermaßen empfangen haben, das wir nicht selbst hervorgebracht haben, das wir aber selbststätig, das wäre so ein typisch Schleiermachersches Stichwort, und das heißt frei leben. Im Übrigen hat auch Hegel, um den es heute auch gehen wird, Schleiermacher vorgeworfen, wenn die Religion bloß ein Gefühl sei, dann sei eigentlich der Hund der beste Christ, denn er habe auch immer Gefühle und wenn das ein Abhängigkeitsgefühl sein soll, habe er auch das Gefühl der Abhängigkeit gegenüber seinem Herrn und Erlösung werde ihm, wenn der Herr ihm einen Knochen hinwirft.

Beyrodt: Ist Hegel dem Schleiermacher denn da gerecht geworden?

Dierken: Nein, das ist also polemisch durch und durch und trifft auch die Pointe nicht, weil Schleiermacher der Meinung ist, dass diese Abhängigkeit im Grunde unser Eingesetzt-Sein in unser Leben, in unsere Freiheit, uns vorfinden in unserer Freiheit meint und weil es zugleich meint, dass wir mit allem in der Welt in einem Wechselzusammenhang stehen, gerade davon nicht gelöst sind und um dieses universale Wechselverhältnis, darum können wir im Gefühl gewissermaßen als Vergegenwärtigung des Ganzen im Einzelnen, des Unendlichen im Endlichen, ein Bewusstsein gewinnen.

Was würde er Religionsverächtern heute sagen?

Beyrodt: Wenn wir noch mal zum jungen Schleiermacher gehen, er versucht einen Dialog mit Relgionskritikern. Seine Reden über die Religion beginnen mit einer Apologie, einer Verteidigung. Er fühlt sich als religiöser Mensch offenbar in der Defensive nach der Aufklärung. Was würde er heutigen Religionsverächtern sagen?

Dierken: Also, er würde sicherlich sagen, denjenigen die sagen, Religion und das Göttliche kann man nicht akademisch mit wissenschaftlichen Mitteln dingfest machen, gewissermaßen mit empirischer Forschung, denen würde er sagen, ihr fragt in einer falschen Weise. Denjenigen, die sagen, Religion sei etwas, was sich jetzt nur in der kirchlichen Form finde, denen würde er sagen, fragt doch und schaut doch nach anderen Formen, etwas im Blick auf Kunst und anderes, in dem Sinn kommuniziert wird, in dem Sinn erlebt und erfahren wird, Literatur etwa und bildende Kunst und anderes mehr. Er würde denjenigen, die in einem besonderen Maße sozusagen meinen, Tradition sei das Entscheidende für Region, sagen, nicht die tote Tradition oder die Tradition, wenn sie tot ist, ist das Entscheidende, sondern ob man Tradition aktualisieren kann oder auch neue Traditionen begründen und bestimmen kann. Er würde sicherlich denjenigen sagen, dass wir in einem religiösen Pluralismus, den es zu seiner Zeit noch nicht gegeben hat, leben. Denen wurde er sagen, ja, wir müssen auch konstruktive Formen finden im Verständnis, im Umgang mit einem Pluralismus, was bedeutet, dass man sich auf die gleichsam religiös interessante Seite der anderen Position schlägt und nicht nur in der Defensive an dieser Stelle agiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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