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StartseiteKalenderblatt27.2.1904 - Vor 100 Jahren27.02.2004

27.2.1904 - Vor 100 Jahren

James Farrell, Schriftsteller, geboren

<em>Studs Lonigan, knapp fünfzehn und in seinem ersten Anzug mit langen Hosen, stand, eine Sweet Caporal in die Schnauze geklebt, im Badezim-mer. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und grinste. Er paffte, nahm den Glimmstengel aus dem Mund, inhalierte und sagte sich: Also ab heute abend kann mich der alte Saftladen mal ... Der alte Saftladen war die St. Patrick’s-Mittelschule; und St. Patrick’s bedeutete einiges für Studs. Sie bedeutete Schule, und die Schule war ein Gefängnis, das eben-so gut vergitterte Fenster hätte haben können.</em>

Von Christian Linder

James T. Farrell,  April 1971 (AP)
James T. Farrell, April 1971 (AP)

Chicago 1916. Studs Lonigan freut sich auf das Leben nach der Schule, aber das Leben, das er dann kennenlernt, ist ein ihn herabziehendes und verschlingendes Grab. Drei dicke Bücher, insgesamt gut tausend Seiten, hat der amerikanische Schriftsteller James Farrell gebraucht, um die Le-benskurven seiner Figur Studs Lonigan zu beschreiben. Eine romanver-setzte Autobiographie: Wie seine Romanperson ist Farrell in Chicago gebo-ren, am 27. Februar 1904, als Sohn irisch-katholischer Einwanderer, und wie Studs Lonigan hat auch Farrell erlebt, wie eine Welt, erlebt im Südteil Chicagos, allmählich unterging. Gehörte die Familie zunächst zum Klein-bürgertum und war auch stolz darauf, fand man sich auf einmal inmitten der Weltwirtschaftskrise, die diese kleinbürgerliche Welt im Süden Chicagos in ein Slumviertel verwandelte. Gewalt, Zerstörung, Schmerz und wieder Ge-walt liegen auf dem Lebensweg Studs Lonigans. James Farrell führt dieses Leben als Rohmaterial vor, seine Trilogie liest sich als eine umfassende sozialkritische Reportage, bald gefeiert als ein klassisches Meisterwerk der amerikanischen Literatur, vergleichbar mit den Grossstadtromanen zum Beispiel von Autoren wie Dos Passos. Farrell selbst hat sich auf James Joyce' Roman »Ulysses« berufen, dessen Montage -, Assoziations- und innere Monologtechnik er für sich produktiv gemacht habe. Die innere und persönliche Weite von Joyce' Roman hat Farrells Trilogie aber nicht. Seine Romane führen eher einen anonymen Allerweltsblick vor und versuchen die Welt vor allem von aussen her zu beschreiben, indem Schlagzeilen von Zeitungsartikeln einmontiert sind, Reklamesprüche oder Daten von politi-schen Ereignissen. Die nackte, rohe äussere Welt, die sich in Studs Loni-gan als ein gewaltiger, tief innen sitzender psychischer Druck zeigt, der dann immer wieder in Gewalttaten nach aussen dringt – das ist der Blick James Farrells. Als »proletarischen Realismus« hat man seine Roman-kunst bezeichnet, in Anlehnung an Farrells Flirt mit dem Marxismus, den er selber allerdings nie dogmatisch gehandhabt hat. Farrell beschreibt die äussere wie die innere Welt seiner Romanperson ganz naturalistisch, zeigt zum Beispiel, wie die Ressentiments irischer Einwanderer sich in Hasstira-den gegen andere Aussenseiter verwandeln, gegen Schwarze
oder Juden. Die Welt bleibt für Studs Lonigan immer unverstanden, so wie er sich auch selbst nicht versteht und seine Gefühle nicht aus sich heraus-lassen kann, zum Beispiel seine Gefühle für Lucy, die grosse Liebe seines Lebens. Er sitzt mit ihr in einem Baum an einer Lagune:

Ist es nicht wahnsinnig schön hier? sagte sie. Ja, sagte er mit belegter Stimme. Er wollte noch mehr sagen und konnte es nicht. Er wollte ihr über all die verschwommenen, prickelnden Gefühle erzählen, die er hatte, und dass es ihm beinahe vorkam, als könnte er eins mit der Lagune sein, und dass die Gefühle, die sie in ihm hervorrief, so waren wie das Schaukeln und die kleinen Wellen, die die Sonne und der Wind aus den Lagunen her-vorrief; aber das waren Dinge, von denen er nicht wusste, wie er sie erzäh-len sollte, und er hatte Angst davor, weil er sie vielleicht zerstören würde, wenn er es tat. Er brachte nicht einmal ein einziges verdammtes Wort dar-über heraus, wie all das den Wunsch in ihm wachrief, sich stark und gut zu fühlen, und alles mögliche für sie zu tun, und für sie gross und tapfer zu sein. Die Worte blieben ihm im Halse stecken.

Neben der Romantrilogie über Studs Lonigan hat James Farrell zwar noch viel geschrieben, Erzählungen wie "Ellen Rogers", die immerhin Thomas Mann als "die beste Liebesgeschichte der modernen Literatur" gefeiert hat, auch weitere Romane wie "Auftragsbüro McGinty", in dem er noch einmal den typischen Männlichkeitswahn als Farce herausgearbeitet hat, aber nur die Romantrilogie ist als zeitgeschichtliches Dokument über das Amerika im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bis heute nicht vergessen. James Farrell als Person drängte sich zeitlebens nie in den Vordergrund, trotz Auszeichnungen wie dem Guggenheim-Stipendium und dem Literaturpreis des Book-of-the-Month Club. Der Erfolg der Studs Lonigan-Trilogie erlaubte es ihm immerhin, als freier Schriftsteller zu leben, nachdem er sich vorher als Tankwart, Handelsvertreter und Journalist durchschlagen musste. Eine lange Zeit verwirklichte er auch seinen Traum, in Paris zu leben. Gestorben ist James Farrell im August 1979 in New York.

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