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28.03.1979 - Vor 25 Jahren

Im Kraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg kommt es zu einem schweren Reaktorunfall

An den 28. März 1979 erinnern sich sangesfrohe Christen im ländlichen Pennsylvania bei Harrisburg mit großer Inbrunst. "The Devil Made Three Island” haben sie ihre heiße kleine Hymne überschrieben, "Three Mile Island war das Werk des Teufels” soll das heißen. In der Tat war Amerikas schwerster Atomstörfall eine teuflische Angelegenheit. Fünf Tage hielt der Reaktor Nummer Zwei die ganze Welt in Atem.

Von Barbara Jentzsch

Das Atomkraftwerk Harrisburg gerät im Jahr 1979 außer Kontrolle (AP)
Das Atomkraftwerk Harrisburg gerät im Jahr 1979 außer Kontrolle (AP)

200.000 Menschen flüchten aus Pennsylvania als die Brennstäbe zu schmelzen beginnen und die Hiobsbotschaften nicht abreißen: Ein halbes Dutzend voneinander unabhängige Fehler treten im Reaktor Nr. 2 kurz nacheinander auf. Maschinelle, institutionelle und menschliche Fehler: Ventile klemmen, das Kühlwasser fällt aus, die Notkühlung versagt, eine Wasserstoffblase droht zu explodieren. Das auf keinerlei Notfälle vorbereitete und auch nicht dafür ausgebildete Kraftwerkspersonal ist total überfordert. Über hundert Alarmmeldungen werden in den ersten Stunden des Störfalls ausgelöst, ohne dass eine Möglichkeit besteht, die unwichtigen zu unterdrücken und die wichtigen zu identifizieren. Während Hunderttausende Liter radioaktiv verseuchten Wassers den Reaktorboden überschwemmen und manchmal mehrmals am Tag radioaktiver Dampf in die Atmosphäre entlassen werden muss, verbreitet der Kraftwerksbetreiber grotesken Optimismus:

"Wir haben keine bedeutende Strahlung registrieren können," heißt es, "und wir erwarten auch keine Strahlung außerhalb des Kraftwerks. Ohne die Bevölkerung zu warnen, wird stundenlang radioaktives Krypton-Gas abgelassen. Pennsylvanias Gouverneur beschliesst die Evakuierung von schwangeren Frauen und Vorschulkindern.

Als sich die Gasblase in der Reaktorkuppel nach 72 Stunden endlich verkleinert - und Präsident Carter samt Rosalynn einen vertrauensbildenden Besuch wagen - wird die Evakuierung aufgehoben.

Der Fall geht dann auf juristischer Ebene weiter. Betreiber und Reaktorhersteller machen sich gegenseitig den Prozess - allerdings nur kurz und schmerzlos. Weil die Sache zu teuer und zu peinlich wird - zu viele Papiere sind gefälscht und Testuntersuchungen manipuliert worden - einigt man sich 1983 auf einen außergerichtlichen Vergleich. Trotz heftiger Bürgerproteste wird der heil gebliebene Reaktor Nummer Eins 1985 wieder in Betrieb genommen.

Weil es im Verlauf des Unfalls keine direkten Verletzten und Toten gegeben hat, und weil die Gerichte tausende Gesundheitsklagen abweisen, ist es der US-Atomindustrie im Laufe der Jahre gelungen, Harrisburg zum relativ harmlosen Störfall herunterzuspielen. Das Grauen von Tschernobyl mit seinem zerbrochenen Reaktorgebäude, Toten und Verletzten verstärkt diesen Eindruck noch.

Doch hartnäckige Bürgerinitiativen wie "Three Mile Island Alert” und die "Union of Concerned Scientists” sehen die Schönfärberei der Industrie und der Atomkontrollbehörde NRC mit Skepsis. Sie sind am Ball geblieben und haben fortgesetzte Sicherheitsverletzungen gemeldet. "Three Miles Island Alert” hat unter anderem über Clean-up Arbeiter berichtet, die verstrahlt wurden, als sie 100 Tonnen zerstörte Uranbrennstäbe und 8000 Kubikmeter radioaktiv verseuchtes Wasser entsorgten. Die Bürgerinitiative hat auch eine Gesundheitsstudie der Universität Chapel Hill, North Carolina, bekannt gemacht, die in der Nachbarschaft von "Three Mile Island" sehr wohl eine erhöhte Zahl von Krebsfällen festgestellt hat.
Zum 25. Jahrestag hat die Atomkontrollbehörde NRC jetzt ein Papier herausgegeben, das laut Eric Epstein, Leiter der Bürgerinitiative TMI-Alert, von Fehlern nur so strotzt …

Die NRC hat nicht nur die Unfallursache falsch wiedergegeben. Sie hat die massive Freisetzung radioaktiver Strahlung übergangen, die kriminellen Praktiken des Kontrollpersonals ignoriert, Gesundheitsschäden verharmlost und die Medien in Sachen Sicherheit und industrieweiter Personaleinsparung in die Irre geführt.

Seit Harrisburg ist in Amerika kein neuer Reaktor ans Netz gegangen. Doch die Energiepolitik der Regierung Bush sieht vor, die in Verruf geratene Industrie wieder salonfähig zu machen. Die neue Reaktor-Generation ist schon konzipiert, und damit die auslaufenden Modelle nicht plötzlich abgeschaltet werden, hat die Atomkontrollbehörde die Lizenzen einfach verlängert.

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