Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteKalenderblatt28.1.1929 - Vor 75 Jahren28.01.2004

28.1.1929 - Vor 75 Jahren

Claes Oldenburg, Pop-Art-Künstler, geboren

Es gibt ein immer wieder gern zitiertes Foto von Claes Oldenburg, das ihn im Jahr 1966 auf der Londoner Oxford Street zeigt, wie er zum maßlosen Erstaunen einer Passantin eine körpergroße Zahnpastatube vor sich her trägt.

Weiche Lichtschalter von Claes Oldenburg (AP)
Weiche Lichtschalter von Claes Oldenburg (AP)

20 Jahre später hatte der Pop-Künstler diese Tube, die sich auf die eigenen Zahnpastaschlaufen stützt, in Bronze und Stahl ausgeführt: fünf Meter hoch, als hätte Gulliver bei der morgendlichen Toilette einen Tobsuchtsanfall bekommen. Die Zahnpastatube hat Claes Oldenburg gern als "unbewusstes Selbstporträt" bezeichnet. Der Künstler als gequetschte Tube.

Zweifellos ist die Skulptur eine ironische Abrechnung mit der populären Auffassung, dass ein Kreativer sich nun mal ausdrücken müsse. In den sechziger Jahren hatte Claes Oldenburg von der Notwendigkeit gesprochen, nun eine "echte und vulgäre Kunst" zu schaffen. Das ging natürlich gegen die heroische Auffassung der Kunst, wie sie von der vorausgehenden Generation der Abstrakten Expressionisten vertreten worden war – der existenzielle Kampf mit der Leinwand, wie ihn noch Jackson Pollock vorgeführt hatte, wurde bei Oldenburg stilisiert zum unheroischen Krampf einer Zahnpastatube.

Als Claes Oldenburg, der Sohn eines schwedischen Diplomaten, 1956 nach New York kam, erlebte er die ersten Happenings von Alan Kaprow und Jim Dine, das Improvisationstheater einer sich anbahnenden Konsumkritik. Oldenburg interessierte sich damals vor allem für das Leben auf der Straße, für die Penner und gescheiterten Existenzen. Er war bestens vertraut mit der Anti-Ästhetik des Dadaismus oder der Art brut eines Jean Dubuffet, der zweifellos sein großes Vorbild war. Oldenburg widmete sich den unscheinbaren Dinge des täglichen Lebens wie Tennisschuhen, Hemden, Hamburgern, Eistüten, Ketchupflaschen. Er baute sie nach - als Pappattrappen aus gipsgetränktem Stoff über Drahtgestell und überzog sie mit einer deftigen Farbsoße in Dripping-Manier. Als er 1961 diese Laden-Objekte in einer New Yorker Galerie präsentierte, bekamen die Besucher gleich noch ein Manifest mit auf den Weg. "Ich bin für eine Kunst der Teddybären und Pistolen und geköpften Kaninchen, der explodierten Schirme, vergewaltigten Betten" hieß es da, oder: "Ich bin für eine Kunst, die politisch-erotisch-mystisch ist, die etwas Anderes tut, als im Museum auf ihrem Arsch zu sitzen". Diese ruppige Attitüde brachte Claes Oldenburg den Ruf ein, ein Vertreter des Hard-Core-Pop zu sein. Später hat man ihn dagegen den Michelangelo des Pop genannt, ein spöttischer Kritiker allerdings sah in ihm schließlich den "Walt Disney für Intellektuelle". Damit war natürlich nicht der anarchisch-subjektive Claes Oldenburg der 60er Jahre gemeint, der mit seinen aus Plastikfolie und Tuch zusammengenähten Schreibmaschinen, Hamburgern oder Schlagzeugen die Skulptur weich machte und körperähnliche, sich verformende und geradezu atmende Gebilde schuf. Nein, das Etikett eines Walt Disney zielte auf denjenigen Claes Oldenburg, der ab 1977 zusammen mit seiner zweiten Frau, der holländischen Kunsthistorikerin Coosje van Bruggen, Monumentalplastiken für den öffentlichen Raum entwarf. Über 30 solcher Monumente entstanden für Museumsgärten und öffentliche Plätze in aller Welt: überdimensionale Wäsche-klammern, Spitzhacken, zerbrochene Knöpfe, Billardkugeln, Gartenschläuche, Feld-stecher, Baseballschläger, gebogene Riesenschrauben oder brückenartig sich wölbende Löffel mit Kirsche. Die große Claes-Oldenburg-Retrospektive von Bonn im Frühjahr 1996 zeigte all dies. Der ehemalige Kunstrebell wirkte nun wie ein Akademiker des Warenhauses, aus dem Underground war Mainstream geworden. Entsprechend nachsichtig kommentierte Oldenburg die eigene Vergangenheit.

Früher dachte ich einmal, dass die Kunst nichts im Museum verloren hat. Dass sie ihre Wirksamkeit verliert, sobald sie im Museum eingeschlossen ist.

Während Claes Oldenburgs frühe Werke längst zu den hochgeschätzten Ikonen der internationalen Museen gehören, ist seinen Monumentalplastiken die Rolle zugewachsen, aktive Dialoge mit Mensch und Umwelt zu führen, mit Architektur und Städtebau, mit Gegenwart und Geschichte. Alle die Dinge, die ein alltagsverliebter Pop-Gulliver einmal aus den Taschen seiner Latzhose kramte, stehen jetzt in unseren Städten herum - als Denkmäler der banalen Alltagsdinge, als Heldenstatuen einer Wegwerfgesellschaft und leider auch - als perfekte Glanzform einer längst siegreichen Vulgarität.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk