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StartseiteKalenderblatt3.6.1979 - Vor 25 Jahren03.06.2004

3.6.1979 - Vor 25 Jahren

Arno Schmidt, Schriftsteller gestorben

<em>"Also –: es mögen nun wohl rund an die 120 Jahre her sein; –: dass Bauern, (aufgehetzt & angeschürt vom Pastor LOCI!), hier –" (& dämonstrirend mit dem Finger ans Holz getipp’d : !-): "- hier 1 Dichter verscharrt habin, der sie öfters beschrieb."</em>

Von Guido Graf

Fotografie von Arno Schmidt
Fotografie von Arno Schmidt

Das steht am Anfang von "Zettel’s Traum", Arno Schmidts großem Roman von 1970. Auf dem Schauerfeld nahe Bargfeld in der Südheide, wie hier verkündet, ist er zwar nicht begraben, aber doch im Garten seines Hauses in dem kleinen Heidedorf. Einen ersten Herzanfall hatte Arno Schmidt schon 1959. Am kranken Herzen laborierte er von da an noch zwanzig Jahre voller Unrast am Schreibtisch. Begleitet von einigen weiteren Herzattacken und Schlaganfällen hat er geschrieben und geschrieben, nachgeholt, was dem 1914 in Hamburg Geborenen an Lebens- und Arbeitszeit durch den Krieg verloren schien: Erzählungen, Essays, Übersetzungen, dann das umfangreiche Spätwerk mit den großformatigen Büchern "Zettel’s Traum", "Schule der Atheisten", "Abend mit Goldrand". Das Fragment "Julia" oder "Die Gemälde" konnte Schmidt nicht mehr fertig stellen. Von 1978 an verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand schnell. Anfang 1979 kommen Lähmungserscheinungen hinzu. Den Fluch des Fleißes schüttelt er nicht mehr ab. Schmidt erleidet einen Gehirnschlag und stirbt am 3. Juni 1979 im Krankenhaus von Celle.

"Man hat den leichnam dann – ‘in edler, spontan ausbrechender Entrüstung’, (wie der zuständige Richter abschließend formulierte) – hierhergeschleift; & eingescharrt. / Sehr kurze Zeit darauf freilich ist dann der erste Clodhopper ins dorf gejappt gekomm’: ein langer, ihm nicht unbekannter Brillenträger! (grüne) Lederjacke, braune Hose, Stock unterm Arm; sei, da schon die Landschaft in leicht=angegrautem Zustand dagelegen habe, plötzlich aus einer Hecke ‘vorgetreten? Habe zu ihm hergeschaut – und sich dann etwas auf einen Zettel geschrieben. / - Seitdem soll Er in der hiesigen, sowie einigen (darob gar nicht erbauten, weil nich ganz so schuldigen) Nachbargemeinden, nu sagn wa ‘umgehen’: immer noch durch Wälder & Heiden; immer noch Notizen machend. – (Ich pflege mich zuweilen in der Dämmerung selbst so zu kleiden)" schloß ich beiläufig."

Das Leben in Literatur verwandeln, in den Büchern verschwinden: darauf zielt bei Arno Schmidt, gerade im Alter, alles. Ob als ironisches Vexierspiel wie hier in "Zettel’s Traum" oder im bitterbösen Blick auf Kinder-, Jugend- oder Soldatenzeit, wie er besonders in den letzten Büchern immer wieder aufgeworfen wird.

Er war sehr einsam.

Hans Wollschläger war Schüler, Kollege und Freund Arno Schmidts. In seiner Erinnerung differenziert sich das für die Nachwelt inszenierte Bild Schmidts: der Schriftsteller, der Berserker, der Besserwisser und Kauz. Dahinter steckte noch ein anderer.

Das habe ich damals natürlich nicht erkennen können, weil die Anspannung, das Hochkonzentrierte, dies alles auf mich sich zu dem Eindruck einer unerhörten Souveränität, Lebenssouveränität verdichtete. Dass in Wirklichkeit darunter ein unglücklicher, immer ängstlicher, von großen persönlich-konstitutionellen Schwierigkeiten wie von äußeren Lebenshindernissen gebeutelteter und irritierter Mensch stand, das ist mir erst später klar geworden. Und zwar auf eine, ja, man möchte sagen – desillusionierende, entgeisternde Art, als ich nach seinem Tode zum ersten Mal wieder seine Räume betrat. Sein ganzes Auftreten war das auf einer Bühne, und dieser Aufwand diente in Wirklichkeit nur dem Verstecken und Verbergen seiner wahren Natur, die er ausleben konnte, wenn er mit sich allein war. Er war nicht fähig, in Gesellschaft zu leben, weil er dann unablässig diese Performance des Sich-Schützens, des Abstrahlens, des Erzeugens von Souveränität hätte bewältigen müssen. Das alles kam bei ihm nicht von selbst, sondern war veranstaltet.

Was ich ungern tue: ein Abbild eines beträchtlichen Teiles meiner selbst. Es ist nämlich immer ein großer Akt der Selbstverleugnung, man kommt sich letzten Endes dann vor, wie wenn man in einer Gesellschaft adrett- und wohlanständig gekleideter Leute nackt da stünde. Also, das bitte ich irgendwie zu berücksichtigen dabei. Denn es gibt ja eigentlich so etwas soziologisch Unzulässiges nur in dieser Art, dass man einen Lebenden seziert.

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