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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs wurde zu lange weggesehen - überall29.06.2020

30.000 Verdächtige in MissbrauchsskandalEs wurde zu lange weggesehen - überall

Die Zahl von 30.000 möglichen Tatverdächtigen im sogenannten Ermittlungskomplex Bergisch Gladbach sei zwar beeindruckend, aber auch nicht so überraschend, kommentiert Moritz Küpper. Das Erstaunen und Entsetzen darüber allerorten zeige wohl eher, dass zu lange weggesehen wurde.

Von Moritz Küpper

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Blick auf das Amtsgericht Moers und Auswärtige Strafkammer des Landgerichts Kleve. Im Missbrauchskomplex Bergisch-Gladbach hat hier der Prozess gegen einen 26 Jahre alten Soldaten begonnen. Er soll kleine Kinder in insgesamt 33 Fällen missbraucht haben. (dpa / Rolf Vennenbernd)
Amtsgericht Moers, hier findet ein Prozess gegen einen Beschuldigten im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach statt (dpa / Rolf Vennenbernd)
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Es ist eine Zahl, die Eindruck macht. 30.000. 

30.000 unbekannte Tatverdächtige, gegen die im sogenannten Ermittlungskomplex Bergisch Gladbach nun auf Seiten der Justiz ermittelt wird. 30.000 potenzielle Männer und Frauen, denen Besitz von Kinderpornographie, Verbreitung von einschlägigem Video- oder auch Bild-Material und – vor allem – der schwere sexuelle Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird. Gewalt also, seelische wie körperliche.

Es war der nordrhein-westfälische Justizminister Peter Biesenbach von der CDU, der genau wusste, wie er die Meldung intonieren musste, damit auch ja jeder hinhört: Ich hoffe, Sie sitzen, sagte er in der Pressekonferenz heute Mittag, um dann eben diese Zahl zu präsentieren: 30.000.

Wer die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie der heutigen Zeit kennt, der weiß, wie sehr sich Ticker-Meldungen oder andere Eil- oder Blitz-Nachrichten letztendlich an solchen Zahlen orientieren.

Eine Verpflichtung zur Aufklärung

So gesehen war und ist es nicht überraschend, dass diese 30.000 schnell Karriere machen würde. Von 30.000 Spuren in einem Missbrauchskomplex war da schnell die Rede, auch ausländische Medien stürzten sich auf diese Zahl. Und ja, diese Zahl ist monströs. Sie weist auf Missstände hin, auf die gar nicht oft genug hingewiesen werden kann, generiert Aufmerksamkeit und führt dann – im besten Fall – zu Konsequenzen.

Nicht nur auf Grundlage von Zahlen wird Politik gemacht, sondern mitunter auch mit Zahlen. Und diese 30.000, sie ist die Grundlage für die Justiz in Nordrhein-Westfalen, eine eigene Task Force einzurichten, dem Thema Strafverfolgung von sexuellem Missbrauch eine höhere Priorität, sprich: mehr Personal, zu geben.

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Das hat der NRW-Justizminister Biesenbach gut erkannt und nutzt diese Mechanismen nun auch, um seinen Staatsanwälten perspektivisch vielleicht mehr Möglichkeiten zu geben. Die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung, sie ist längst wieder eröffnet und dürfte über den Sommer neue Dynamik bekommen. Aber: Diese Zahl von 30.000 ist – erst Recht durch die prominente Verbreitung heute – auch eine Verpflichtung. Die Aufforderung, sich darum zu kümmern. Zumal diese Zahl von 30.000 nicht so überraschend ist, wie nun allerorts getan wird.

Zahl 30.000 ein realistischer Wert

Bereits im Herbst vergangenen Jahres, als der sogenannte Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach aufflog, berichtete der Kölner Polizeipräsident von Chatgruppen mit mehr als 1.800 Teilnehmern. Nimmt man diese Zahl, schaut auf die hunderten von Terrabyte an Daten, die die Ermittler nunmehr gesichert haben und zieht in Betracht, dass es unter Pseudonymen auch Doppelungen geben kann, erscheint die Zahl 30.000 als ein realistischer Wert.

Und so gesehen, zeigt uns das Erstaunen und Entsetzen darüber vielleicht eher, dass zu lange weggeschaut wurde. Und zwar überall.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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