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StartseiteKalenderblatt30.6.1934 - Vor 70 Jahren30.06.2004

30.6.1934 - Vor 70 Jahren

Der "Röhm-Putsch" wird niedergeschlagen

Als "Nacht der langen Messer", als "nationalsozialistischer Brudermord" oder "Säuberungsaktion" haben Zeitzeugen die blutigen Ereignisse am frühen Morgen des 30. Juni 1934 beschrieben. Jede dieser Benennungen trifft die Mordaktion gegen innerparteiliche Gegner Adolf Hitlers genauer als jene Bezeichnung, die von der NS-Führung geprägt wurde und die sich bis heute im Sprachgebrauch erhalten hat: Der "Röhm-Putsch" war kein Putsch der SA unter ihrem Stabschef Ernst Röhm, sondern eine Erfindung, ein gezielt ausgestreutes Gerücht der Gestapo.

Von Jochen Stöckmann

Aufmarsch der Nationalsozialisten in Nürnberg,  17.9.1936, (AP)
Aufmarsch der Nationalsozialisten in Nürnberg, 17.9.1936, (AP)

Aus machtpolitischem Kalkül ließ der Führer der NSDAP einen seiner wenigen Duzfreunde ohne Anklage oder Urteil blutig hinrichten: Unter dem Hauptmann Röhm hatte Hitler als Spitzel der Reichswehr seine politische Karriere begonnen. Jetzt aber, im Frühjahr 1934, stand einer seiner ältesten Weggefährten dem Reichskanzler im Wege, gefährdete das Bündnis der Nazis mit konservativen Kräften in Industrie und Militär.

Auf drei Millionen war das Heer der Braunhemden, der NS-Parteisoldaten bis zur Machtergreifung Hitlers angewachsen. Und Stabschef Röhm feuerte seine vielfach immer noch arbeitslosen, bei der Verteilung der Posten und Pfründe leer ausgegangenen Männer an:

Die SA ist das scharfe Schwert der deutschen Revolution. Der SA-Mann ist der Träger der Revolution, er ist auch ihr Wahrer und Vollender. Der Kampf geht daher weiter, wenn auch seine Erscheinungsformen stets wechseln werden.

Anfangs bedeutete "Revolution" für die Nationalsozialisten die Zerschlagung linker Parteien und Gewerkschaften. Als dieser Gegner am Boden lag, war der Tatendrang der Sturmabteilungen längst nicht gestillt. Jetzt sollte es gegen das selbstzufriedene "Spießertum" gehen, wie Röhm selbst formulierte. Übergriffe und Gewalttaten der SA gegen Bürger und harmlose Passanten häuften sich. Es war von "Beefsteakabteilung" die Rede: außen braun, innen rot. Der sogenannte "linke" Flügel um die Brüder Otto und Georg Strasser bekam Auftrieb.

Diese Entwicklung passte nicht in Hitlers Kalkül. Das war aus einer Rede herauszuhören, mit der der kommende Diktator am 3. Juli vor dem Reichstag die Ermordung von Röhm und einiger Dutzend weiterer SA-Führer als "Staatsnotwehr" rechtfertigte.

Gleichzeitig gab ich den Befehl, den immer wieder auftauchenden Gerüchten einer neuen Revolution nachzugehen. Unter dem früheren Stabschef Röhm war eine Auffüllung der SA in einem Umfange eingetreten, die die innere Homogenität dieser einzigartigen Organisation gefährden mußte.

Hitler musste die absolute Verfügungsgewalt über die SA behalten, wollte er ungestört die Wiederaufrüstung Deutschlands betreiben. Diese Politik war nur möglich mit den Generälen der Reichswehr, aber die sahen in Röhm und seinen "braunen Bataillonen" eine unerträgliche Konkurrenz. Zum regelrechten Machtkampf kam es, als Röhm immer wieder als künftiger Reichswehrminister genannt wurde. In dieser Situation fütterte der Leiter des Staatspolizeiamtes, Reinhard Heydrich, die Reichswehr solange mit Falschinformationen über einen bevorstehenden Putsch der SA, bis die Armeeführung sogar bereit war, für dessen Niederschlagung der SS Waffen zu liefern.

Letzter Auslöser für die nationalsozialistische Bartholomäusnacht, in der auch mancherlei "private" Rechnung blutig beglichen wurde, war nach Meinung vieler Historiker eine Rede, in der Vizekanzler Franz von Papen gegen den Straßenterror der SA und ihre Propaganda für eine "zweite Revolution" scharf polemisierte. Mit Papen, der staatlichen Bürokratie und dem bürgerlich-konservativen Lager hatte es sich Röhm ebenfalls verscherzt durch seine markigen Landsknechts-Auftritte:

Es muss dahin kommen, daß der SA-Geist auch in den düsteren Amtsstuben und Bürostuben Einzug hält.

Hitler nun, der sich in seiner Reichstagsrede als "oberster Gerichtsherr" aufspielte, schuf Ordnung – und zwar blutig. Und um Zustimmung für diese staatliche Lynchjustiz zu bekommen, mobilisierte der Demagoge wie gewohnt Vorurteile und Ressentiments, diesmal gegen die allgemein längst bekannte Homosexualität von Röhm und seiner SA-Entourage:

Das Schlimmste aber war, daß sich allmählich aus einer bestimmten gemeinsamen Veranlagung heraus in der SA eine Sekte zu bilden begann, die den Kern einer Verschwörung nicht nur gegen die moralischen Auffassungen eines gesunden Volkes sondern auch gegen die staatliche Sicherheit abgab.

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