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StartseiteKommentare und Themen der WochePolitik kapituliert vor Grundwasser-Giftbrühe aus DDR-Zeiten21.09.2020

30 Jahre EinheitPolitik kapituliert vor Grundwasser-Giftbrühe aus DDR-Zeiten

In Bitterfeld-Wolfen wird auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit Gift aus DDR-Zeiten im Grundwasser mehr verwaltet als beseitigt. Ein unglaublicher Zustand, kommentiert Sabine Adler. Die Sanierer hätten kapituliert, die Politik - auch der Bund - schaue auf allen Ebenen nur zu.

Von Sabine Adler

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Abwassersee bei Bitterfeld, Sachsen-Anhalt (picture alliance / imageBROKER / Norbert Michalk)
Abwassersee bei Bitterfeld, Sachsen-Anhalt (picture alliance / imageBROKER / Norbert Michalk)
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Für die Natur haben sich 30 Jahre Deutsche Einheit auf den ersten Blick ausgezahlt. Im ehemaligen Grenzstreifen, der jetzt Biotop ist, aber auch in einst hochbelastete Regionen wie im Chemiedreieck Halle-Bitterfeld-Wolfen grünt und blüht es. Keine Frage, die Millionen Mark und später Euro, die für die Sanierung ausgegeben wurden, haben ihre Spuren hinterlassen.

Bitterfelder Grundwasser bis heute verseucht

Zugleich hat sich eine irritierende Selbstzufriedenheit breitgemacht. Wird in anderen Teilen Deutschlands bereits Alarm geschlagen, wenn eine Vergiftung des Grundwassers auch nur droht, kräht danach in Bitterfeld-Wolfen kein Hahn.

Blick auf den Silbersee mit Verbotsschild (Aufnahmedatum unbekannt) (Deutschlandradio / Fred Walkow) (Deutschlandradio / Fred Walkow)Giftiges Erbe in Bitterfeld-Wolfen
Die DDR-Chemieindustrie in Bitterfeld und Wolfen hat Grundwasser und Böden nachhaltig verseucht. 200 Millionen Kubikmeter Grundwasser warten auf nachhaltige Sanierung. Geschieht dies nicht, muss weiter teuer gereinigt und gepumpt werden.

Niemand in der Bundesregierung, nicht die Grünen oder Linken, nimmt Anstoß daran, dass auf einer Fläche von 30 Quadratkilometern 200 Millionen Kubikmeter Grundwasser hochgradig vergiftet sind. Umweltexperten des Helmholz-Instituts schätzen, dass diese toxische Brühe aus DDR-Zeiten zwei bis drei Talsperren füllen würde.

Das Bitterfelder Grundwasser wird bis heute von Giftmülldeponien verseucht. Keine hat einen abgedichteten Boden, aus allen sickern Gifte in den Untergrund. In allen liegen hochkrebserregende Abfälle zum Beispiel aus der DDT- und Lindan-Produktion für Schädlingsbekämpfungsmittel.

Verwaltung statt Sanierung der Dreckbrühe

Allein in einer der insgesamt neun befinden sich 150.000 Tonnen Lindan-Abfälle und 70.000 Tonnen Schwefelsäure. Zu DDR-Zeiten hat man sie direkt aus Eisenbahnkesselwaggons über Schläuche in die Grube abgelassen. Die Schadstoffe verursachten, was heute ein ÖGP, ein "Ökologisches Großprojekt", genannt wird.

Die Magdeburger Landesanstalt für Altlastenfreistellung und die Mitteldeutsche Sanierungsgesellschaft hindern das vergiftete Grundwasser in Bitterfeld-Wolfen lediglich am Weiterwandern. Ein winziger Bruchteil wird gefiltert, ist aber immer noch keinesfalls sauber.

Statt nachhaltig zu sanieren, wird die Dreckbrühe verwaltet, damit sie nicht an die Oberfläche und in die Keller steigt und sich damit in Erinnerung bringt.

Kapitulation - und die Politik schaut zu

Bis heute darf – wie zu DDR-Zeiten – niemand mit Grundwasser seinen Garten gießen. Von Trinkwasserbrunnen in Bitterfeld ganz zu schweigen.

Die Sanierer kapitulieren vor dem Ausmaß der Verschmutzung, und die Politik schaut zu.

Keiner sucht eine Lösung des Problems, obwohl es international erprobte Methoden dafür gibt. Niemand, nicht in Bitterfeld-Wolfen, nicht in der Landesregierung von Sachsen-Anhalt, nicht im Bundesumweltministerium, fühlt sich bemüßigt, das Grundwasser endlich vom DDR-Gift zu reinigen. Bis heute ein unwürdiger Umgang mit der Natur und absolut kein Grund zum Feiern.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

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