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StartseiteForschung aktuellEindrucksvolle Entdeckungen und bizarre Interviews03.04.2019

30 Jahre Forschung aktuellEindrucksvolle Entdeckungen und bizarre Interviews

Seit 1989 gibt es das tägliche Wissenschaftsmagazin Forschung aktuell im Deutschlandfunk. Fast so lange dabei sind die Autoren Frank Grotelüschen, Michael Lange und Volker Mrasek. Zum Sendungsjubiläum erinnern sie sich an wichtige Entdeckungen, bizarre Interviews und eindrucksvolle Momente ihrer journalistischen Laufbahn.

Von Frank Grotelüschen, Michael Lange und Volker Mrasek

(Michael Lange)
Michael Lange mit Klonschaf Dolly 1999 am Roslin Institute in Schottland (Michael Lange)
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30 Jahre Forschung aktuell Wissen, was wichtig wird - unser Motto seit 1989

30 Jahre Forschung aktuell Historische Dokumente von 1989

Erinnerungen von Forschung-aktuell-Autor Frank Grotelüschen

Die eindrucksvollste Entdeckung

Frank Grotelüschen berichtet für Forschung aktuell über Themen aus Physik und Technik. (Frank Grotelüschen) (Frank Grotelüschen)Frank Grotelüschen berichtet für Forschung aktuell über Themen aus Physik und Technik (Frank Grotelüschen)Die Gravitationswellen. Die Forscher hatten es jahrzehntelang erfolglos versucht. Als Journalist war man schon geneigt, die Sache abzuschreiben und die Versprechungen der Forscher als Fantasien abzutun. Doch im Februar 2015 kam der Paukenschlag: Die LIGO-Detektoren maßen ein glasklares Signal vom Zusammenstoß zweier schwarzer Löcher, was nicht nur Einsteins Prophezeiung bewies, sondern auch jede Menge Infos über schwarze Löcher verriet. Im September 2017 legten die Forscher nach und präsentierten das Signal einer Neutronenstern-Kollision – erneut mit reicher wissenschaftlicher Ernte.

Die größte Ernüchterung

Sicher, die Entdeckung des Higgs-Teilchens war ein Erfolg. Aber sie war erwartet worden – das Higgs-Teilchen ist der Schlussstein des heutigen Physikgebäudes, des Standardmodells. Große Enttäuschung aber herrscht darüber, dass bislang rein gar nichts gefunden wurde, was über das Standardmodell hinausgeht. Von dieser "neuen Physik" hatte die Fachwelt schon zu meinen Volontärs-Tagen geträumt. Während die Gesellschaft immer schnelllebiger wird, scheinen die Fortschritte in der Grundlagenphysik immer langsamer zu kommen. Das zeigt sich auch an den Beschleunigern wie dem LHC: 1992 (als Volontär) war ich auf einer großen Vorbereitungs-Konferenz dabei. Doch erst 2010 produzierte der LHC die ersten Messwerte. Und er soll noch bis circa 2035 laufen - dann bin ich in Rente.

Die bemerkenswerteste Entwicklung in der Technik

In den 90er-Jahren ging die Fachwelt davon aus, dass die etablierte Chiptechnologie bald an ihre Grenzen stoßen würde – das erzählte mir unter anderem Nobelpreisträger Klaus von Klitzing auf einer Konferenz 1996. Strukturen kleiner als 1 Mikrometer schienen aus damaliger Sicht kaum machbar. Deshalb arbeitete man an Technologien, die die Halbleiter ablösen sollten und über die wir regelmäßig berichtet haben: Spintronik, optische Computer, Nanoröhrchen, molekulare Elektronik et cetera. Doch letztlich sollten sich alle täuschen. Intel & Co. haben es geschafft, die Chipstrukturen auf circa  zehn Nanometer zu drücken – weshalb die Computer dann doch immer leistungsfähiger wurden. Nicht zuletzt deshalb konnte sich keine der Alternativen durchsetzen – die meisten stecken nach wie vor im Forschungsstadium.

Neue Energien – Daumen hoch

Vor 30 Jahren nahmen viele (auch damals in der Redaktion) die erneuerbaren Energien nicht ernst. Ein paar Jahre zuvor war GROWIAN, ein für damalige Verhältnisse riesiges Forschungswindrad, jämmerlich gescheitert – für viele der Beleg, dass die Sache nichts taugt. Heute sind Wind- und Solarenergie wirtschaftlich konkurrenzfähig und tragen circa 38 Prozent zur Stromversorgung bei – Tendenz steigend.

Neue Energien – Daumen runter

Meine erste Geschichte für den Deutschlandfunk (nach meinem Volontariat) war Anfang 1993 ein Feature über die Kernfusion. Damals gab’s eine gewisse Euphorie, weil ein gutes Jahr zuvor – im November 1991 – am Experimentalreaktor JET in England die erste kontrollierte Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium gelungen war. 1993 war bereits ITER das große Thema – ein Reaktor, der erstmals mehr Fusionsenergie erzeugen sollte, als man an Heizenergie in ihn hineinsteckt. Die Planungen liefen damals auf Hochtouren. 2005 wurde ITER nach langem Hickhack zwar bewilligt. Doch die Anlage dürfte erst 2025 in Betrieb gehen und 2035 die kontrollierte Fusion schaffen. Wohl ohne mich, dann bin ich im Ruhestand.

Das schwierigste Interview

Mit Peter Higgs – habe kaum was kapiert

Das bizarrste Interview

Mit MIT-Forscher Peter Hagelstein – der Guru der kalten Fusion

Eindrucksvollste Momente

Stephen Hawking im Amsterdamer Kuppelsaal sowie auf einer PK in Potsdam

Die größten Opfer für den Job

Kotzen für Forschung aktuell – auf dem Katamaran auf der stürmischen Nordsee nach Helgoland sowie beim Ritt in der Zentrifuge beim DLR-Astronautentraining


Erinnerungen von Forschung-aktuell-Autor Michael Lange

Die eindrucksvollste Entdeckung

Michael Lange berichtet für Forschung aktuell vor allem über Themen aus Biotechnologie und Genetik. (Michael Lange)Michael Lange berichtet für Forschung aktuell vor allem über Themen aus Biotechnologie und Genetik (Michael Lange)Klonen. Aus einer einzelnen Körperzelle eines erwachsenen Säugetiers kann ein ganzes Lebewesen entstehen. Das galt als unmöglich, denn Zellen altern und spezialisieren sich. Verjüngung ist – zumindest bei Säugetieren – unmöglich, so das Dogma. Aber ein paar Forscher an einem abgelegenen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut in Roslin (Schottland) akzeptierten das nicht. Ihnen gelang 1996 das Unmögliche. Sie klonten Dolly aus einer Euterzelle. Das Klonen erwies sich allerdings als schwierig zu beherrschen und ethisch problematisch – jedenfalls beim Menschen. Die Rettung kam 2005 in Form einer neuen Stammzellentechnik, der IPS-Technologie, die von Shinya Yamanaka in Japan entwickelt wurde. Mit ihr gelingt die Verjüngung von Zellen ohne Klonen und ohne das Überschreiten ethischer Grenzen.

Die größte Ernüchterung

Gentherapie. 1991 startete die Gentherapie mit ersten klinischen Studien, zunächst in den USA und 1994 auch in Deutschland. Der Hype war gewaltig. Viele erhofften schnelle Fortschritte im Kampf gegen Erbkrankheiten und gegen Krebs. Dann folgte Rückschlag auf Rückschlag. Jesse Gelsinger kam bei einer Gentherapie ums Leben, in Frankreich erkrankten Kinder an Leukämie und der Gentherapie-Pionier French Anderson wurde später wegen pädophiler Handlungen verurteilt. In Deutschland wurden Studien gefälscht. Kleine Erfolge kamen erst 15 Jahre später bei der Behandlung seltener Krankheiten. Jetzt hofft die Fachwelt auf die Genschere Crispr/Cas – und bleibt doch vergleichsweise zurückhaltend.

Die bemerkenswerteste Entwicklung in der Technik

Genschere Crispr/Cas9. Eigentlich gibt es die Gentechnik bereits seit den 1970er-Jahren. Aber das Handwerkszeug blieb zunächst vergleichsweise kompliziert und Versuche führten oft nicht zu den erwünschten Ergebnissen. 2012 kam wie aus dem Nichts ein neues Werkzeug für die Gentechnologie namens Crispr/Cas9. Die neue Genschere stammt aus Bakterien, die sie im Kampf gegen Viren benutzen. Wie die molekulare Schere funktioniert, haben die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die Biochemikerin Jennifer Doudna herausgefunden und 2012 gemeinsam veröffentlicht. Jetzt lassen sich Genscheren nach Wunsch programmieren. Die Gentechnik wird so zu einem mächtigen Werkzeug in der Wissenschaft, der Medizin und in der Pflanzenzüchtung. Sogar die genetische Manipulation der Menschheit scheint machbar.

Das schwierigste Interview

Mit Craig Venter: Vorher und nachher vier Absagen seiner Pressereferentin und Lebensgefährtin Heather Kowalski, und als ich endlich mit ihm sprechen durfte (Rockville 2005), ließ er Martin und mich drei Stunden ausharren für ein 15-Minuten-Interview.

Emmanuelle Charpentier (2016) und Kari Stefansson (1999) wären auch gute Kandidaten. Bei Stefansson versagte das Aufnahmegerät wegen der isländischen Kälte, während er sich in Medienkritik steigerte. Bei Charpentier mussten zunächst umfangreiche juristische Papiere erarbeitet werden. Im Gespräch hatte sie dann wenig Zeit und blieb sehr allgemein.

Das bizarrste Interview

Das Gespräch mit Nobelpreisträger Günter Blobel (2001) beim Fußweg vom Hörsaal zum Hotel in Köln. Während Blobel den Verkehr in einer Zelle mit der New Yorker U-Bahn vergleicht, fährt eine Straßenbahn vorbei, Autos hupen und er kommt zunehmend aus der Puste.

Eindrucksvollste Momente

Auge in Auge mit Dolly, dem berühmtesten Schaf der Welt bei einem Besuch am Roslin-Institut in Schottland 1999.

Die größten Opfer für den Job

Drei Wochen amerikanisches Motel-Frühstück und Trockenfleisch bei der Reise zu den Klon-Cowboys 2008. 4.000 Meilen im Auto durch das amerikanische Hinterland von Madison über Iowa nach Idaho und Oregon. Anstrengend, aber auch ein Erlebnis.


Erinnerungen von Forschung-aktuell-Autor Volker Mrasek

Die größte Erfolgsgeschichte

Volker Mrasek berichtet für Forschung aktuell über Themen aus Klimaforschung und Lebensmittelchemie. (Volker Mrasek) (Volker Mrasek)Volker Mrasek berichtet für Forschung aktuell über Themen aus Klimaforschung und Lebensmittelchemie (Volker Mrasek)Fast genau so alt wie Forschung aktuell selbst: das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht. In Kraft getreten am 1. Januar 1989 (schon im September 1987 wurde es von damals knapp 40 Staaten verabschiedet, später traten alle anderen UN-Staaten auch bei), hat es zum Ausstieg aus der großindustriellen Produktion von Fluorchlorkohlenwasserstoffen oder FCKW (Treibgase, Kühl-, Löse- und Aufschäummittel) und Halonen (Feuerlöschmittel) geführt. In der Anfangszeit von Forschung aktuell habe ich laufend über das Ozonloch über der Antarktis berichtet, auch über sogenannte Mini-Ozonlöcher, die zeitweilig im Nordpolargebiet auftreten können. Dass das heute nicht mehr der Fall ist, ist auch dem Montreal-Protokoll zu verdanken! Es gilt als Blaupause für ein erfolgreiches globales Umweltabkommen mit dem schönen Nebeneffekt, dass es auch zum Rückgang von Treibhausgasen geführt hat.

Eine zweite Erfolgsgeschichte: ebenfalls ein internationaler Umweltvertrag, die Stockholm-Konvention über langlebige organische Schadstoffe (sogenannte POPs), die im Mai 2004 in Kraft getreten ist. Seither gab es Produktionsverbote beziehungsweise Minimierungsgebote für diese Substanzen - ganz ähnlich wie bei den Ozonkillern. Forschung aktuell brachte früher regelmäßig Berichte über die toxikologische Bewertung von Dioxinen und Furanen, polychlorierten Biphenylen (Transformatoren-Öle, Hydraulikflüssigkeiten, Kühlmittel) oder Pestiziden wie Lindan, DDT, Chlordan oder Dieldrin - alle schwer abbaubar und langlebig, sowohl in der Umwelt wie auch in Organismen - und giftig! Dass das heute nur noch selten der Fall ist, haben wir der Stockholm-Konvention zu verdanken!

Die traurigste Geschichte

30 Jahre Weltklimarat IPCC (inzwischen drei Jahrzehnte geballte wissenschaftliche Expertise zur globalen Erwärmung) und 24 Jahre Welt-Klimakonferenzen aller Staaten der Erde (zur ersten 1995 hat Angela Merkel eingeladen, damals noch als Umweltministerin) ... und noch immer nimmt der Ausstoß von Kohlendioxid weiter zu, 2018 sogar um 2,3 Prozent laut Internationaler Energieagentur IEA. Das ist stärker als in allen Jahren seit 2010 - allen hehren Absichtserklärungen und dem Klimaprotokoll von Paris (2015) zum Trotz. Der Energiehunger der Staaten wächst noch immer statt zu sinken - in Industrieländern fehlt auch noch der nötige Bewusstseinswandel: Wir verbrauchen viel zu viel Energie!

Bleibende Reportage-Erinnerungen

"Klimaschutz im Kohleflöz" (Wissenschaft im Brennpunkt) im Januar 2004: Im Steinkohle-Bergwerk Lohberg/Osterfeld im Ruhrgebiet im sogenannen Schachtkorb (einem offenen, windigen Fahrstuhl) mit acht Metern pro Sekunde bis in 1.100 Metern Tiefe in den Flöz "Zollverein II", einem der tiefsten - wenn nicht gar dem tiefsten - in ganz Deutschland. Damals jedenfalls! Heute ginge das nicht mehr, Kumpels bei der schweißtreibenden Arbeit unter Tage zu verfolgen: Alle Zechen sind zu!

"Tauwetter über den Gipfeln der Welt" (Wissenschaft im Brennpunkt) im November 2008: Dafür war ich nicht auf, sondern in der Zugspitze, denn es gibt einen Tunnel vom Schneefernerhaus (heute Umweltforschungsstation) quer durch den Gipfel auf die österreichische Seite (früher tatsächlich von Skifahrern genutzt). Ich war mit Forschern dort, die den Permafrost im Zugspitzgipfel untersuchen. Der geht zurück, das Eis in Ritzen und Fugen taut also (infolge der Klimaerwärmung), sodass der Fels anfängt zu bröckeln (und abgesichert wird). Auch diese Reportage wird vielleicht bald nicht mehr möglich sein, weil der Stollen aus Sicherheitsgründen irgendwann nicht mehr betretbar sein könnte.

"Zürich - Mailand in einem Zug" (Wissenschaft im Brennpunkt) im Juli 2001: Eine Reportage aus dem im Bau befindlichen "Gotthard-Eisenbahntunnel" in der Schweiz. Man taucht in eine völlig fremde Schattenwelt ab mit riesigen Tunnelbohrmaschinen oder "Bohrjumbos", die Flüssigsprengstoff in die "Tunnelbrust" spritzen und sich Meter für Meter durch den harten Fels fräsen beziehungsweise sprengen. Alles furchtbar eng und gefährlich und zudem in unwirkliches gelbliches Kunstlicht getaucht. Wer sich auch nur drei Schritte von der Gruppe entfernt, wird sofort am Kragen gepackt und barsch angeblafft, das doch künftig zu unterlassen.

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