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StartseiteDeutschland heuteDer kleine Grenzverkehr07.11.2019

30 Jahre MauerfallDer kleine Grenzverkehr

Selbstschussanlagen, scharfe Hunde in langen Laufgittern, Grenzanlagen - unser Landeskorrespondent in Sachsen erinnert sich an die Wendezeit. Er wuchs in den 1980er-Jahren im Zonenrandgebiet auf. Mit seinen Eltern fuhr er als Kind über die deutsch-deutsche Grenze in den Osten.

Von Bastian Brandau

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(Deutschlandradio / Bastian Brandau)
Ehemaliger Kontrollpunkt zum Sperrgebiet im Zonenrandgebiet bei Boizenburg (Deutschlandradio / Bastian Brandau)

"Ja, ich gebe es Dir mal, da ist nämlich das von der Staatsbank drin. Das wusste ich gar nicht, dass Du das noch hast."

"Das ist mein alter Pass von 1986, und auf der dritten Seite sind hier ganz viele Einreisestempel von der DDR."

"Bei mir steht immer Horst, Horst Horst. Aber auch andere Orte. Ja, hier Selmstorf."

Im Haus meiner Eltern im Landkreis Lüneburg. In den 1980er Jahren Zonenrandgebiet. Im kleinen Grenzverkehr reisen meine Eltern schon im Studium in die DDR. Und auch als ich geboren werde.

"Du warst ein 1984 im Sommer mit."

"Du warst ein halbes Jahr alt, da sind wir nach Zerbst zu Tante Hilde."

"Da gibt es noch ein Foto wo Du auf dem Arm bist von meiner Tante. Du warst da auch schon mit. Wir haben Euch immer mitgenommen. Wenn wir tagsüber gefahren sind, entweder aus touristischen Gründen, Schwerin angucken oder so, dann wart Ihr immer dabei. Und wenn wir Scharnwebers besucht haben, wart Ihr auch immer dabei."

Alte Pässe und DDR-Geld

Unsere Freunde in Boizenburg in Mecklenburg, von denen noch die Rede sein wird. Nicht immer weiß ich genau, welche Erinnerungen an die DDR und die Wendezeit meine eigenen sind, und welche mir einfach sehr oft erzählt wurden.

Genau erinnere ich mich jedoch an Spielzeug, das wir gekauft haben, und das meine Eltern auch an diesem Tag zusammen mit ihren alten Pässen und DDR-Geld hervorgeholt haben:

"Ikarus, zum Beispiel, schöner Bus, die fuhren ja auch noch in echt darum."

"Oder ein IFA-Lastwagen hier, das ist auch ein schönes Teil."

Einige Jahre meiner Kindheit habe ich unseren Sandkasten mit roten Schaufeln aus der DDR umgegraben. Und sehr genaue Erinnerungen habe ich an den 9. November 1989. Es wäre allerdings übertrieben zu sagen, das hätte mit meinem schon damals vorhandenen Interesse für politische Ereignisse zu tun gehabt.

Reporter: "Dann muss ich noch die Frage stellen vom 9. November, mit dem Fernseher, den es ja angeblich…"

"(Lachen). Ja, ich glaube Du musst anfangen, denn Du hast gearbeitet."

Der 9. November 1989 ist für mich der Tag, an dem sich herausstellt, dass unsere Eltern, die immer vorgaben, keinen Fernseher zu besitzen, doch einen hatten.

Bäume wachsen dort, wo die Grenzanlagen standen

"Ihr wart noch nicht im Bett, und dann habe ich noch gesagt, Kinder kommt in unseren Spielkeller und dann habe ich den Fernseher aufgebaut und ich erinnere mich, wie wir da sitzen mit dicken Wolldecken, denn es war kalt. Und guckten erstmal eine ganze Weile dieses Ereignis. Das war schon total aufregend."

Was ich wohl auch verstanden habe: Unsere Freunde in Boizenburg zu besuchen, ist jetzt viel einfacher. Und vor allem: Auch sie können jetzt über die Grenze.

Wir fahren Richtung Nordosten, bei Lauenburg über die Elbe, dann rechts ab. Ein langer Damm nahe der Elbe führt Richtung ehemalige innerdeutsche Grenze.

"… und hier war ein mulmiges Gefühl, ich fand, dass hier die Straßenführung das Gefühl noch verschärft hat."

"Man wusste ja auch nicht, wie die Grenzkontrolle verläuft, wie stark die Kontrollen dieses Mal sind, das war ja immer völlig unberechenbar."

Selbstschussanlagen, scharfe Hunde in langen Laufgittern: All das hat es hier gegeben. Heute erinnert eigentlich nur noch ein großes Schild an die unmenschliche Grenze, gefallen vor 30 Jahren. Bäume wachsen dort, wo die Grenzanlagen standen, die wir, auch das erinnere ich, nach dem Mauerfall inspizierten und ein Verkehrsschild als Andenken mitnahmen.

"Willkommen, schön dass Ihr da seid."

Angekommen am Haus unserer Freunde am Rande der Boizenburger Altstadt. Meine Eltern waren gerade vor ein paar Tagen zum Geburtstag hier, jetzt stehen wir zu dritt vor der Tür. Beruflich habe ich in den vergangenen Jahren viel über die Zeit der DDR in Sachsen berichtet, nun sitze ich wenige Dutzend Kilometer von meinem Geburtsort entfernt und spreche darüber mit Menschen, die mich praktisch mein ganzes Leben begleitet haben.

"Also wir haben hier ein wunderschönes Foto von unserem Journalisten, der da vielleicht drei Jahre ist und unseren Hund Corrie führt, aber ich glaube Corrie zog den Bastian. Und das sieht sehr sehr schön aus. Das ist wahrscheinlich unser erstes Treffen gewesen."

Viel Neues über die Wendezeit

Kennengelernt hatten wir uns über gemeinsame Freunde. Als Pfarrer stellt Alfred im Oktober 1989 die Boizenburger Kirche für ein Friedensgebet zur Verfügung. Waltraud, Ärztin und vor kurzem 80 geworden, meldet sich damals auch zu Wort.

"Was hast Du gesagt?"

"Ich habe gesagt, meine Töchter stehen in Schwerin und…  in Rostock auf der Straße – und ich soll nichts sagen? Ich wünsche mir, dass die Stasi geht, dass die Grenzen aufgehen, dass das endlich mal Schluss ist. Und genau diese Worte stehen in meiner Stasi-Akte, die letzte Eintragung vom 31. Oktober 89. Kann ich glatt unterschreiben. Ja, es ging uns wirklich so, dass wir gesagt haben, es geht nicht mehr."

Ich erfahre an diesem Morgen bei Tee und Knabbereien viel für mich Neues über die Wendezeit in meiner Herkunftsregion. Und vor allem erlebe ich, was mein Bild zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung geprägt hat: Eine seit über 30 Jahren bestehende Freundschaft über alle Grenzen und Jahre hinweg.

"Mit euch war das sowieso eigentlich schon nach kurzer Zeit so: Dass Ihr in der DDR wohntet und wir nicht, das spielte eigentlich keine Rolle."

"Nein."

"Nach meiner Einschätzung schon zu DDR-Zeiten, schon vor der Wende. Und auch hinterher war das eigentlich selten das Thema."

"Ich fand das auch bei Euch gut, dass Ihr euch ganz normal verhalten habt wie Freunde und nicht wie Leute, die uns irgendwas erzählen wollten, was wir machen sollten. Wir mussten uns selbst finden."

"Da gab es ja auch nichts."

"Ja."

Es ist diese Freundschaft, die es mir schwer macht nachzuvollziehen, warum in meinem Berichtsgebiet Sachsen derzeit viele so das Trennende zwischen Ost und West suchen. Warum auch ich immer wieder wegen meiner Herkunft angegangen werde. 30 Jahre nach dem Mauerfall.

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