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StartseiteKultur heuteHumanitäre Krisen und das Kreisen der Helikopter12.05.2019

34. DOK.fest MünchenHumanitäre Krisen und das Kreisen der Helikopter

159 Filme gibt es zur Zeit in den Münchner Kinos zu sehen. Das DOK.fest ist mittlerweile eines der größten Dokumentarfilmfestivals Europas. Dabei ist die inhaltliche Ausrichtung engagiert. In Zeiten von Populismus und Nationalismus will man den Blick auf andere Länder und andere Kulturen lenken.

Von Tobias Krone

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Deutschland-Premiere von "Push". Regisseur Fredrik Gertten, Protagonistin Lailani Farha und Moderator Roderich Fabian vom BR im Gespräch (DOK.fest München / Push)
Deutschland-Premiere von "Push" mit Regisseur Fredrik Gertten, Protagonistin Lailani Farha und Moderator Roderich Fabian vom BR. (DOK.fest München / Push)
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Die Bedrohung - sie kreist über den Menschen wie ein Sinnbild der sozialen Schere: Über der australischen Zivilisationswüste, über den Protesten in Venezuela und auch über dem Manhattan, das sich kein Normalsterblicher mehr leisten kann. Das Surren der Helikopter haben gleich mehrere Dokumentarfilme auf dem ersten Wochenende des Münchner Dokumentarfilmfestival als Geräusch unserer Zeit entdeckt. Wie der schwedischen Regisseur Fredrik Gertten, dessen Film: "Push" am Freitagabend im Deutschen Theater München Deutschlandpremiere feiert. Er versucht der weltweiten Immobilienspekulation auf den Grund zu gehen:

"Der Film begleitet die UN-Kommissarin für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen Leilani Farha, an diese Orte der Welt. Der Film ist auf gewisse Art sehr unterhaltsam. Weil wir tolle Begegnungen haben, auch mit Immobilienmaklern, der Film guckt sich auch beide Seiten an, der setzt so ein bisschen den Kontrast zwischen denen, die mit Immobilien handeln und denen, die unter dem Immobilienhandel ganz schön leiden."

Politisches Engagement im Film

Daniel Sponsel, seit 2005 Festivalleiter, hat das Münchner Dok.fest zu einem der größten europäischen Festivals für den Dokumentarfilm gemacht. 50.000 Besucher erwartet man in diesem Jahr. Das Festival setzt seinen Fokus neben den aktuellen gesellschaftlichen Problemen auch auf das Verhältnis des Menschen zur Natur. Das ist mehr oder weniger intakt. Wie der dänische Filmemacher Jannik Splidsboel mit seiner Dokumentation "Dreams from the Outback" über die letzten Aborigines zeigt.

"Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich als Trinker hier noch den Hügel raufkomme, aber es geht ja."

So wie der alte Gabriel, der rituelle Tänze aufführt, versucht auch ein Teil der Jugend, alte Traditionen wieder aufleben zu lassen und dem Trauma der kulturellen Auslöschung und dem Alkoholismus zu entgehen. Jannik Splidsboel:

"Sie gehen jagen, sie finden sich in der Natur zurecht. Aber gleichzeitig hören sie Rapmusik, haben sie iPhones, sind mit der Welt verbunden. Sie kennen die Großstadt Melbourne, aber sie bleiben lieber in ihrer Heimat. Und das kann uns irgendwie Hoffnung machen."

Das DOK.fest will den Blick weiten für unbekannte Orte, auch wenn die manchmal ganz nah sind. Das gelingt auch der Regisseurin Elke Lehrenkrauss mit "Lovemobil", einer beeindruckenden Milieustudie der B188 zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Im Wald reiht sich Wohnmobil an Wohnmobil, in denen Prostituierte ihre Dienste anbieten. Der Film kommt ihnen, ihren Zuhältern und ihren Freiern schockierend nah.

"Ich suche was Spezielles. Deep Throat, kannst du das machen? – Wir können’s probieren. – Wie viel willst du dafür? – Mh. Das Doppelte von einmal blasen, das wären also 60. – Schluckst du auch? – Das kostet dann auch extra.

Afrikanische Prostituierte in Europa

Im Film sieht man, wie die Hure Rita nach diesem Gespräch mit den Augen rollt, ein Kreuzzeichen macht und mit dem Freier im Wohnwagen verschwindet. Die Prostituierten aus Afrika und Osteuropa erzählen von Missbrauch und Entwürdigung. Und gewinnen im Film ein Stück ihrer Würde zurück.

"Sie machen keinen Unterschied zwischen dir und einer Ware aus dem Supermarkt. Sie machen alles, was sie wollen. Sie benutzen dich nur."

Das Zusammenleben im multikulturellen Europa kann aber auch funktionieren. Spielerisch. Wie in "Gods of Molenbeek":

"Lamine, was ist eigentlich ein Muslim? – Das ist jemand, - der kein Schwein isst."

Eigentlich wollte die Finnin Reetta Huhtanen nur ein Porträt über ihren Neffen Aatos und dessen muslimischen Freund Lamine machen, denn die beiden Erstklässler unterhalten sich regelmäßig über ihre Suche nach Gott. Die Kamera folgt allein ihnen, durch Parks und eine Moschee, zeigt die Welt der Erwachsenen nur verschwommen. Doch dann passieren islamistische Anschläge in Paris und Brüssel. Und der Brüsseler Stadtteil Molenbeek, in dem die Kinder aufwachsen, wird bekannt als die Heimat der Attentäter. Lamine und Aatos müssen mit der Gewalt umgehen und sie bleiben trotzdem Freunde. Reetta Huhtanen:

"Wichtig im Film ist: Die Kinder haben keine Vorurteile. Sie sehen immer das, was sie verbindet, nicht das, was sie trennt. Sie haben nicht die Vorurteile, die viele von uns sehen."

Neugierig sein gegenüber dem Anderen. Es ist der Ausweg aus vielen Problemen unserer Zeit, den man auf dem Dok.fest München lernen kann. 

 

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