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StartseiteBüchermarkt40 Jahre "Wespennest"02.03.2010

40 Jahre "Wespennest"

Porträt einer außergewöhnlichen Literaturzeitschrift

Das "Wespennest", eine der innovativsten deutschsprachigen Zeitschriften im Grenzbereich zwischen Literatur und Essayistik, feierte kürzlich runden Geburtstag. Auch nach vier Jahrzehnten ist das Organ immer noch eines: außergewöhnlich.

Von Nils Kahlefendt

Seit 40 Jahren steht das "Wespennest" für besondere Literarur und Essayistik.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Seit 40 Jahren steht das "Wespennest" für besondere Literarur und Essayistik. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
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Wenn Walter Famler seine Wohnung im zweiten Wiener Bezirk verlässt, kann es vorkommen, dass ihm Nachbarn im Stiegenhaus anerkennend auf die Schulter klopfen. Mit Literatur haben die kleinen Leute im ehemaligen Rotlichtviertel, das sich gerade zum begehrten Wohnquartier wandelt, nicht viel am Hut. Doch dass das "Wespennest", eine der innovativsten deutschsprachigen Zeitschriften im Grenzbereich zwischen Literatur und Essayistik, kürzlich seinen 40. Geburtstag feierte, war sogar der "Kronen-Zeitung", Österreichs größtem Boulevard-Blatt, einen Zweispalter wert.

Mehr als die Hälfte dieser Zeit hat Walter Famler, der umtriebige Kultur-Netzwerker, der für die Weiten des Kosmos brennt und in seiner Freizeit hinterm Schlagzeug einer Rock'n'Roll-Band sitzt, den Rhythmus beim "Wespennest" vorgegeben. Eine Liaison, die eher zufällig begann, als der Gymnasiast aus der Oberösterreichischen Provinz mit seinen Klassenkameraden zur Bildungsreise in die Bundeshauptstadt verfrachtet wurde – unter anderem in die damals legendäre Buchhandlung Herzog:

"Und in dieser Buchhandlung gab's eine Ramschkiste, eine Wühlkiste, unter anderem mit "Wespennest"-Exemplaren zum halben Preis. Ich habe mein erstes "Wespennest" dort geklaut und später mit heißen Ohren gelesen. Es war eine Ausgabe, in der mein Herkunftsmilieu literarisiert vorgekommen ist. Das war schon eine prägende Lektüre. Ich habe die Zeitschrift für unsere Schüler-Bibliothek abonniert, die ich kurz darauf putschartig übernommen habe. Und als ich zwei Jahre später nach Wien gekommen bin, um ein Studium zu beginnen, dass ich nie abschließen sollte, bin ich sehr schnell in den Autorenkreis um das "Wespennest" hineingewachsen. So wurde ich über die Jahre zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär – aber doch vom "Wespennest"-Dieb zum "Wespennest"-Herausgeber."

Die erste Nummer des "Wespennests", herausgegeben von den damals 20-jährigen Autoren Peter Henisch und Helmut Zenker, erschien im September 1969 – 18 hektografierte Seiten in einem Packpapierumschlag. Was Ende der 60er in den Köpfen einer unruhig gewordenen literarischen Intelligenzija rumorte, war der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung – und nach einem eigenen Sprachrohr. Der Schriftsteller Franz Schuh, nach dem Ausscheiden der Gründer lange Jahre Redakteur und Mitherausgeber, erinnert sich:

"Erst macht man Geschichte, wenn man Glück hat. Dann hat man Geschichte. Und am Schluss ist man Geschichte. Und diesen Weg ist natürlich auch das "Wespennest" in gewisser Weise gegangen. Es ist eine Zeitschrift, die ihren eigenen Gründungs-Mythos nicht wirklich integriert hat. Und das sage ich sine ire et studio. Ich halte die Zeitschrift für eine gute Zeitschrift. Aber sie ist eine Zeitschrift, in der eine Transformation stattgefunden hat – naturgemäß stattgefunden hat – die sie nicht mehr rückbindet an den Anfang. Der "Gründungs-Mythos", von heute aus betrachtet, war nach meiner Meinung nach eine Modifikation der 68er- Zeit. Nämlich die Modifikation, dass Leute, die eigentlich publizistisch keine Aussicht hatten, die aber vital waren, also etwas tun wollten, sich selbst einen Spielraum eröffnen mussten. Man wollte also. Die Kleinbürger und die Arbeiter wollte man ins Gespräch bringen – sowohl ins politische als auch ins intellektuelle. Und in dieser Hinsicht war diese Zeitschrift eine Anti-These zu dieser merkwürdig austrozistischen Kultur, die einerseits bürgerlich ist. Also, die Leute, die mit der Kultur in diesem Staat Geld verdienen, haben alle a Krawatten und an BMW. Und wir wollten natürlich auch eine bestimmte "Vergegenwärtigung" zustande bringen. Und literarisch waren wir provoziert von der erfolgreichen Avantgarde, die in den 70er-Jahren schon Kanon war, nämlich der Wiener Gruppe."

Auch unter den Bedingungen eines sich verändernden Literaturmarkts gelang es dem "Wespennest" in den folgenden Jahren, den gesellschaftskritischen Anspruch seiner auf unorthodoxe Weise 'linken' Gründer zu bewahren. Eine publizistische Wachheit, die die Zeitschrift nicht nur ihren Autoren, sondern auch den wechselnden Redaktionen verdankt, die sie immer wieder 'neu' erfanden. Josef Hasliner war es, der als Herausgeber Mitte der 80er-Jahre die Internationalisierung entscheidend vorangetrieben hat; inzwischen gibt es durch die Kooperation mit "Eurozine", einem Netzwerk europäischer Kulturzeitschriften, zu dessen Mitbegründern das "Wespennest" zählt, einen regen Austausch mit intellektuellen Publikationsräumen in und über Europa hinaus.

Neben länderspezifischen, literarischen, kunsttheoretischen oder politischen Themenschwerpunkten bietet jedes Heft heute auf mehr als 100 Seiten Interviews, Polemiken, Buch- und Theaterbesprechungen sowie große Fotostrecken. Dem Untertitel "Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder" traut einer wie Franz Schuh indes nicht unbedingt über den Weg:

"Dieses "brauchbare" - das ist natürlich ein Reklameslogan. Der im Prinzip nur sagt: Das, was die anderen machen, ist unbrauchbar! Und ich erinnere mich auch dran, dass in einem der großen Theaterstücke des 20. Jahrhunderts, nämlich in Ernst Jandls "Aus der Fremde" diese Hauptfigur, der Dichter, seinen Postkasten ausleert und drin die Zeitschrift "Wespennest" findet und dann räsoniert "Ah, brauchbare Texte!" – und dann sagt die Figur, "des Eanzige, wos an dem brauchbar ist, ist der Erlagschein zum Bezahlen des Abonnements."

Um das 'Gesicht' der Zeitschrift kümmert sich seit anderthalb Jahrzehnten der Grafikdesigner Stefan Fuhrer, der unter anderem mit seiner Covergestaltung für das Schweizer Plattenlabel Hathut bekannt wurde. Fuhrers Grafikkonzept - klar, modern, aber nie dem Zeitgeist hinterher hechelnd - ist längst zum "Wespennest"-Markenzeichen geworden. Trotz der überschaubaren Auflage von 5000 Exemplaren schätzten Anzeigenkunden aus der Verlagsbranche das redaktionelle Umfeld – noch Mitte der 1990er-Jahre galt das "Wespennest" als anzeigenstärkste Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum. Inzwischen ist das Klima auch für Famler und seine Mitstreiter rauer geworden. Eine schmerzliche Konsequenz: Nach 40 Jahren als Quartalszeitschrift wird das "Wespennest" ab sofort nur noch halbjährlich erscheinen.

"Also, eine Überlegung bei "Wespennest" war sehr früh, diese Autonomie insofern auszuweiten, dass wir jenseits von Verkaufseinnahmen und jenseits von Subvention – was in Österreich ein Faktor ist für Unternehmungen dieser Art, und das ist natürlich eine Ausnahmesituation – jenseits von Subvention auch eine dritte Säule aufzubauen, nämlich Anzeigen. Aus Autonomiegründen! Es gibt ein Phänomen, das besonders in Österreich sehr stark ist, die subventionierte Dissidenz. Das hat etwas zu tun mit dem aufgeklärten Josephinismus, der natürlich immer noch Feudaltendenzen hat – wo man sozusagen zum intellektuellen Hofnarren des Staates in sozialdemokratisierter Form wird. Uninteressant! Langweilig! Das haben wir entwickelt, und das war eine Zeit lang wirklich eine Einnahmequelle, die über das sonst übliche Maß bei Zeitschriften dieses Typs hinausgegangen ist. Das stimmt: Die Zeitschrift war jahrelang die anzeigenstärkste literarisch-essayistische Zeitschrift im deutschsprachigen Raum; wir haben in besten Jahren bis zu 90.000 Euro netto Cash Anzeigen gehabt. Und dieses Anzeigenvolumen ist eingebrochen – das hat damit zu tun, dass sich die Entscheider verändert haben. Dass mit 5000 Auflage unter Wahrnehmungsgrenzen fällt. Dass die Verlage, vor allem die mittleren und größeren, heute die Antwort geben: Wir gehen nur in Werbemittel, die direkt im Buchhandel sind. Dass da Entscheider sitzen, die mit der Autonomie einer Zeitschrift nichts anfangen können."

Von der Gründung im Geist der Revolte über die Neuausrichtung Ende der 80er bis zum runden Geburtstag: Eine in die Jahre gekommene Zeitschrift muss sich gelegentlich von Jungspunden ohne jede Ehrfurcht anzählen lassen: Was, euch gibt's noch? Naheliegend, dass die Redaktion das aktuelle Heft Nummer 157 dem Thema "Altsein" gewidmet hat. Die latente Gefahr der Selbstbeweihräucherung hat man gottlob geschickt unterlaufen: Sieben engagierte Zeitgenossen, die zur Gründung des "Wespennests" bereits 40 Jahre alt waren, sprechen über ihr 20. Jahrhundert: Der Spanienkämpfer Gert Hoffmann, die Dichterin Friederike Mayröcker, der Theologe Adolf Holl, die Verlagsgründerin Irmgard Heydorn, der Ökonom Kurt Rothschild, die Übersetzerin Lisa Markstein und der Autor Giwi Margwelaschwili. Es ist dieser überraschende, im besten Sinn Erkenntnis und sehr gute Laune stiftende Welt-Zugriff, der das "Wespennest" auch für Ilija Trojanow unverzichtbar macht – auch wenn der, als Verantwortlicher für das Reportage-Ressort der Zeitschrift, ein wenig Partei ist:

"Es gibt natürlich ganz junge Zeitschriften, die einfach auch die junge Generation abbilden, die ganz andere Stimmen versammeln. Das ist auch gut so. Aber eine bestimmte Welthaltigkeit, eine gewisse literarische, politische, auch soziologische Spannung, die das "Wespennest" ausmacht, ist einmalig. Und das sage ich als jemand, der wirklich sehr spät dazu gekommen ist und das lange Zeit als Leser von außen betrachtet hat. Ich glaube, wir alle würden in dem Moment, wo wir das Gefühl haben, wir machen ein austauschbares "Produkt", würden wir es nicht mehr machen. Denn eins muss man ja sagen: Fast alle Beteiligten machen das ja aus reinem Idealismus. Also, es ist ziemlich viel Arbeit und es wird weder mit Ruhm noch mit Geld bezahlt."

Trau' keinem über 30 – das war einer dieser Sprüche, wie sie zur Gründungszeit des "Wespennests" in Mode kamen. Läuft man heute, da die Spontis von einst vielfach selbst in Schlüsselpositionen sitzen, nicht Gefahr, zum Coffeetable-Blatt des akademischen Proletariats zu werden? Hoch gelobt und wenig gelesen? Für den Rock'n'Roller und bekennenden Juri-Gagarin-Fan Walter Famler ist der Fall klar: Die Band macht einen guten Job, das Songbook stimmt – das "Wespennest" wird weiterhin dringend gebraucht.

"Es ist sicher mal erstens so, dass, so, wie wir mit Zeitschriften sozialisiert wurden, Zeitschriften wie "Kursbuch", "Konkret" - in Österreich gab es eine Zeitschrift mit großer Ausstrahlung im deutschsprachigen Raum, das war das "Neue Forum", Günther Nenning, Thorberg, andere – das existiert nicht mehr. Wir sind sozusagen ein Nachläufer einer größeren intellektuellen Zeitschriftentradition, die als solche nicht mehr existiert. Wir sind halt intellektuelle Kleinhäusler, das kann schon sein! Aber wir haben im Kern, im Textmaterial, immer noch den Anspruch auf diese Debatten-Kultur. Und auch dieses Vertrauen auf den literarischen Text und auf die Literarizität. Das kann bei Zeitschriften oft sich kristallisieren nur über ein paar Ausgaben, und da gibt's historische Vergleiche – ich will jetzt gar nicht die Sturm & Drang-Zeit mit den "Fragmenten" und den "Horen" auffahren – die hatten für sich auch über nur wenige Ausgaben a große historische Funktion in der Bindung von Intellektualität, Intelligenzija, Literarizität. Das waren, sozusagen, so Wende-Plattformen, Relais-Stationen in gewissen Zusammenhängen. Und eine Zeitschrift, die dann über 40 Jahre Textraum erzeugt - das ist sozusagen auch eine intellektuelle Überlebenstechnik. Es ist auch ein intellektuelles Beharren. Und es ist natürlich auch eine Art Krücke. Für einen selbst."

Zuletzt erschienen: Wespennest Nr. 157/November 2009 "Altsein". 112 Seiten, 12 Euro. Die nächste Ausgabe erscheint im Mai 2010, dann mit dem Schwerpunkt "[Ohne Titel] – Zu einer Archäologie des Unveröffentlichten"

www.wespennest.at

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