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40. Todestag von Oskar BrüsewitzFlammendes Zeichen

Vor 40 Jahren starb der Pfarrer Oskar Brüsewitz, vier Tage, nachdem er sich auf dem Marktplatz von Zeitz mit Benzin übergossen und angezündet hatte. Er wollte damit gegen die Anpassung der evangelischen Kirche an das DDR-Regime protestieren. Die Selbsttötung schockierte damals, die Erinnerung daran verstört bis heute.

Von Carsten Dippel

Pfarrer Oskar Brüsewitz im Februar 1976 (dpa / picture alliance / epd-Bild / Karl-Adolf Zech)
Pfarrer Oskar Brüsewitz im Februar 1976 (dpa / picture alliance / epd-Bild / Karl-Adolf Zech)

Es war ein Fanal. Ein unmissverständliches, aber auch verstörendes Zeichen: Am 18. August 1976 übergoss sich im kleinen Städtchen Zeitz ein Mann mit Benzin und zündete sich an.  Der Mann hieß Oskar Brüsewitz und war Pfarrer der evangelischen Kirche in Rippicha. Herbeigeeilte Stasi-Männer löschten die menschliche Fackel. Wenige Tage später, am 22. August 1976, erlag er seinen schweren Verletzungen. Eine Selbstverbrennung, öffentlich auf einem Marktplatz, noch dazu aus politischen Motiven, das war für das SED-Regime das schlimmste anzunehmende Unglück. Für die Evangelische Kirche in der DDR war es ein Schock.

Rainer Eppelmann, 1990 Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR-Regierung, war damals Pfarrer in Ost-Berlin. Er erzählt: "Der Name Oskar Brüsewitz hatte mir vorher überhaupt nichts gesagt. Und dann haben wir mit Erschrecken gehört, dass sich ein Pfarrer übergossen hat auf dem Marktplatz in Zeitz und offensichtlich protestieren wollte gegen die Bildungspolitik in DDR, aber was er für ein Mensch war, war mir unbekannt. Sein Selbstmord war ein Fanal, deswegen hat er es vielleicht auch gemacht. Das andere hat ihn ja DDR-weit nicht bekannt gemacht. Das erste, was ich mitbekommen habe: Ein Pfarrer hat sich öffentlich verbrannt und angesteckt. Und nicht aus Liebeskummer. Und ich habe dann in den nächsten Stunden unterschiedliche Reaktionen gehört."

Rainer Eppelmann hat von der Selbstverbrennung auf innerkirchlichem Wege erfahren.

"Das hat viele nachdenklich gemacht: Hat er Recht? Nicht, dass er sich umgebracht hat, aber mit seinem Protest – hat er Recht? Und dann wird sich mancher sicher hat sagen lassen, den Mut, den der da aufgebracht hat, den hab ich nicht aufgebracht."

Propaganda versucht den Fall zu vertuschen

Noch am Tag der Selbstverbrennung begann schon die Deutung des Ereignisses. Die Spin-Doktoren der Partei zogen alle Register, um Brüsewitz’ Tat eine eigene Wendung zu geben. Zunächst hatten sie noch versucht, dies zu vertuschen. Doch das Westfernsehen berichtete schon tags darauf, der Fall konnte nicht beschwiegen werden. Zur Beerdigung am 26. August kamen, trotz eines immensen Aufgebots an Polizei und Staatssicherheit, 400 Menschen. Im Neuen Deutschland wurde Brüsewitz schnell als Psychopath hingestellt.

Brüsewitz hatte zu jenen gehört, die oft aneckten, auch in der Kirche. Er war ein Unbequemer, hatte persönliche Schicksalsschläge zu verarbeiten, litt unter den politischen Bedingungen in der DDR. Sein Pfarramt versah er auf ziemlich unkonventionelle Art. Seine Jugendarbeit war beliebt, er schraubte zu einem Kreuz geformte Leuchtstoffröhren an seine Kirchenwand. Doch seine öffentliche Selbsttötung war umstritten. Gerade unter Pfarrkollegen. Brüsewitz hatte ja mitten hineingestochen in den Versuch der Evangelischen Kirche, sich mit dem Konzept einer Kirche im Sozialismus im SED-Staat zu verorten. Radikale Opposition war da nicht sehr angesagt. War die Selbstverbrennung ein politisch wichtiges Zeichen? Oder doch nicht viel mehr die Tat eines Wahnsinnigen, eines Einzelgängers, etwas, das nicht ins Bild passte und keinesfalls Vorbildcharakter haben konnte? Wie schwer sich die Kirche damals tat, erlebte auch Rainer Eppelmann.

"Er hat es seiner Kirche nicht leicht gemacht", sagt er. "Es hat natürlich Verurteilung gegeben. Man bringt sich nicht selber um. Ich fand das verständlich, aber unsensibel. Vorsichtige Worte der Kirche, ein aufgeregter Manfred Stolpe, der Sorge hatte, dass das jetzt alles zum Schaden der Regierenden passieren könnte. Ich kann mich noch an die Formulierung erinnern, jetzt sind wir gefordert, mit dafür Sorge zu tragen, dass die DDR nicht allein da steht."

Streit über die Erinnerung

Stimmen, die Brüsewitz’ Tat verurteilen und sie nicht in den Gedenkkanon zur DDR-Geschichte einordnen möchten, gibt es auch heute. Um die Erinnerung an Brüsewitz tobt ausgerechnet in Zeitz seit Jahren ein offener Streit. Vertreter eines Opferverbandes werfen dem Stadtrat Ignoranz im Umgang mit dem Brüsewitz-Gedenken vor. Doch auf der anderen Seite hat sich beispielsweise das Neue Deutschland im Jahr 2006 für die damalige Berichterstattung, die "üble Verleumdung" entschuldigt und den Schmähartikel von 1976 bedauert. Und außerdem eine Reihe von kritischen Leserbriefen veröffentlicht, die seinerzeit im Archiv verschwanden.

Eppelmann sagt: "Ich glaube, das hat auch eine Weile gedauert, bis aus dem Überlegen und dem Gespräch darüber die Emotionen rauskamen. Am überzeugendsten hat dieses Problem meiner Meinung nach seine Landeskirche gelöst, indem sie sich hinter den Menschen, hinter sein Anliegen gestellt hat, aber von der Art und Weise, so aus dem Leben zu gehen, sich distanziert hat."

Rainer Eppelmann hat sich als Leiter der Enquete-Kommission des Bundestages und seit vielen Jahren auch als Ehrenvorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur intensiv mit den Folgen des DDR-Unrechts beschäftigt. Für ihn gehört Brüsewitz bei allem Streit über seine Tat ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Vorgeschichte der friedlichen Revolution 1989/90 und auch in der gegenwärtigen Erinnerungskultur.

Eppelmann: Heute bin ich froh darüber, dass man immer noch an ihn erinnert, weil ich den Eindruck habe, er ist es wert, dass man sich an ihn erinnert. Weil er irgendwie erkannt hat, man muss Dinge benennen, um sich dagegen wehren zu können. Die friedliche Revolution kam, nachdem Menschen sich fanden, die ihre Stimme wiedergefunden haben. Er versuchte sich zu wehren und hat an der Stelle ein Stück Widerstandswillen und Nachdenklichkeit nicht nur bei einzelnen Pfarrern, sondern auch in den Kirchenleitungen hervorgerufen."

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