Sonntag, 29.11.2020
 
Seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang
StartseiteKalenderblattSexuelle Libertinage und gute Manieren10.11.2020

400. Geburtstag von Anne "Ninon" de Lenclos Sexuelle Libertinage und gute Manieren

Die Salonnière und Kurtisane Anne Ninon de Lenclos erlangte im Frankreich des 17. Jahrhunderts große Berühmtheit und gesellschaftlichen Einfluss. Ohne Rücksicht auf Konventionen entschied sie über ihre Sexualität und ihr Leben. Am 10. November 1620 wurde sie geboren.

Von Maike Albath

Ein zeitgenössisches Gemälde der Salonnière und Kurtisane Anne Lenclos, genannt Ninon  (picture-alliance / akg-images )
Anne "Ninon" de Lenclos auf einem zeitgenössischen Gemälde (picture-alliance / akg-images )
Mehr zum Thema

Dramatiker Jean Racine Sein Stoff waren Schuld und Begehren

Sexualität Französische Liebesart

Vor 350 Jahren geboren Affäre wird Prinzessin zum Verhängnis

Weiche Gesichtszüge, eine Fülle blonder Locken, lebhafte Augen und immer eine geistreiche Bemerkung auf den Lippen, so trat Anne de Lenclos, genannt Ninon, ihren Verehrern im Frühjahr 1640 entgegen. 

"Schon als junges Mädchen hatte Ninon verstanden, dass ihre einzigen Ressourcen ihre Intelligenz und ihre Schönheit waren. Denn damals konnten Frauen, die weder über eine angemessene Mitgift verfügten, noch aus der aristokratischen Elite stammten, nur zwischen Kloster und Prostitution wählen. Ninon entschied sich für Prostitution auf hohem Niveau."

Die römische Literaturwissenschaftlerin Benedetta Craveri, Verfasserin einer grundlegenden Studie zur französischen Salonkultur.

In der Tradition antiker Hetären

Ninon de Lenclos wurde am 10. November 1620 in Paris geboren und galt als musikalisches Wunderkind. Ihr Vater geriet mit dem Gesetz in Konflikte und floh ins Exil. Die Mutter starb, als Ninon Anfang 20 war. Der Begriff Prostitution klinge zwar brutal ergänzt Benedetta Craveri, aber: 

"Ninon war eine hochgebildete Autodidaktin. Sie kannte sämtliche Klassiker, war durch die Philosophie Epikurs geprägt und bezog sich auf die Tradition der antiken Hetären, die mit Aspasia, der Geliebten von Perikles, begann und sich dann in der italienischen Renaissance fortsetzte. Diese Frauen waren äußerst kultivierte Dichterinnen, ihre Salons wurden zu intellektuellen Umschlagplätzen. Für die Vertreter des freien Gedankens, für die Libertins im Wortsinn, war auch Ninon ein zentraler Bezugspunkt."

Offensiv atheistisch

Sie stand offen zu ihrem Atheismus, aber als 1651 während der Fastenzeit ein Priester unter ihrem Küchenfenster entlangspazierte und von einem Hühnerknochen getroffen wurde, musste sie die Untat im Kloster büßen. Königin Christine von Schweden, die von Ninons intellektueller Verve beeindruckt war, erreichte ihre Begnadigung. Und Ninon nahm ihr mondänes Leben wieder auf. Dazu Benedetta Craveri:

"Der Begriff des Salons stammt aus dem 19. Jahrhundert, zu Ninons Zeiten existierte er noch nicht, man sprach stattdessen von ruelle. Die ruelle ist der Platz zwischen Mauer und Alkoven, denn damals empfing man oft im Schlafzimmer."

Inbegriff der "ehrbaren Dame"  

Es fanden sich Schriftsteller und Philosophen wie Henri de La Rochefoucauld, Charles Perrault und Jean Racine ein, der Komponist Jean Baptiste Lully, Elisabeth Charlotte von der Pfalz, die Schauspielerin Marie Desmares und Françoise d’Aubigné, die zukünftige Madame de Maintenon. Denn auch die Damen zollten der zweifachen Mutter großen Respekt, selbst die, denen sie die Ehemänner und Söhne abspenstig gemacht hatte. Dazu Benedetta Craveri: 

"Ninon war wegen ihrer Konversation berühmt. Eine brillante, spritzige, kluge Konversation. Sie berührte sämtliche Ausprägungen des Menschlichen mit großer Leichtigkeit und unendlichem Scharfsinn. Auch in ihrer sexuellen Libertinage achtete sie immer auf gute Manieren. Deswegen galt sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht nur wegen ihres Esprits als beispielhaft, sondern auch wegen ihrer exzellenten Manieren. Sie war die Verkörperung der honnête femme, der ehrbaren Dame."

Portrait der Schriftstellerin und Malerin Franziska zu Reventlow (1871−1918), aufgenommen um 1905 in München (dpa / picture alliance / IBA-ARCHIV) (dpa / picture alliance / IBA-ARCHIV)Die Bohemienne Franziska zu Reventlow
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bildete München eine Art europäische Kulturhauptstadt. Der berühmten Schwabinger Bohème gehörte auch Franziska Gräfin zu Reventlow an. Sie war berüchtigt für ihr freizügiges Denken. 

So Benedetta Craveri weiter. Das Alter brachte gewisse Lasten mit sich, die Ninon gelassen ertrug. Benedetta Craveri stieß auf einen Brief von 1698 an Charles de Saint-Évremond, der im Londoner Exil ausharrte: 

"Wie gern würde ich noch einmal mit Ihnen zu Abend essen. Aber ist es nicht vulgär, sich nach einem Abendessen zu sehnen? Der Geist hat dem Körper gegenüber große Vorteile, doch unser Körper kann uns viele kleine Genüsse bereiten, die sich wiederholen und die Seele von ihren traurigen Grübeleien entlasten. Sie, mein Freund, spotteten oft über meine Tätigkeit, jetzt habe ich all das aufgegeben, denn diese Dinge ziemen sich nicht mehr, wenn man am Ende seines Lebens angelangt ist. Man muss sich mit dem Tag zufriedengeben, an dem man lebt. Mir scheint dies eine Lehre, die wir heute auch noch beherzigen können." 

Porträt der französischen Dichterin Louise Labbé oder Labé (ca. 1524-1566) in Form eines Kupferstichs von 1830. (imago images / Leemage) (imago images / Leemage) Edition "Femmes de Lettres" - Vergessene Dichtung großer Frauen
Die europäische Literaturgeschichte weist erhebliche Lücken auf. Texte von Autorinnen des 16. bis 18. Jahrhunderts sind kaum zu finden. Das Editionsprojekt "Femmes de Lettres" zeigt ihre beklemmende Aktualität

Im Oktober 1705 starb Ninon de Lenclos. Ihre geschliffene Ausdrucksweise und ihre Briefe sind bis heute unvergessen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk