Dienstag, 29. November 2022

Kommentar zum 49-Euro-Ticket
Ein Meilenstein mit Fehlern

Die Einigung von Bund und Ländern auf ein 49-Euro-Ticket sei eine Revolution, kommentiert Nadine Lindner. Kritikpunkte seien allerdings das Abomodell und die mangelnde ÖPNV-Versorgung. Neben der Ticket- brauche es auch eine Ausbau-Revolution.

Ein Kommentar von Nadine Lindner | 03.11.2022

Bushaltestelle auf dem Land in Vierkirchen
Einen der Grundkonflikte zwischen Bund und Ländern konnte die Entscheidung zum 49-Euro-Ticket leider nicht lösen: Wer wie viel Geld ausgeben muss, um einen richtigen Ausbauschub bei den ÖPNV-Verbindungen zu gewährleisten (picture alliance / photothek / Florian Gaertner)
Das 49-Euro-Ticket ist gut, es ist eine Revolution, aber eine Revolution mit Fehlern. Es gibt zwei fundamental positive Aspekte an der Einigung, die das Wort Revolution rechtfertigen, ein Begriff, der von Vorstandsmitgliedern der Deutschen Bahn selbst verwendet wurde.
Erstens: Der vielbeklagte Tarifdschungel, das heilige römische Reich der über 70 Verkehrsverbünde wird nun endgültig Geschichte – zumindest aus Nutzersicht.
Die zweite grundlegend gute Entwicklung ist der Preisdeckel, der mit dem 49-Euro-Ticket eingezogen wird. Gerade in Ballungszentren sind Monatskarten sonst oft deutlich teurer.
Gerade Pendlerinnen und Pendler, die ohnehin regelmäßig mit Bus und Bahn unterwegs sind, werden profitieren. Für mehr Menschen als bisher könnte sich angesichts hoher Spritpreise der Umstieg auf Bus und Bahn lohnen.
Für Menschen die nur hin und wieder den ÖPNV nutzen, könnte jetzt die Zeit des Rechnens anfangen. Was belastet die Haushaltskasse weniger, ein paar Einzelkarten oder das 49-Euro-Ticket? Die große Mobilitätsfreiheit, die das Neun-Euro-Ticket im Sommer auch für Geringverdiener geboten hat, wird nicht wieder kommen.
Fahrschein mit Aufschrift 49-Euro-Ticket und Euromünzen
Für viele beginnt jetzt das Rechnen: Lohnt sich das 49-Euro-Ticket? (IMAGO/Christian Ohde)

Ernstzunehmende Kritikpunkte am 49-Euro-Ticket

Hinzu kommen weitere ernstzunehmende Kritikpunkte, es sind die Fehler dieser Revolution. Da ist die Hürde des Abomodells: neue Nutzerinnen und Nutzer können das Ticket nicht nur einen Monat lang kaufen, sondern müssen im Kern 588 Euro für ein Jahr budgetieren. Monatliche Kündbarkeit hin oder her. Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP rechtfertigte das Abomodell mit dem Hinweis, dass sich Menschen damit nicht jeden Monat neu entscheiden müssten. Ein Argument, das nicht zieht, sondern die Hürden für den Kauf unnötig hoch legt.
Zweitens ist der Hinweis auf die mangelnde Versorgung mit öffentlichem Personennahverkehr völlig berechtigt. Die Frage ist nur, in welche Handlungsoption dieses Argument umgewandelt wird.  Das Neun-, jetzt 49-Euro-Ticket zeigt einen Mangel auf, den es schnellstens zu beheben gilt. Mit innovativen Konzepten wie Rufbussen oder Ruftaxis, die die Anbindung an größere Verkehrsachsen gewährleisten, muss ein Leben mit weniger Autofahrten auch auf dem Land möglich sein.

Auch der Ausbau des ÖPNV muss revolutioniert werden

Einen der Grundkonflikte zwischen Bund und Ländern konnte die Entscheidung zum 49-Euro-Ticket leider nicht lösen. Die Frage, wer wie viel Geld ausgeben muss, um einen richtigen Ausbauschub bei den ÖPNV-Verbindungen zu gewährleisten. Der Beschluss der Ministerpräsidentenrunde ist nur ein Minimalkompromiss und bleibt hier mutlos.
Die Ticket-Revolution muss zugleich auch eine Ausbau-Revolution sein. Die Tür ist jetzt offen, der Weg zur Verkehrswende, der dahinter liegt, ist noch weit. 
Nadine Lindner, Deutschlandradio Hauptstadtstudio, Juli 2019
Nadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die AfD sowie für die Verkehrspolitik zuständig.