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StartseiteKalenderblatt5.1.1979 - Vor 25 Jahren:05.01.2004

5.1.1979 - Vor 25 Jahren:

Charles Mingus, Jazzmusiker gestorben

Sie nannten ihn, nicht eben freundlich, "Doghouse", den großen sperrigen Kasten, der im Tourneebus immer den meisten Platz beanspruchte trotz seiner lediglich vier Saiten für ein paar knurrende Töne eben aus der Hundehütte, so schlicht wie Morsezeichen. – Liegt dran, wem er gehört, wer ihn spielt, ruft Charles Mingus aus dem Grab, und – zumindest die Jazz-Völker gehen in die Knie.

Charles Mingus, 1974 (AP Archiv)
Charles Mingus, 1974 (AP Archiv)

Am besten, man gibt selber den Ton an, schreibt seine eigenen Bassläufe und die Noten der restlichen Musiker gleich dazu. Von Duke Ellington, den er als junger Spund im Radio hört und in dessen Konzerten Jimmy Blanton ungeheuerliche Basssoli spielt, lernt Charles Mingus, das Logbuch des Jazz über Bord zu werfen: Ein Rhythmus ist kein Rhythmus. Er pfeift auf den ordnungsgemäßen Akkordwechsel, lässt Stimmen und Stimmungen in- und gegeneinanderlaufen, sprengt ostinate Figuren und wechselt das Tempo wie ein Autorfahrer beim Stop and Go.

Nicht von Anfang an natürlich. Mit zwanzig aus Los Angeles über San Francisco nach New York gekommen, zupfte er(und strich auch bisweilen den Bogen) beim Pianisten Art Tatum, spielte mit Louis Armstrong und ab Mitte der 40er mit Lionel Hampton, bei dem er seine erste Komposition, "Mingus Fingers", veröffentlichen konnte. Obwohl in den einschlägigen Kreisen bereits eine feste Adresse für Studio- und Live-Anforderungen aller Art, brauchte Mingus als Brötchengeber immer wieder den krisenfesten US Postal Service, wo ihn der Vater, ein Armeesergeant, so gerne ganz oben auf der Verwaltungs-Karrierreleiter gesehen hätte. Dieser Traum erledigte sich spätestens mit dem All-Star-Massey-Hall-Konzert in Toronto 1953. Der Inner Circle des Jazz gab sich die Ehre: Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Max Roach, Bud Powell – und Charles Mingus.
Die Halle soll damals wegen eines wichtigen Boxkampfes ziemlich leer gewesen sein, aber den rauschenden Mitschnitt wollten alle haben.

Langsam trat der Bassist Mingus hinter dem Komponisten zurück. "Pithecanthropus Erectus", "The Clown", "Tijuana Moods", "Mingus Ah Um" heissen die Workshop-Einspielungen mit wechselnden Formationen, mit Mingus‘ Bass als Taktstock und der wiederentdeckten Kollektivimprovisation. Im afro-amerikanisch-europäisch-chinesischen Elternhaus wollte man ihm den Umgang mit den schwarzen Nachbarn verbieten, umso heftiger wob er die Farben des Gospel-, Blues- und Soulerbes in seine Tonteppiche ein. Mit den "Weissen" stand er zeitlebens auf Kriegsfuß.

Als "spontaneous Composer" verweigert Mingus seinen Musikern bald die Noten, statt auf dem Papier sollte die Partitur "in ihren Ohren stecken". Das war nicht Jedermanns Sache. Aber:
Schiessen Sie nicht auf den Bassisten – er hat selbst eine Waffe. So mancher dichtete ihm einen Revolver in die Hosentasche. Fest steht, dass Charles Mingus seine Bandangestellten sogar auf der Bühne traktierte wie ein Sklaventreiber, sie waren ihm nicht schnell, nicht flexibel genug, wenn ihm während des Auftritts ein neues Arrangement durch den Kopf ging, die Telepathie leider wieder versagte und auch Handzeichen oder gar gebrüllte Befehle nicht fruchteten. Doch am Ende argumentierten die gepeinigten Bläser, Pianisten, Drummer selbst wie Anhänger der Prügelstrafe, sogar der Posaunist Jimmy Knepper, dem Mingus einst einen Zahn ausboxte, gestand dem "Leader" zu, der Motor seiner Karriere gewesen zu sein. Verklagt hat er ihn trotzdem.

Die elfstimmige Suite "The Black Saint and the Sinner Lady" hat Mingus selbst, jedenfalls damals, als seine beste LP bezeichnet, vielleicht, weil andere großangelegte Projekte der frühen sechziger Jahre an den eigenwilligen Vorstellungen ihres Schöpfers scheiterten. Charles Mingus, der Egomane, Exzentriker, von Depressionen geplagte, verkroch sich in sein Doghouse, schrieb eine Autobiographie – und war dann doch wieder da, auf Festivals rund um den Globus, komponierte für große Besetzungen und für die Ballett-Bühne. Dann diagnostizieren die Ärzte eine unheilbare Sklerose. Mingus stirbt, 56jährig, am 5. Januar 1979. Gut drei Monate später nimmt die Mingus Dynasty ihre Arbeit auf. Jimmmy Knepper - mit reparierten Zähnen, ist auch dabei. Die Post druckt – mit der üblichen Verzögerung – eine Charles-Mingus-Briefmarke.

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