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StartseiteCorsoVon Grenzgängern, Outsidern und Kopffüßlern 16.09.2019

50 Jahre Kunstsammlung KraftVon Grenzgängern, Outsidern und Kopffüßlern

Gemälde von Patienten aus Psychiatrien, Kopffüßler aus der Werbung und Wimmelbilder eines Blalla W. Hallmann: Eingang finden diese Werke von Grenzgängern und Outsidern in die "Sammlung Kraft" - und diese wächst seit 50 Jahren. Die Villa Zanders versammelt sie zu einer sehenswerten Ausstellung.

Von Peter Backof

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(Peter Backof/ Deutschlandfunk)
Patientenbild aus einer psychiatrischen Klinik - Kopffüßler, zu entdecken in der Sammlung Kraft in der Villa Zanders (Peter Backof/ Deutschlandfunk)
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Hartmut Kraft: "Einer meiner ersten Vorträge zu diesem Grenzgebiet bestand darin, dass ich eine wilde Mischung hergestellt habe; von Kunstwerken, von Bildern von Patienten und auch noch von Bilden, die von Tieren gemalt worden sind. Eines war von einem Esel mit dem Schwanz gemalt worden, und es war für die Zuschauer nicht sicher zu identifizieren, was von wem war."

Sagt Hartmut Kraft, Kunstsammler und Professor für Psychiatrie. Es stimmt also: Kunst ist, was im Museum hängt. Da lacht mal wieder: der für zeitgenössische Kunst nicht so sensible Mainstream. "Kunst ist immer eine Behauptung. Sammeln auch", heißt die Ausstellung in der Villa Zanders in Bergisch Gladbach, mit Einblicken in 50 Jahre Sammeltätigkeit von Hartmut Kraft und seiner Frau Maria.

Das Durchgeknallte in der Natur des Menschen

Naheliegend, dass einen Psychiater an der Kunst die Abgründe interessieren, Grenzüberschreitungen oder schlichtweg das Durchgeknallte in der Natur des Menschen. Manche "Outsider"-Künstler sind längst berühmt. Wie Gustav Mesmer, ein Leonardo Da Vinci des 20. Jahrhunderts, der fliegende Fahrräder zeichnete und baute, während echte Verkehrsflugzeuge über ihn flogen. Hartmut Kraft ist ihm als altem Mann noch begegnet:

"Größten Teil seines Lebens war er in psychiatrischen Kliniken interniert; dass der den Wunsch hat, von Ort zu Ort zu fliegen, ist erstmal logisch."

Bewertet der Psychiater. Und den Kunstsammler in Hartmut Kraft begeistert die raffinierte und visionäre Machart. Das kommt in der Ausstellung in der Villa Zanders anhand ausgewählter Werke von etlichen Outsider-Künstlern und -Künstlerinnen eindringlich rüber. Man hat das Gefühl, in ganz eigene und in sich schlüssige Welten einzutauchen; von Friedrich Schröder-Sonnenstern, der "komisch moralische Eseltreiber" malte bis Blalla W. Hallmann, der in aberwitzigen Wimmelbildern scheinbar eine Privatfehde mit der katholischen Kirche austrug. Böse Welt da draußen; hier in der Klinik, darf ich sein, darf ich malen?

Kunstwerke vor dem Mülleimer gerettet

"Als ich in Kliniken war, in den 70er-, 80er Jahren ... dass den Bildern keine Wertschätzung entgegengebracht wurde und sie vernichtet wurden, weggeschmissen wurden; und ich viele Dinge gerettet habe."

Zeichnungen des Patienten "Josef S." zum Beispiel, ein geistig stark minderbemittelter, schizophrener Mann. Krakelige Strichmenschen sind zu sehen. Immer ein riesiger Kopf, mit Beinen dran, ohne eigentlichen Körper.

"Also wenn die Arme an den Beinen ansetzen, ist das immer ein Hinweis darauf, dass eine weitere zeichnerische Stufe eigentlich schon erreicht worden ist, aber unter bestimmten seelischen Voraussetzungen kann es zum Beispiel dann wieder ganz zurückfallen: Der Betreffende zeichnet dann nur noch 'Kopffüßler'."

Hartmut Kraft sammelt seit 1979 Kopffüßler, aus allen möglichen Kontexten, von laufenden Smileys aus der Werbung, über Skulpturen aus Papua-Neuguinea und afrikanischen Ländern, bis hin zu Patientenzeichnungen. Zusammen auf Augenhöhe gruppiert.

In uns allen steckt ein Kopffüßler

"Es ist einfach ein Phänomen, dass nach der Kritzelphase Menschen, also Kinder zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren, Kopffüßler zeichnen, wenn sie einen ganzen Menschen darstellen wollen. Das scheint tief in uns ein von kulturellen Einflüssen unabhängiges Bildmuster zu sein."

Mal lustig, mal gruselig. In manchen Kulturen stehen Kopffüßler für Tod und Übergang in andere Welten. Und so ist das auch, wenn man Kunstwerke von Insassen psychiatrischer Einrichtungen sieht: Es berührt einerseits, andererseits ist es beklemmend; als wäre man verbotenerweise in Welten eingedrungen, die diesen Menschen allein gehören.

"Wenn der Betrachter nicht weiß, wer der Künstler ist und welchen psychischen Zustand er hatte, gibt es eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Bild. Sobald man um den Hintergrund weiß, und wenn es ein krankhafter Hintergrund ist, dann kommt natürlich sehr schnell eine Abwehr beim Betrachten ins Spiel."

Mal wie Beamte, mal wie Chaoten

Die Angst, selber nicht "normal" und gesellschaftsfähig zu sein? Womöglich. "Kunst ist immer eine Behauptung. Sammeln auch", beschäftigt sich mit insgesamt 16 Themengruppen, von German Pop-Art, über das Motiv "Totentanz", bis zu den Kopffüßlern - mit dem Blick über den Tellerrand. Und horizonterweiternd für Betrachter. Die großen Fragen: Was ist Kunst, was ist Kreativität? Und was ist schon normal? Wenn man daran denkt, dass Künstler und Künstlerinnen ja oft absichtlich Zustände herbeiführen, in denen sie "anders" ticken.

"Kreativität ist ein Riesensammelbecken. Ich kenne Künstler, die sind wie Beamte, und ich kenne Künstler, die sind wie Chaoten. Letzten Endes: Dass diese Grenzgängergeschichten immer wieder dazu führen, dass man ein halber Outsider selber ist. Die Künstler sagen dann: 'Oh, er ist ein guter Psychiater!' Und die Psychiater sagen: 'Oh, er hat sehr viel Ahnung von Kunst!'"

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