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StartseiteBüchermarktHierarchiefreier Meisterbetrieb12.06.2019

50 Jahre Verlag der AutorenHierarchiefreier Meisterbetrieb

"Man sollte anfangen, die normalen Zustände abzuschaffen": Das war nur eine der zahlreichen Ideen bei der Gründung des Verlags der Autoren 1969. Gefeiert wird das Jubiläum nicht nur mit diversen Veranstaltungen in Frankfurt, sondern auch mit dem Erscheinen der Verlagsgeschichte als Kompendium.

Von Ulrich Rüdenauer

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Zu sehen ist im Hintergrund eine Bücherwand, im Vordergrund FUNDUS. Das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019. (Cover: Verlag der Autoren)
50 Jahre Verlag der Autoren (Cover: Verlag der Autoren)
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Die Anfänge des Verlags der Autoren sind inzwischen schon ein kleiner Mythos in der Literaturgeschichte der Bundesrepublik: Es fing damit an, dass die wichtigsten Lektoren des Suhrkamp Verlags – Walter Boehlich, Klaus Reichert, Urs Widmer, Peter Urban und Karlheinz Braun – 1968 gegen den patriarchalen Führungsstil des Verlegers Siegfried Unseld aufbegehrten. Es ging um Mitbestimmung, um politische Haltung, um den Geist der Utopie, der gerade im Frankfurt jener Jahre durch die Universitätsflure und auch durch die Lindenstraße wehte. Dort, in der Lindenstraße 29 – 35, war der Sitz des Suhrkamp Verlags, der die Rolle des publizistischen Lordsiegelbewahrers der kritischen Theorie übernommen hatte, also als links und progressiv wahrgenommen wurde.

Es kam zum sogenannten Lektorenaufstand

Unseld kam seinen Lektoren entgegen. Aber nicht weit genug. Ein revolutionäres Experiment wollte er aus Suhrkamp nicht machen - aus der tiefen Überzeugung heraus, dass ein Verlag einen Verleger und kein Kollektiv brauche. Auch waren Unseld die Hände gebunden. In der Schweiz saßen die Investoren Suhrkamps, die sozialistischen Ideen gegenüber wenig aufgeschlossen waren. Es kam also zum sogenannten Lektorenaufstand. Mit Folgen, wie sich Annette Reschke erinnert.

"Und daraufhin haben sich diese Lektoren zusammengetan und beschlossen, den Verlag zu verlassen und einen eigenen zu gründen, der ihnen gehören sollte. Und so ist das entstanden."

Was entstanden ist, nannte sich ganz programmatisch Verlag der Autoren. Annette Reschke ist heute Lektorin für den Theaterbereich und als Vorsitzende der Autorenstiftung Frankfurt am Main. Die Autorenstiftung ging 1973 aus dem Verlag der Autoren hervor und vergibt unter anderem Stipendien und Preise. Das gesamte Verlags-Modell war damals neu, ungewöhnlich, fortschrittlich. Der Verlag sollte seinen Produzenten gehören. Das entsprach sehr der Atmosphäre der Zeit. Und allen Unkenrufen zum Trotz bewährte sich das Projekt. Bis zum heutigen Tag.

"Der Verlag ist so organisiert, dass es ein Lektorat gibt in allen Sparten des Verlages, die ja über die Jahre sich erweitert haben. Und wenn Autoren und Autorinnen mit ihren Werken das Lektorat überzeugen, dann werden sie angenommen, dann freuen wir uns, wenn wir sie aufnehmen können in die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Künstler, die wir vertreten. Und nachdem sie dann drei Werke im Verlag haben und zum Verlag beigetragen haben, dann kann man sie als Gesellschafterin oder Gesellschafter vorschlagen, und dann, von dem Moment an, wenn sie dann gewählt werden auf der Gesellschafterversammlung, dann haben sie die Möglichkeit, auch die Geschicke des Verlags, und zwar nicht die tagespolitischen im operativen Geschäft, sondern die verlagspolitischen Geschicke des Verlags mitzugestalten und mitzubestimmen."

Keine Revolutionsromantik

Ein halbes Jahrhundert ist die Gründung nun her. Das wird gebührend mit diversen Veranstaltungen in Frankfurt begangen. Und es erscheint eine hervorragende Verlagsgeschichte, herausgegeben von der ehemaligen Lektorin und Geschäftsführerin des Verlags der Autoren, Marion Victor, und Wolfgang Schopf, dem Leiter des Literaturarchivs der Frankfurter Goethe-Universität. "Fundus" – so heißt das aus Dokumenten und O-Tönen, Briefen und Werkschnipseln zusammengesetzte Kompendium, das zugleich auch eine faszinierende Facette der Kulturgeschichte in den vergangenen fünf Jahrzehnten liefert. Für Wolfgang Schopf, der tief in die Historie des Verlags der Autoren eingedrungen ist, hat sich die wirtschaftliche Aufstellung mit dem Schwinden utopischer Gesellschaftsentwürfe seit den 70ern keineswegs erledigt. Im Gegenteil:

"Es ist nicht Revolutionsromantik von vor 50 Jahren, sondern damals wurde umgesetzt, was heute jeder gute Unternehmensberater einem Konzernchef empfiehlt, nämlich zu schauen, dass im Unternehmen Sinn und Form der Arbeit in einer idealen Kombination ineinandergreifen. Und Mitbestimmung heißt Mitverantwortung tragen, und das Spannende am Verlag heute aus der Sicht des Verlagshistorikers ist, dass dieses Modell 50 Jahre lang erfolgreich, nichts mit der Vergangenheit zu tun hat, sondern mit hocheffizienter inhaltlich grandios aufgestellter und vorbildlich organisierter Produktion einhergeht."

Wolfgang Schopf gerät ins Schwärmen, wenn er von den Strukturen innerhalb des Verlags berichtet. Wo andernorts flache Hierarchien gefordert werden, hat man die Hierarchie hier gleich ganz abgeschafft.

"Es begegnet einem immer die Eigentümerin, der Eigentümer. Die Kollegen sind im Prinzip alle Abteilungsleiter. Eine Mitarbeiterversammlung wäre so etwas wie eine Vorstandskonferenz. Es ist ein Meisterbetrieb. Jeder ist in seinem Gewerk der beste des Hauses und hat sich von Kollegen nichts sagen zu lassen außer Rat, Diskussion, Anregung. Insofern ist Ideologie ins beste Reale gewendet, wie man es sich nur vorstellen kann."

Und Annette Reschke ergänzt:

"Das ist die große Besonderheit: Transparenz, Gleichberechtigung und die Freiheit mitzuentscheiden und mitzugestalten, das würde ich neben der Unabhängigkeit, die dieses Modell ebenfalls garantiert, die auch, wie Wolfgang Schopf richtig sagte, in der heutigen Zeit so entscheidend wichtig ist, das sind die großen Vorteile, die dieses Gesellschaftsmodell mit sich bringt. Und die dieses Gesellschaftsmodell so langlebig und erfolgreich haben werden lassen."

Transformationsfähigkeit von Geschichten

Der Erfolg hat gewiss mit einer Person zu tun, die den Verlag der Autoren von Anfang an geprägt und ihm eine Richtung gegeben hat: Karlheinz Braun.

"Karlheinz Braun herrschte zehn Jahre lang über die Theaterabteilung des Suhrkamp Verlags und konnte durchaus einen großen Teil des Rahms dessen, was er da angerührt hatte, abschöpfen und mitnehmen und aus dem Stand immense Erfolge verbuchen, was einer klassischen Neugründung über die Nacht nicht gelingt."

Die Kontakte, Freundschaften, Netzwerke, die Braun bei Suhrkamp geschaffen hatte, konnte er auf den Verlag der Autoren übertragen. Da wären wir auch bei einer Besonderheit dieses Hauses und bei einem weiteren Grund für seinen Erfolg: Der Verlag der Autoren ist kein Buchverlag – auch wenn später ein kleiner Buchverlag hinzukommen sollte. Es handelte sich am Anfang um einen klassischen Theaterverlag, der seine Autorinnen und Autoren gegenüber den Bühnen vertrat. Zu den ersten Mitgliedern gehörten unter anderem Erich Fried, Peter Handke, Hartmut Lange oder Martin Sperr, aber auch aus der DDR Fritz Rudolf Fries oder Heiner Müller. In den frühen Programmen waren vertreten Bazon Brock, Gerlind Reinshagen oder Rainer Werner Fassbinder. Bald kamen Klassikerübersetzungen hinzu. Und das Feld weitete sich, der Theaterverlag verstand sich bald auch als Medienverlag. Verhandlungspartner wurden nun im Bereich Hörspiel und Drehbuch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, später das Privatfernsehen. Autorinnen und Autoren arbeiteten naturgemäß auf unterschiedlichen Feldern.

"Sie sehen sowohl in der Anfangsphase bis heute in die Gegenwart die Transformationsfähigkeit von Stoffen, von Geschichten, vom Hörspiel ins Drama, vom Drama in den Film, vom Film ins Kindertheater, vom Kindertheater in die Oper. Es ist ungeheuerlich mit welcher Kreativität, mit welcher Energie, mit welcher Gestaltungskraft die Autoren des Verlags ihre Gegenstände in die unterschiedlichen Sparten transformieren können."

Heute umfasst der Verlag der Autoren auch noch einen Bereich für Choreografie und eine Literaturagentur. Annette Reschke:

"Es ist also ein Wachstum aus sich selbst heraus, das geschehen ist. Und zwar auf Initiative und durch die Kreativität der im Verlag engagierten Künstlerinnen und Künstler."

Die Produktionskosten waren – verglichen mit einem normalen Buchverlag – gering. Das hat nicht unwesentlich zur raschen Konsolidierung des Frankfurter Kollektiv-Start-Ups beigetragen. Der andere wichtige Faktor waren natürlich die äußerst erfolgreichen Autorinnen und Autoren – ob Botho Strauß oder Heiner Müller, Dea Loher oder Ursula Krechel, Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders, Edgar Reitz oder Felix Huby. Wurden in den Anfangsjahren die Debatten um das Verlagsmodell heftig geführt, so gerieten bald in den Kunstwerken selbst gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen in den Blick: Theater, Hörspiel, Film können sehr viel schneller auf sozialen Klimawechsel reagieren als es etwa der Roman tut.

Blättert man sich durch die Verlagsgeschichte "Fundus" wird einem so richtig bewusst, welche Beiträge dieser doch eher im Hintergrund wirkende Verlag der Autoren in den letzten Jahrzehnten durch seine Arbeit geleistet hat. Natürlich gab es in all den Jahren auch immer wieder Erschütterungen und Diskussionen – das Regietheater wurde vom Verlag, der sich schließlich für seine Dramatikerinnen und Dramatiker stark macht, durchaus argwöhnisch betrachtet. Und auch neue mediale Entwicklungen mussten erst einmal in die eigenen Denkstrukturen integriert werden. Wolfgang Schopf:

"Das Auftreten des Privatfernsehens wurde anfangs als Schreckgespenst empfunden. Als es etabliert war, wurde es natürlich mit Produkten bedient. Die Arbeit ist insofern immer die gleiche als dass die Rechte der Autoren optimal vertreten werden müssen. Aber das wird natürlich immer vielfältiger, je mehr unterschiedliche Vertragspartner sie in der Landschaft vorfinden."

Viele Gründe zu feiern

Vor zehn Jahren schrieben ein paar Verlag-der-Autoren-Gesellschafter eine Grußbotschaft, die mit folgenden Zeilen ansetzte: "Jetzt feiern wir also unseren 40. Geburtstag. Feiern ist immer gut! Aber schon morgen müssen wir uns fragen: Wird es auch zum 50-, 75- und 100-jährigen Jubiläum etwas zu feiern geben? Gibt es heute etwas zu feiern? Außer uns?"

Die Frage soll weiter gegeben werden an Annette Reschke:

"Man kann immer lamentieren. Ich finde aber, der 50. Geburtstag ist dazu im Grunde genommen kein Anlass, sondern wir können vielleicht immer noch feiern, dass es eine höchstlebendige Theater-, Film-, Fernseh-, Hörspiellandschaft in Deutschland gibt. Wir können auch feiern, dass die Rechte der Urheber im europäischen Parlament angekommen sind als verteidigenswert. Wir können feiern, dass es so viele Kreative gibt, die sich fürs Schreiben, fürs Theatermachen, für das Medium Hörspiel, für Netflix, aber auch den Kinofilm, für Choreographie und für den ganz klassischen Roman interessieren und dafür brennen. Das ist, denke ich, ein guter Grund zu feiern. Und dessen sich bewusst zu werden zum 50. Bestehen ist ganz wichtig."

Und Wolfgang Schopf:

 "Und wir können feiern, dass die kulturpessimistische Angst, dass jedes neue Medium ein altes vernichten werde, noch nie eingetreten und noch nie zutreffend war. Und deswegen kann sich ein Medienverlag über Medienentwicklung nur freuen, weil es wird auch in den nächsten Jahrzehnten einfach mehr zu tun geben."

Wolfgang Schopf und Marion Victor (Hrsg.): "Fundus. Das Buch vom Verlag der Autoren 1969 – 2019"
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main.
302 Seiten, 39 Euro.

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