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StartseiteRock et ceteraMysterien und Missverständnisse04.11.2018

50 Jahre "Weißes Album"Mysterien und Missverständnisse

Für Charles Manson war das „White Album“ die Anleitung zur Apokalypse. Für LSD-Pabst Timothy Leary Manifest der Gegenkultur. Und für Produzent George Martin das schwierigste Beatles-Album seiner Karriere. Zum 50. Dienstjubiläum erstrahlt der Klassiker im neuen Gewand, denn Produzentensohn Giles Martin hat ihn remixt.

Die britische Popgruppe "The Beatles" mit (l-r) Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison. (Undatierte Aufnahme). | (LAPRESSE)
Ende 1968 auf dem Weg zur Bandauflösung: die Beatles (LAPRESSE)

Musik 1: "Back In The USSR"

"Es macht keinen Sinn, was die Leute erzählen. Paul meinte mal zu mir: "Es ist lustig, was über uns geschrieben wird. Denn: Ich war dabei – und kann mich längst nicht an alles erinnern, was damals passiert ist." Wie kann das dann jemand, der gar nicht Teil der Band war?" Das ist ein guter Punkt."

Giles Martin empfängt in den Abbey Road Studios. Ein großer, gut gekleideter 49-jähriger, der seit Mitte der 2000er Haus- und Hof-Produzent der Beatles ist. Damit wandelt Giles auf den Spuren seines Vaters, befasst sich aber ausschließlich mit Überarbeitungen des Backkatalogs. Aktuell ist es das "White Album" vom November 1968 – das einzige Doppelalbum der Beatles. Die Entstehung, dieses Werks ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein Albtraum: Endlose Jam-Sessions, riesiger technischer Aufwand, Freundinnen, die sich nicht grün sind und eine zerstrittene Band. Alles Quatsch, so Martin. Das könne er auch belegen.

Ein Album ohne Konzept

"Ich glaube nicht, dass es viel Zank im Studio gab. Denn ich habe die Original-Bänder nach Spannungen und Streit abhört – aber da war nichts. Klar, waren sie ziemlich gemein zu den Technikern und meinem Vater, aber sie selbst haben an einem Strang gezogen. Das hat sich erst geändert als sie "Let It Be" gemacht haben – und regelrecht zerbrochen sind. Beim "White Album" sind sie noch eine Einheit."

Musik: "Blackbird"

"The White Album" ist ein besonders ehrgeiziges Werk von John, Paul, George und Ringo. Nur ein Jahr nach dem psychedelischen "Sgt. Pepper´s" mit seinem Pop-Art-Cover und seiner innovativen Technik, geht es diesmal um das exakte Gegenteil: Ein Album ohne wirkliches Konzept, dessen Songs erst im Studio entwickelt werden. Sprich: Die Fab Four lassen sich treiben, sie experimentieren, folgen ihren Gefühlen. Das Ergebnis reflektiert seine Zeit. Das Jahr 1968 mit seinen Studentenprotesten, dem Vietnamkrieg und politischen Morden.

Ein Schnappschuss des Jahres 1968

"Was das betrifft ist das "White Album" sehr unterschätzt. Dabei handelt selbst ein netter Song wie "Blackbird" von Frauenrechten. Und "Happiness Is A Warm Gun" ist angesichts der ständigen Schießereien in den USA aktueller denn je. Es ist ein ironischer Song – mit viel Sprachwitz. Wie das ganze Album, das etliche kulturelle Referenzen aufweist. Insofern ist es wie ein Schnappschuss des Jahres 1968 – und das mit Abstand mutigste Beatles-Album. Es war als hätten die Patienten das Irrenhaus übernommen."

Musik: "Revolution #9"

60 Stücke schreibt die Band, die Hälfte landet zwischen den weißen Covern – und setzt in seiner Vielfalt musikalische Maßstäbe: Als Sammelsurium verschiedenster Musikstile - von Rock´n´Roll über Ska, Folk bis hin zu Blues und Avantgarde. Die Beatles toben sich so richtig aus – und erfinden sogar den Hardrock. "Helter Skelter", von Sektenführer Charles Manson komplett missverstanden, ist ein Prototyp für die laute, harte Musik der 70er.

"'Helter Skelter' ist ein klassisches McCartney-Ding, mit der er auf die Meldung einer Tageszeitung reagierte. Da hieß es: The Who seien die lauteste Band der Welt. Sie hätten bei ihrem Auftritt im Crystal Palace derart aufgedreht, dass die Fische in einem nahegelegenen Teich gestorben seien. Pauls Antwort darauf war: "Die größte und lauteste Band der Welt – das sind wir!" "Helter Skelter" war also seine Reaktion auf diese Meldung."

Musik: "Helter Skelter"

Heftige Töne zu einem Titel, der "Holterdipolter" bedeutet – und zeigt, wie viel Humor die Fab Four haben. Das beweisen sie auch mit der Wild West-Persiflage "Bungalow Bill" oder der Chuck Berry-Parodie "Back In The USSR." Doch für die Menschen des Jahres 1968 ist das "White Album" eher Ausdruck von Verweigerung und alternativem Denken. Das Album ist nicht recht zu fassen, es wird keine Single ausgekoppelt – entspricht also nicht den üblichen Mart-Mechanismen. Und es hat nicht mal ein Cover, sondern nur eine schlichte, weiße Hülle. Noch eine Botschaft, so Martin.

"Ich denke, sie wollten die größte Band der Welt werden. Denn ihr Erfolg war kein Zufall. Sie haben alles gegeben, um Hits zu schreiben. Und sie haben die Welt erobert. Aber dann mussten sie erkennen, dass das gar nicht so toll war. Deswegen haben sie ihre eigene verrückte Realität voller schriller, bunter Farben entwickelt – ihr "Strawberry Fields". Als auch das langweilig wurde, konnte es nur noch "weiß" werden – im Sinne von leer."

Musik: "Dear Prudence"

Eine revolutionäre These, die Martin da aufstellt: Das "White Album", das sich über 18 Millionen Mal verkauft, ist das Werk einer Band, die an ihre Grenzen stößt. Die zu schnell zu groß wird und sich in ihrer Vielfalt verliert.

210 Songs in sieben Jahren

"Das Tempo, das sie vorgelegt haben, konnten sie nicht durchhalten. Und das "White Album" war der Höhepunkt dieser Entwicklung. Dieses Fiebrige, Verrückte, das zu 30 Stücken führte. Plus die Sachen, die sie nicht aufgenommen haben - wie "Let It Be", das Paul mitten in den Sessions zu "While My Guitar Gently Weeps" anstimmte. Während John eine erste Version von "Jealous Guy" entwickelte. Es war eine rastlose Kreativität, die sie auszeichnete. Und deshalb ist der Grund, warum sich die Beatles getrennt haben, auch einfach, weil ihre Flamme zu hell brannte. Ich meine, 210 Songs in sieben Jahren?"

Musik: "Ob-La-Di, Ob-La-Da"

Fast ein Jahr bastelt Giles Martin an der Jubiläumsedition des "White Album" – einem 7-CD-Set mit 107 Stücken, das auch Outtakes, alternative Versionen und akustische Demos umfasst. Die sogenannten "Esher-Demos", die im Studio von George Harrison entstehen und über Jahrzehnte nur als Bootleg kursieren. Für Martin eine Herzensangelegenheit, aber auch eine Herkulesaufgabe.

"Es war viel aufwendiger als "Sgt. Pepper´s" - allein was den Umfang betrifft. Denn es sind ja nicht 13 Stücke, sondern 30. Und ich hatte immer gedacht, das "White Album" wäre leicht zu mixen, weil es keinen audiophilen Klang hat. Es ist sehr rau und ungeschliffen. Woraus sich aber das Problem ergibt, dass man es nicht zu gut klingen lassen darf, sonst verliert es etwas. Deswegen habe ich es zwei Mal gemixt - um sicherzustellen, dass ich den Charakter des Albums wahre. Das ist wichtig."

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