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StartseiteMusikjournalVon Monteverdi bis Piazzola22.07.2019

50. Kammermusikfestival im finnischen KuhmoVon Monteverdi bis Piazzola

Tief in der finnischen Taiga gründete der Musikstudent Seppo Kimanen vor 50 Jahren das Kammermusikfestival in Kuhmo. Die improvisierten Sommerkonzerte haben sich zu einem internationalen Festival entwickelt - und das bietet in über 70 Konzerten einen Querschnitt der Musikgeschichte.

Von Hildburg Heider

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Das Storioni Trio beim Khumo Kammermusik-Festival 2019 (Khumo Kammermusik-Festival/ Stefan Bremer)
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Was macht Kuhmo für Künstler und Zuhörer so attraktiv, dass sie im Sommer die weite Reise nach Finnland auf sich nehmen?

"Finnland für mich erstmal die Natur, die ist sehr stark. Man fühlt, dass der Mensch toleriert wird von der Natur. Das gibt den Leuten wahrscheinlich einen besseren Kopf, weil die verstehen mehr, dass es größere Sachen gibt als uns."

Seit 2001 kommt Marc Danel mit seinen Quartettkollegen aus Brüssel hierher und erholt sich zwischen Beethoven und Brahms am Ufer des Lammas-Sees. Am Eröffnungsabend erklang wie auch im ersten Festspieljahr 1970 mein absolutes Lieblingsstück: Schuberts Streichquintett C-Dur, diesmal mit dem Danel-Quartett, verstärkt vom Cellisten Seppo Kimanen.

"Das ist auch mein Lieblingsstück. Ich habe das oft gespielt, mit vielen großen Künstlern. Wir hatten nur eine Probe, aber dann haben wir entschieden Musik zu machen, wie wir es fühlen, nicht technisch denken, sondern musikalisch zusammen eine Gruppe zu formen."

Zwei intensive Wochen mit fünf Konzerten täglich

"Ich habe am Anfang berühmte Leute immer gefragt: Willst du vielleicht mit anderen Musikern ein bisschen zusammenspielen? In Ruhe, in einer schönen Umgebung in Finnland, ohne Stress, und - am Anfang - ohne Kritiker?"

Die kamen erst 15 Jahre später, als sich die improvisierten Sommerkonzerte zu einem internationalen Festival entwickelten: zwei intensive Wochen mit fünf Konzerten täglich. Erst wird das Programm konzipiert, danach werden die passenden Interpreten gesucht. Auch Kimanens Nachfolger, der Bratschist Vladimir Mendelssohn, hat dieses Prinzip beibehalten.

"In Kuhmo sind alle Talente willkommen. Ich suche nicht, ich bin kein Manager. Wenn ich jemand brauche, zum Beispiel einen Tenor, dann suche ich. Ein Pianist - wenn man einen Baum schüttelt, dann fallen 40 Pianisten runter. Bei einem Tenor - da muss man viele Bäume schütteln."

Das Kuhmo-Modell hat Nachahmer in Russland, Japan, Deutschland und - im Falle von Gidon Kremer - auch im österreichischen Lockenhaus gefunden. Den weltberühmten Geiger traf ich 2013 im Kuhmo-Kunstzentrum am Lammas See.

"Der Gedanke an Lockenhaus kam mir in den Sinn hier an diesem wunderschönen See, und ich fand das wunderbar intim, wunderbar rein von jedem Kommerz. Ich fand das eigentlich sehr menschlich human, sehr musikerfüllend. Wie es heute ist, kann ich schwer sagen. Ich sehe nur: Es ist viel größer geworden. Ob ich das genauso willkommen heiße, wie ich damals entzückt war von dem Beginn von Kuhmo, weiß ich nicht. Ich bin eher geneigt, Musik intim zu machen und in einer intimen Stimmung zu erleben."

Ein Hauch von Nostalgie

Das Festival hat allerdings sein Limit an Besucherzahlen erreicht. Der Raum für Übernachtung und Verpflegung der Gäste und Künstler bleibt beschränkt. Zudem verliert die Stadt immer mehr Einwohner, die nach Süden abwandern. Auch wenn das Festival seit seiner Gründung stark gewachsen ist, kann von einer Kommerzialisierung wie etwa in Salzburg oder Bayreuth also keine Rede sein. Das Kuhmo-Festival bietet seit Jahrzehnten in über 70 Konzerten einen Querschnitt der Musikgeschichte, diesmal von Monteverdi bis Piazzola. Dabei werden Genregrenzen überschritten bis hin zu Oper und Oratorium in Kammermusikbesetzung. Mal meditativ und tiefernst, dann wieder frech verspielt.

Wie bei dieser Mozart-Serenade mit der Kremerata Baltica. Beim ersten Festspielkonzert in der Holzkirche am 19. Juli 1970 zählte Kimanen noch acht Besucher. Heute sind es Zehntausende, die im Juli nach Kuhmo kommen. Das Budget von einer Million Euro wird zur Hälfte durch den Ticketverkauf gedeckt, den Rest übernimmt die öffentliche Hand. Leider steht die Kontioschule nicht mehr zur Verfügung, bei vielen die beliebteste Spielstätte des Festivals. Der schicke Ersatzbau außerhalb des Zentrums lässt nicht annähernd die Stimmung der Kontioschule aufkommen, wo Zuhörer und Künstler einander nahe waren. Auch der künstlerische Leiter Vladimir Mendelssohn bedauert, dass das Pausenglöckchen der alten Schule nun für immer schweigt. Nostalgie! Das passt zum Motto dieses Festivals!

"Ich zitiere reichlich die Arbeit von Seppo Kimanen, der hier 30 Jahre künstlerischer Leiter war, ab und zu habe ich auch einen Input gegeben, zum Beispiel die Geschichte des Wiener Klassizismus in zwei Konzerten."

Musik ist die gemeinsame Sprache

Und in den Nachmittagskonzerten sind Auftragswerke für Kuhmo integriert.

"Wie gefürchtet ist es ein bisschen ruhig mit dem Besuch. Die Leute kommen, aber es ist nicht ausverkauft. Es ist mit Neuer Musik nicht so leicht. Aber ich bin sehr stolz. Jemand muss es machen."

Auf dem Flur vor seinem Büro schneidet Mendelssohn die Partitur seiner Komposition "Mata Haris letzter Tanz" zurecht, die am vergangenen Freitag uraufgeführt wurde. Mata Hari tanzt, verkörpert von der Tänzerin Ksenia Parchatskaja. Sie wird umringt von Musikern aus Finnland, Serbien, Frankreich, Chile, den USA und den Niederlanden. Musik ist ihre gemeinsame Sprache.

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