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StartseiteKommentare und Themen der WocheNoch hat Deutschland den Anschluss nicht verloren15.06.2019

5G-MobilfunkstandardNoch hat Deutschland den Anschluss nicht verloren

Deutschland hänge bei dem globalen Wettkampf um den Mobilfunkstandard 5G zurück. Doch das Rennen sei noch nicht entschieden, meint Stephan Scheuer vom "Handelsblatt". Deutschland habe noch eine Chance, Leitmarkt zu werden, wenn Politik, Netzbetreiber und Industrie sich anstrengen.

Von Stephan Scheuer, "Handelsblatt"

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27.03.2019, Niedersachsen, Hannover: Bei einer Pressekonferenz zur Hannover Messe steht ein 5G Aufsteller. Foto: Christophe Gateau/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Christophe Gateau / dpa)
Nach zwölf Wochen ist die Versteigerung der 5G-Frequenzen abgeschlossen (picture alliance / Christophe Gateau / dpa)
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Endlich kann Deutschland durchstarten. Nach zwölf zähen Wochen ist die Versteigerung der 5G-Frequenzen vorbei. Die Netzbetreiber können jetzt anfangen, das nächste Mobilfunkzeitalter einzuläuten.

Eigentlich will Deutschland Leitmarkt sein. Schließlich soll 5G als Turbo für die vernetzte Produktion fungieren. Maschinen sollen mit Maschinen kommunizieren können – und das nahezu in Echtzeit. Für das Geburtsland der Idee "Industrie 4.0" ist die moderne Mobilfunktechnik daher unerlässlich. Deutschland darf bei der Zukunftstechnik nicht den Anschluss verlieren.

Im globalen Wettrennen hängt die Bundesrepublik jedoch zurück. Die USA und Südkorea waren im April die ersten Staaten der Welt, die ihre kommerziellen 5G-Netze gestartet haben.

China hat vor zwei Wochen die Frequenzen vergeben und Peking plant in besonders großen Dimensionen. In den nächsten Jahren sollen die drei großen Mobilfunkkonzerne des Landes laut Hochrechnung der "China Academy of Information and Communications" knapp 200 Milliarden Euro für den Aufbau von 5G ausgeben. Zum Vergleich: Die Deutsche Telekom als größter Betreiber in der Bundesrepublik will jährlich 5,5 Milliarden Euro in die Modernisierung ihrer Netze stecken.

Politik sollte Einnahmen aus der Mobilfunkauktion in den Netzausbau investieren

In Deutschland sollten alle Seiten mithelfen, damit das Zukunftsprojekt gelingen kann. Zunächst ist die Politik gefragt.

Erstens: Sie sollte klar machen, dass die Einnahmen aus der Mobilfunkauktion in Höhe von 6,5 Milliarden Euro auch komplett in den Netzausbau zurückfließen. Zwar hatte die Bundesregierung angekündigt, dass die Erlöse in einen Fonds gehen, mit dem unter anderem  der Breitbandausbau finanziert werden soll, rund ein Drittel soll jedoch auch in die Digitalisierung von Schulen investiert werden. Das ist zwar ein wichtiges Ziel, aber es sollte nicht gegen die Netze der Zukunft ausgespielt werden.

Zweitens: In Deutschland gibt es einen Engpass bei Standorten für Mobilfunkantennen. Die Netzbetreiber prangern immer wieder an, dass sie im Durchschnitt zwei Jahre auf eine Genehmigung für eine neue Antenne warten müssen. Das ist viel zu lang. Zudem sollte die Bundesregierung öffentliche Gebäude für Mobilfunkstandorte freigeben. Das würde die Versorgung in Städten erheblich erleichtern.

Drittens, sollte die Bundesregierung dringend finale Regeln veröffentlichen, welche Ausrüster die Netzbetreiber verwenden dürfen. Aufgrund der Sorge um eine mögliche Spionage aus Peking wird seit Monaten darum gerungen, ob Technik des chinesischen Netzausrüsters Huawei verwendet werden darf. Eine kritische Prüfung ist zwar richtig und wichtig. Aber jetzt sollte die zuständige Behörde zu einem Schluss kommen. Sonst stockt der Ausbau.

Auch Netzbetreiber und Industrie jetzt gefragt

Auch die Netzbetreiber sind jetzt gefragt. Die Deutsche Telekom hat ein konkretes Versprechen abgegeben. Bis zum Jahr 2025 will sie 99 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche Deutschlands mit 5G versorgen. Das ist gut. Und es geht deutlich weiter als die Konkurrenten von Telefónica und Vodafone. Doch es reicht nicht aus. In Österreich verkauft die Telekom bereits ihre ersten 5G-Tarife. In Deutschland hat sie sich noch nicht festgelegt, wann und wie die ersten Angebote kommen sollen. Das muss sich ändern. Besonders Unternehmen wollen wissen, wann sie 5G einsetzen können. Und sie brauchen verlässliche Angaben, was sie die Zukunftstechnik kosten wird.

Der Erfolg von 5G hängt aber auch von der Industrie ab. Konzerne wie Volkswagen, Siemens und BMW haben sich dafür eingesetzt, dass Deutschland einen Sonderweg geht. Ein Teil der neuen Frequenzen wurde von der Bundesregierung reserviert, damit sie von Unternehmen genutzt werden können, um ihre Standorte mit eigenen 5G-Netzen auszurüsten. Die Frequenzen fehlen für den deutschlandweiten Netzausbau. Jetzt sollten die Firmen schnell zeigen, dass ihre Projekte dieses Risiko auch wert sind. Es darf nicht passieren, dass die Frequenzen ungenutzt bleiben.

Deutschland hängt bei dem globalen Wettkampf um 5G zurück. Aber das Rennen ist noch nicht entschieden. Politik, Netzbetreiber und Industrie müssen sich anstrengen, damit der Aufbruch in das Zeitalter des Echtzeitmobilfunks gelingt. Deutschland hat noch eine Chance, zum Leitmarkt zu werden. Das ist nur zu schaffen, wenn jetzt alle mitmachen.

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