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StartseiteWissenschaft im BrennpunktKein Grund zur Panik19.05.2019

5G und GesundheitKein Grund zur Panik

Potenziell krebserregend oder unbedenklich? Wie groß die Gesundheitsgefahr durch Handystrahlung tatsächlich ist, ist schwer zu sagen – auch für ausgewiesene Experten. Was sie sagen können: Alarmierende Hinweise für ein Krebsrisiko sind mit bisherigen Studien nicht zu belegen.

Von Volkart Wildermuth

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Mobilfunkmasten bei Füssen im Allgäu (imago stock&people)
Die Internationale Agentur für Krebsforschung Handystrahlung als „möglicherweise krebserregend“ ein - vorsichtshalber (imago stock&people)
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"Da kann man durchaus auf das bestehende Wissen zurückgreifen für eine Risikoabschätzung", sagt Dr. Sahra Drießen von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Universität Aachen. Sie ist die Projektleiterin des sogenannten EMF-Portals. In dieser Datenbank zur Wirkung elektromagnetischer Felder auf die Gesundheit sind fast 30.000 Studien erfasst. Viel Forschung, aber es zeigt sich, dass eine Masse an Daten nicht unbedingt schon Wissen ist.

"Eine klare Schlussfolgerung kann man da nicht ziehen und ein klares Bild zeichnet sich auch nicht ab. Also es gibt möglicherweise ein geringes Risiko für Hirntumoren, aber insgesamt sind die Daten eher inkonsistent."

Nur Vieltelefonierer betroffen?

Konkrete Hinweise liefert vor allem die Interphone Studie. In 13 Ländern wurden über 5.000 Patienten mit unterschiedlichen Hirntumoren und eine gesunde Kontrollgruppe befragt. Dabei zeigte sich überraschenderweise, dass Menschen, die gelegentlich bis häufig mit dem Handy telefonieren, etwas seltener Hirntumoren bekommen. Der Trend kehrte sich für die Gruppe der stärksten Nutzer um: diese Vieltelefonierer bekamen etwas häufiger Hirntumoren.

"Aber das war auch nur in sehr kleinen Gruppen der Fall und damit ist es auch mit einer statistischen Unsicherheit behaftet, weil es nur sehr wenige Personen betroffen hat."

Trotzdem stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung Handystrahlung vorsichtshalber als "möglicherweise krebserregend" ein. In der gleichen Kategorie befinden sich auch Ginko-Extrakte, Benzindämpfe und der Arbeitsplatz Feuerwehr. Dr. Inge Paulini, die Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, sieht in den epidemiologischen Studien aktuell keine belastbaren Hinweise auf ein Krebsrisiko durch Handys.

"Wir sind aber auch der Meinung, dass wir noch nicht lange genug Erfahrung haben und deswegen raten wir sehr zur Vorsicht und sagen nicht, es ist sicher für alle Zeiten - sondern wir wissen es heute noch nicht und heute ist eben dieser Zusammenhang noch nicht nachgewiesen."

Studien mit Schwächen

Schließlich treten manche Krebsarten erst nach vielen Jahren auf. Deshalb wird die Wirkung von Handystrahlung auch in Tierversuchen erprobt. Kürzlich würden zwei Arbeiten des Nationalen Toxikologie Programms (NTP) der USA und des Ramazzini Institutes aus Italien veröffentlicht. Beide hatten Tausende von Ratten und Mäusen jeden Tag ihres Lebens Handystrahlung ausgesetzt. Inge Paulini und ihre Kollegen am Bundesamt für Strahlenschutz haben sich die Studien genau angesehen.

"Wir sind der Meinung, dass es klare Hinweise gibt, dass diese Ratten, nur die männlichen Ratten, eine bestimmte Art eines Tumors bekommen haben. Wir sind aber der Meinung, dass das nicht ein klarer Beweis ist, dass tatsächlich diese Mobilfunkstrahlung Tumoren regelmäßig auslöst, weil wir fanden, dass die Studie Schwächen haben."

In der NTP-Studie traten die Effekte zum Beispiel bei unrealistisch hohen Strahlungsintensitäten auf. Es gab auch unerwartete Befunde: die Kontrolltiere in der NTP-Studie entwickelten zwar keinen Krebs, trotzdem starben sie früher als die bestrahlten Ratten und Mäusen. Sahra Drießen findet trotz dieser Widersprüche, dass die Ergebnisse nicht ignoriert werden dürfen.

"Es gibt viel Kritik an diesen Studien, aber die Autoren können meines Erachtens das meiste davon gut entkräften. Und interessant ist bei diesen Studien, dass bei den Tieren Tumore gefunden wurden, die vom Typ her den Tumoren ähneln, die auch in den epidemiologischen Studien gefunden wurden."

Gesamtgesellschaftliche Diskussion

Die Hinweise auf ein mögliches geringes Krebsrisiko sollten deshalb weiter untersucht werden. Die Internationale Agentur für Krebsforschung plant in den nächsten Jahren eine Neubewertung der Handystrahlung. Selbst wenn diese dann in die Kategorie "wahrscheinlich krebserregend" kommen sollte, bedeutet das nicht automatisch das Ende des Mobilfunks oder einen Stopp für 5G. Das zeigt das Beispiel des "Roten Fleisches", das als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft wird.

"Das ist eine gesamtgesellschaftliche Diskussion: wie viele Risiken sind wir bereit, für welche Vorteile in Kauf zu nehmen? Und da müssen einfach auch andere Gruppen noch mit ran."

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