60 Jahre deutsch-türkisches AnwerbeabkommenLeistung und Geschichte der Gastarbeiter anerkennen

Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen vor 60 Jahren ermöglichte die regulierte Einwanderung aus der Türkei nach Deutschland. Diese 60 Jahre zeigten, wie wichtig es sei, Einwanderung gemeinsam mit den ehemaligen Gastarbeitern und ihren Nachkommen zu gestalten, kommentiert Luise Sammann.

Von Luise Sammann | 05.10.2021

Türkische Familie mit sechs Kindern am 14.03.1979 in Duisburg.
Die erste Generation türkischer Arbeiter in Deutschland habe man sich selbst überlassen, meint Luise Sammann - mit unnötigen Spätfolgen (picture alliance / Klaus Rose)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die richtigen Worte gefunden: "Die Geschichten der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter verdienen einen angemessenen Raum in unseren Schulbüchern und in unserer Erinnerungskultur; eine Randnotiz wird ihrem Beitrag für unser Land nicht gerecht."
So Steinmeier beim Festakt der Türkischen Gemeinde in Deutschland zum 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Mit Worten wie diesen erkennt der Bundespräsident die Leistung und die Geschichte von Menschen an, ohne die das deutsche Wirtschaftswunder nach einhelliger Meinung von Historikern und Historikerinnen nicht möglich gewesen wäre.

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Eine Anerkennung, auch von politischer Seite, die Selbstverständlichkeit sein sollte – und es doch nicht ist. 1993 verübten vier Rechtsextreme einen Brandanschlag auf das Haus der Familie Genc in Solingen. Fünf türkische Frauen starben. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl erschien nicht zu ihrer Beerdigung. Er hatte "weiß Gott andere wichtige Termine", ließ sein Sprecher verlauten
Wenn Bundespräsident Steinmeier und auch Bundeskanzlerin Merkel es heute besser machen, dann auch, weil sie als Tatsache anerkennen, was andere immer noch negieren: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese Gesellschaft ist vielfältig. Ob auf Schulhöfen, in Familien oder in gesellschaftlichen Debatten, in denen auch die Enkel und Urenkel der einstigen Gastarbeiter endlich selbstbewusst ihre Stimmen erheben. Dass diese Vielfalt einigen als mühsam oder gar bedrohlich erscheint, liegt nicht an der Vielfalt selbst. Es liegt an unserem Umgang mit ihr.

Der Fachkräftemangel ist auch heute groß

60 Jahre Anwerbeabkommen zeigen auch: Das Ignorieren von gesellschaftlicher Veränderung kann nur schiefgehen. Es führt zu Spätfolgen, die unnötig sind und über Generationen hinweg Spuren hinterlassen. Darunter, dass man die erste Generation türkischer Arbeiterinnen und Arbeiter sich selbst überlassen, kein flächendeckendes Netz gebildet hat, um sie und ihre Kinder beim Ankommen zu unterstützen, leidet unsere Gesellschaft bis heute.
In der Metallwerkstatt des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft in Chemnitz (Sachsen) startet Thai Minh Nguyen aus Vietnam am in die Ausbildung zum Mechatroniker. Insgesamt sechs junge Leute aus Bulgarien, Polen und Vietnam haben dort 2014 ihre Berufsausbildung in den sogenannten Mangelberufen aufgenommen. 
Fachkräfteeinwanderungsgesetz - Mehr Chancen für ausländische Fachkräfte
Beschleunigte Verfahren, mehr Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse: Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sende die richtigen Signale, so die Rechtsanwältin Bettina Offer.
Fakt ist: Migration nach Deutschland wird es weiter geben. Und wie schon im Jahr 1961 steht dahinter nicht in erster Linie Gutmenschentum. Der Fachkräftemangel ist groß, Experten sprechen von einem Bedarf an bis zu 400.000 Zuwanderern pro Jahr. Grund genug, die zurückliegenden 60 Jahre als Lehrstück zu nehmen – anzupacken und dieses Einwanderungsland aktiv und gemeinsam zu gestalten, anstatt an der Vision einer Gesellschaft festzuhalten, die es so längst nicht mehr gibt, vielleicht auch nie gab.
Die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Nachkommen können und sollten dabei aktiv einbezogen werden. Man muss sie dazu fragen, ihnen zuhören. Die meisten teilen ihre Erfahrungen gerne. Auch ohne Festakt und Jubiläum übrigens.