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StartseiteCorso60 Jahre "Haus der Verrückten"28.05.2012

60 Jahre "Haus der Verrückten"

Geschichten aus Le Corbusiers "vertikaler Stadt" in Marseille

Als der Schweizer Architekt Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier, seinen ersten staatlichen Bauauftrag bekam, war er bereits 58 Jahre alt. Er wurde bewundert aber von vielen auch gefürchtet, vor allem für seine radikalen städtebaulichen Visionen.

Von Tanja Runow

Der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier entwarf die Wohneinheit in Marseille, die im Volksmund auch "Maison du Fada" genannt wird. (Deutschlandradio - Tanja Runow)
Der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier entwarf die Wohneinheit in Marseille, die im Volksmund auch "Maison du Fada" genannt wird. (Deutschlandradio - Tanja Runow)

In Marseille bekam Le Corbusier die Möglichkeit, erstmals all seine Überlegungen zu neuen Formen des Wohnens in einem riesigen Maßstab zu verwirklichen. Platz für 1.500 Menschen sollten die 337 Wohnungen seiner "Unité d´habitation" ("Wohneinheit") bieten - eine Antwort auf die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg. Es waren jedoch weniger die (anvisierten) Arbeiter aus dem zerstörten Hafenviertel, als die Marseiller Intelligenzia, die sich für das fortschrittliche Leben in einem gigantischen Betonklotz auf Stelzen begeistern konnte.

Der französische Architekt und Designer Charles Le Corbusier im Jahr 1947 (AP Archiv)Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als e Corbusier, im Jahr 1947. (AP Archiv)Auch wenn er einiges zu bieten hatte: lichtdurchflutete Wohnungen, einen Laufparcours und eine Kinoleinwand auf dem Dach, einen Kindergarten, eine Bibliothek und eigene Geschäfte. Die "Unité" sollte mehr sein als ein Haus, sie war Le Corbusiers gebaute Vision einer Stadt in der Vertikalen.

Im Volksmund bekam sie einen anderen Namen: "Maison du Fada", "Haus der Verrückten" - nachdem ein umstrittenes Gutachten die zukünftigen Bewohner von Geisteskrankheit bedroht sah.

Viele Bewohner der ersten Stunde haben dem Bau trotzdem die Treue gehalten. Mit seinem überdimensionierten Schornstein erinnert er von Weitem an ein riesiges, versteinertes Kreuzfahrtschiff, das kurz hinter der Bucht von Marseille auf Grund gelaufen ist. Und wie auf Kreuzfahrtschiffen üblich, war auch Le Corbusiers Betondampfer bis vor Kurzem sehr von Überalterung geprägt.

Der Betreiber des einzigen verbliebenen Geschäfts geht demnächst in Rente, auf den Fluren wurde es leer, die Fassade bröckelte. Doch seit ein paar Jahren lassen sich Zeichen des Aufbruchs erkennen. Umfassende Sanierungsarbeiten wurden in Gang gesetzt, junge Familien, Gewerbetreibende und Künstler wie der Pariser Designer Ora-ïto. haben die Architekturikone für sich entdeckt und erfüllen sie mit neuem Leben und neuen Ideen. Der Generationenwandel an Deck ist noch nicht vollzogen, doch der Kurs bereits eingeschlagen: Es geht, wieder einmal, Richtung Zukunft.



Redaktion: Kerstin Janse

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